Auf dem Podium in Paris: Primoz Roglic, Tadej Pogacar und Richie Porte (v.l.).
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ParisNatürlich war die Tour de France ein Erfolg. Natürlich kann Christian Prudhomme nichts anderes sagen, der Renndirektor, der Chefverkäufer eines der größten Sportspektakel der Welt. Nach 3482,2 Kilometern ging die Frankreichrundfahrt am Sonntag in Paris zu Ende. Eine Leistungsexplosion hat für Furore gesorgt, ein Protagonist wie ein Besucher von einem anderen Stern. Ein weiterer Gesamtsieger gerät unter Anfangsverdacht, wie so oft: Tadej Pogacar, seit Montag 22 Jahre alt, steht für eine slowenische Dominanz bei der 107. Ausgabe der Rundfahrt. Primoz Roglic hat mit seiner Vorstellung bei dieser Tour ebenfalls für Aufsehen gesorgt. Tadej Pogacar setzte aber noch eins drauf. Was steckt hinter diesen Erfolgen und der Formation UAE Emirates?

Von einer Ära ist die Rede, die auf dem Pariser Champs-Elysees begründet worden sein könnte. Bei diesem Begriff ist Vorsicht geboten. Siebenmal in den vergangenen acht Jahren hatte das Ineos- respektive Sky-Team die Tour de France gewonnen. Der Rennstall hat das höchste Budget und konnte doch nicht mithalten. Titelverteidiger Egan Bernal stieg nach einer Schwächephase aus.

Das Team stand und steht unter dem Verdacht, mit verbotenen Methoden nachgeholfen zu haben. Bradley Wiggins etwa und sein Team- und Toursieger-Kollege Christopher Froome, der kommende Saison bei Start-Up Nation unter Vertrag und unter besonderer Beobachtung steht, einer schwachen Saison diesmal zum Trotz. 

Der Ausgang einer anderen Ära ist bekannt. Die Ära Armstrong steht für exzessives Doping und einen ungesunden Corpsgeist im Peloton. Dass ausgerechnet der Texaner dem neuen Toursieger Pogacar eine übermenschliche Leistung attestiert, entbehrt nicht einer gewissen Komik. 

Wie auch immer: Tadej Pogacar ist mit 21 Jahren und 365 Tagen der zweitjüngste Gesamtsieger der Tour de France. Henri Cornet war 1904 bei der Triumphfahrt 19 Jahre, 11 Monate und 20 Tage alt, gewann die zweite Auflage des Rennens aber nur, weil die vier Kollegen vor ihm im Gesamtklassement disqualifiziert wurden. Darunter Maurice Garin, der Titelverteidiger. Sie hatten die Strecke abgekürzt oder die Eisenbahn benutzt, hatten sich in nächtlicher Dunkelheit von Autos schleppen lassen, die Tour-Etappen waren seinerzeit deutlich länger.

Eine neue Generation jedenfalls ist am Start, klopft an bei den Etablierten. Der Schweizer Marc Hirschi ist ein Jahr älter als Toursieger Pogacar. Er gewann eine Etappe und wurde zum angriffslustigsten Fahrer der Tour bestimmt. Und Lennard Kämna sorgte sechs Tage nach seinem 24. Geburtstag für den einzigen deutschen Etappensieg. Im nächsten Jahr will auch Vorjahressieger Egan Bernal, 23, wieder angreifen. Dazu kommt es wohl zum Debüt des belgischen Jungstars Remco Evenepoel, 20.

Mit dem Begriff der neuen Generation verbindet sich auch immer die Hoffnung auf ein Umdenken. Das bleibt der Tour als Vorzeigeveranstaltung des Radsports seit der großen Doping-Schleife 1998 zu wünschen. Und es lohnt sich in diesem Zusammenhang, das Umfeld des Toursiegers schlaglichtartig zu beleuchten, um dem Geist in der Equipe auf die Spur zu kommen. Sein Team UAE Emirates ging aus der Formation Lampre hervor. 2011 musste Giuseppe Saronni dort den Posten des sportlichen Leiters aufgeben; er steckte damals in einer Dopingaffäre um Damiano Cunego. Die Staatsanwaltschaft in Italien ließ die Vorwürfe allerdings fallen. Saronni ist inzwischen als Berater für die Mannschaft tätig.

So weit, so gut. Eng verknüpft mit dem Erfolg des Rennstalls ist der Name Mauro Gianetti. Der Schweizer fiel mit der Equipe Saunier Duval und positiven Dopingbefunden auf: 2008 war das, seinerzeit kam das Blutdopingmittel Cera im Peloton auf. Es galt als nicht nachweisbar. Ein Trugschluss, der einige Fahrer auffliegen ließ. Beim Österreicher Bernhard Kohl und dem Deutschen Stefan Schumacher etwa führte er zu einer Sperre. Im Zentrum der Affäre stand vor allem Riccardo Ricco. Wegen Dopingvergehen wurde er in seiner Karriere zweimal gesperrt, zuletzt für einen Zeitraum von zwölf Jahren. Saunier Duval stieg 2008 aus dem Radsport-Sponsoring aus. Mit von der Partie damals wie heute bei Gianettis Rennstall: Matxin Fernandez.

Alter Wein in neuen Schläuchen? Jeder verdient eine zweite Chance. Außerdem gilt die Unschuldsvermutung auch für Tadej Pogacar und Primoz Roglic, die beiden Slowenen: Platz eins und zwei in der Gesamtwertung belegen sie, dazu kommen vier Etappensiege des Duos. Außerdem gab es noch zwei zweite Plätze von Luka Mezgec. Für Slowenien war die Tour de France auf jeden Fall ein voller Erfolg. Bis auf weiteres.