Zu wenig Abstand beim Jubeln: Matheus Cunha (l.) und Vedad Ibisevic.
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HoffenheimBruno Labbadia war unmittelbar nach dem 3:0-Sieg in Hoffenheim so gut gelaunt, dass er die Suche nach Synonymen aufgab und gleich dreimal vom „Brustlöser“ sprach, den der Sieg für seine Mannschaft bedeutet habe. Und tatsächlich gab es ja einige Gründe, warum dieser Sieg ein echter Anlass war, ganz tief durchzuatmen. Zum einen hatte die Hertha das Spiel dann doch sehr viel deutlicher bestimmt, als es die Hoffenheimer Spieler wahrhaben wollten, die nicht müde wurden, ihre eineinhalb Chancen ins Feld zu führen. Und zum anderen kann die Hertha, die ja nicht nur laut Labbadia immer noch „mitten im Abstiegskampf“ steckt, die drei Zähler auch angesichts des Restprogramms sehr gut gebrauchen. 

Die nächsten vier Partien würden die Hertha, sofern die Saison nicht abgebrochen wird, auf die Top-Teams aus Leipzig und Dortmund treffen lassen, schon kommende Woche steht das Stadtderby an. Da tut es gut zu wissen, dass man sportlich einigermaßen gerüstet zu sein scheint.

In einer allerdings insgesamt eher schwachen Partie stellte der Gast konditionell und in Sachen Zweikampfverhalten das bessere Team, das die trägen Hoffenheimer immer wieder mal aggressiv anlief und sich die drei Treffer durch ein Eigentor von Kevin Akpoguma (58.), Vedad Ibisevic (60.) und Matheus Cunha (74.) auch durch eine mutige Grundausrichtung redlich verdiente. „Wir wussten vorher ja nicht, wo wir stehen“, sagte Labbadia, der vereinsübergreifend seinen siebten Sieg als Bundesliga-Coach gegen Hoffenheim feierte.

Der Sieg tue „wahnsinnig gut. Drei Tore haben wir auch schon lange nicht mehr erzielt, wir haben auch als Mannschaft gut gearbeitet“, schob er am Sonntag nach. Ein besonderes Lob wurde Vedad Ibisevic zuteil, der tatsächlich einer der Besten auf dem Platz war. Dabei hätte Labbadia ihn „noch vor einer Woche“ wohl nicht aufgestellt. „Wenn man die Mannschaftstrainingswoche sieht, haben ein paar Spieler herausgestochen.“ Ibisevic und Peter Pekarik, der „Stabilität reingebracht“ habe, hätten dazugehört. „Vedad war ein Fixpunkt vorne. Er ist immer wieder klasse angelaufen, ihm hat das intensive Training gutgetan.“

Aber wie bereits unmittelbar nach dem Spiel kamen auch am Sonntag schnell Fragen nach dem Jubelverhalten seiner Spieler auf. Die hatten bei allen drei Treffern eine Jubeltraube gebildet, abgeklatscht und sich umarmt. Labbadia, der sich selbst vorbildlich präsentiert hatte und nur per Ellenbogen-Check Spielerkontakt hatte, bat um Nachsicht: „Ich hoffe, dass die Menschen draußen Verständnis haben. Emotionen gehören dazu, sonst brauchen wir nicht zu spielen.“

Auch Manager Michael Preetz gab sich im ZDF irritiert über die Irritationen. Darauf angesprochen, warum man nicht die empfohlenen „kreativen“, aber hygienischeren Jubel-Varianten einstudiert habe, gab er sich nonchalant: „Uns war heute erst mal wichtig, kreativ auf dem Platz zu sein. An allem anderen können wir dann ja in den nächsten Wochen arbeiten.“ Das stellte auch Labbadia in Aussicht: „Wir müssen aufpassen, dass wir jetzt nicht wie im Kirchenchor auftreten. Trotzdem werden wir natürlich mit den Spielern darüber reden, das ist überhaupt keine Frage.“ Allerdings seien die Spieler bereits sechsmal getestet worden, und jedes Mal sei der Test negativ ausgefallen. Die Frage, warum Spieler, die zuvor 90 Minuten lang bei vollem Körpereinsatz um den Ball kämpfen, sich versündigen, wenn sie sich beim Torjubel auch berühren, kann man sicher legitimerweise stellen.

Wenn die Branche diese Frage aufwerfen würde, ginge das allerdings an den Kern des DFL-Konzepts, was nicht im Interesse der Erst- und Zweitligisten sein kann, die ja unbedingt Geisterspiele bis zum Saisonende austragen wollen. Ibisevic plädierte dennoch auf „unschuldig“ im Sinne der Anklage: „Wir haben uns außer beim Torjubel ja an alles gehalten“, sagte der Bosnier. Im Übrigen habe man ja nur mit eigenen Spielern gefeiert. Und von denen wisse man ja, dass sie negativ seien.

DPA/Thomas Kienzle
Boyata verteidigt sich

Innenverteidiger Dedryck Boyata von Hertha BSC hat sich für ein Foto gerechtfertigt, dass ihn in Körperkontakt mit seinem Mitspieler Marko Grujic im Spiel in Hoffenheim zeigt. „Es war weder ein Kuss noch Jubel. Ich entschuldige mich dafür, dass ich meine Hände auf das Gesicht von Marko Grujic gelegt habe“, schrieb der Belgier am Sonntag bei Instagram: „Ich habe ihm Abweisungen für eine Standardsituation gegeben.“ 

Tatsächlich lag bei der Jubelarie kein Bruch mit den DFL-Regeln vor wie beim jüngsten Zahnpasta-Kauf von Augsburgs Trainer Heiko Herrlich. Es war aber eine klare Missachtung der DFL-Empfehlungen, an die sich am Wochenende alle anderen Teams weitgehend gehalten haben, sieht man einmal von einem Kuss für Gladbachs Torschützen Marcus Thuram ab.

Ibisevic indes setzte andere Prioritäten, wie er nach dem Spiel freimütig erläuterte: „Ich habe unseren Doktor vor dem Spiel gefragt, ob das Tor zählt, wenn man das macht“, sagte der Kapitän. Das sei für ihn „das Allerwichtigste“ gewesen. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder äußerte derweil am Sonntag im „Doppelpass“ bei Sport1 die Erwartung, dass die DFL „bestimmt noch einmal nachschärfen“ werde. „Der Fußball hat eine extreme Vorbildfunktion, deshalb sollte man die Anweisung einhalten und nächste Woche drauf achten.“