Bayern-Trainer Hansi Flick herzt Thiago.
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MünchenDie Frage, welches Bild denn nun das eindrücklichste gewesen sei, ließ sich hinterher kaum beantworten. Eine wahre Bilderflut war es ja gewesen, die am Sonntagabend aus dem Estádio da Luz in Lissabon um die Welt ging. Aus jenem Stadion des Lichts, das nun wie Wembley beim FC Bayern immer in besonderer Erinnerung bleiben wird.

2013 hatten die Münchner in London unter Trainer Jupp Heynckes ihr erstes Triple auf den Weg gebracht, durch Arjen Robbens entscheidendes 2:1 gegen Borussia Dortmund und den damaligen BVB-Trainer Jürgen Klopp. Nun gelang den Bayern im zweiten Endspiel der Champions League unter Beteiligung zweier deutscher Trainer der zweite Dreifach-Triumph ihrer 120-jährigen Geschichte. Und nicht nur Chefcoach Hansi Flick lieferte nach dem 1:0 (0:0) gegen Thomas Tuchels Paris Saint-Germain Bilder für die Ewigkeit, sondern beispielsweise auch Flicks Co-Trainer Hermann Gerland, wenn auch eher unfreiwillig.

Thiago, der aller Voraussicht nach letztmals für den FC Bayern gespielt hatte und sich wohl zu Klopps aktuellem Arbeitgeber FC Liverpool verabschieden wird, drückte dem „Tiger“ Gerland einen innigen Kuss auf den Hals. Zu sehen war auch, wie Joshua Kimmich und Serge Gnabry, Jugendfreunde seit ihrer Zeit beim VfB Stuttgart und Teil der Jahrgänge 1995/96, die beim FC Bayern und in der deutschen Nationalmannschaft eine Ära prägen sollen, eng nebeneinander auf dem Rasen lagen und glückselig in den Nachthimmel blickten. Und dann war da noch das Bild, wie Flick Kingsley Coman herzte und ihn zu dessen Tor zum Triple beglückwünschte. Vereint waren dabei zwei Hauptdarsteller des Finals, in dem eine unglaubliche Geschichte mit einer kitschigen Pointe versehen wurde.

Von Flick, 55, nach der 1:5-Niederlage in Frankfurt im November von Niko Kovacs Assistenten zum Cheftrainer befördert, hatte zu Saisonbeginn niemand gedacht, dass er die Münchner zum Triple anleiten würde. Es folgten 33 Siege in 36 Pflichtspielen unter seiner Regie, die letzten 30 ohne Niederlage und mit nur einem Remis. Gekrönt davon, als erstes Team alle Spiele in der Champions League gewonnen zu haben, zudem mit der besten Torquote (3,91). Und von Coman, 24, genannt King und überraschend für Ivan Perisic in der erstmals nach drei Spielen veränderten Startelf, hatte vorm Finale kaum jemand erwartet, dass er dem Kitsch die Krone aufsetzen könnte.

Nun traf er nach Kimmichs Flanke mit dem Kopf (59.) gegen jenen Gegner aus seiner Geburtsstadt Paris, bei dem er ausgebildet wurde, ehe er nach seinen ersten Profispielen für PSG über Juventus Turin 2015 nach München kam. Zunächst für zwei Jahre per Leihe, bevor ihn der FC Bayern für 21 Millionen Euro fest verpflichtete. Inzwischen läuft sein Vertrag bis 2023. „Ich bin sehr glücklich, ein unglaublicher Abend“, sagte der Franzose, es sei „der schönste Tag meines Lebens, was den Fußball angeht“.

In den 90er-Jahren, als es beim FC Bayern zuweilen drunter unter drüber ging, wurde der Verein FC Hollywood genannt. Nun lieferten die Münchner das perfekte Drehbuch einer außergewöhnlichen Corona-Saison und einen positiv konnotierten Nachweis dafür, dass ihr früherer Beiname noch immer passend ist. „Es fühlt sich unglaublich an. Wir haben eine Reise hinter uns“, sagte Thomas Müller, „der Haufen ist Wahnsinn von A bis Z. Wir kamen von relativ weit unten im Herbst.“

Als er darüber sprach, wurde ihm „ein bisschen schummrig“. Und als er sich gefangen hatte, erzählte er noch von vorm Finale bestaunten Videos der Triple-Helden von 2013 und der eigenen Familien. Es habe viel zusammengepasst, „aber jetzt wird’s ein bisschen schnulzig“, sagte Müller. Eine ganz besondere Geschichte war es auch für ihn, nachdem ihn Kovac aussortiert hatte, ehe Flick ihn wieder zur Säule des Teams aufbaute. Müller sagte: „Natürlich freue ich mich, dass ich nochmal zeigen konnte, dass ich nicht auf den Altglas-Container gehöre, sondern dass ich noch ein bisschen was im Tank habe.“

Und Coman? Der hatte nur deshalb dieses ganz besondere 500. Tor des FC Bayern in der Champions League erzielen können, weil Flick ein goldenes Gespür bewiesen hatte mit seiner einzigen Umstellung, die er wegen Comans Verbindung zu Paris und der erhofften Extra-Motivation gegen PSG vornahm. Als Kopfballtorschütze hatte Flick Frankreichs Nationalspieler aber wohl kaum eingeplant, denn mit dieser Qualität war Coman bisher nicht aufgefallen.

Eine weitere Pointe beinhaltete seine Geschichte, weil er nach Bayerns Königstransfer Leroy Sané, ebenfalls ein Linksaußen, dem Vernehmen nach an einen Abschied gedacht hatte, auch wenn er sich öffentlich anders äußerte. Doch die Münchner werden Coman nun erst recht nicht ziehen lassen. Vielmehr ist er als Teil der neuen Generation 1995/96 eingeplant. Von Kimmich, Gnabry, Sané, Leon Goretzka, Niklas Süle, Benjamin Pavard, Lucas Hernández und später Alexander Nübel versprechen sie sich beim FC Bayern eine Ära, ebenso von Trainer Flick. Comans Tor zum Triple war aus ihrer Sicht dafür der perfekte Anfang.