Das Potenzial von Matheus Cunha ist noch lange nicht ausgereizt.
Foto: City-Press

BerlinBruno Labbadia gehört zu der Kategorie Trainer, die auf Pressekonferenzen und in Gesprächen stets kontrolliert und freundlich auftreten. Emotionen verbirgt der 54-Jährige bei solchen Auftritten gern. Aber auf dem Platz ist der ehemalige kampfstarke Mittelstürmer immer in Bewegung. Die Torgelegenheiten seiner Spieler ahmt er oft – sicher ohne es zu merken – körperlich nach. So auch am zurückliegenden Sonnabend beim 4:1-Sieg der Hertha in Bremen. Als etwa Stoßstürmer Krzysztof Piatek nach einer Flanke von Peter Pekarik zum Kopfball hochstieg, war Folgendes zu beobachten: Labbadia schnellte auf die Zehenspitzen hoch, machte sich lang, drückte sein Kreuz durch, bog sich und köpfte in Gedanken mit. Der Kopfball des polnischen Profis aber knallte nur an die Latte. Später allerdings konnte Labbadia noch viermal über Treffer jubeln – drei davon durch seine Stürmer erzielt.

Man kann davon ausgehen, dass Labbadia, der in 328 Bundesligaspielen 103 Tore schoss, und Manager Michael Preetz, der es in 257 Erstligaeinstätzen auf stattliche 91 Treffer brachte, bei der Auswahl ihrer Offensivkräfte ganz besonders auf deren spezielle Qualitäten achten, zumal diese meist teurer sind als etwa Abwehrspieler oder Torhüter.

Im Moment beschäftigt Hertha BSC jedenfalls die kostspieligste Abteilung Attacke in der Vereinsgeschichte.  Auch an diesem Freitag hat der Trainer die Qual der Wahl, wenn es ab 20.30 Uhr im Olympiastadion vor 5000 Zuschauern gegen Eintracht Frankfurt geht. Die vier Angreifer Matheus Cunha, Dodi Lukebakio, Krzysztof Piatek und Jhon Cordoba haben zusammen 76 Millionen Euro an Ablöse gekostet. In der vereinsinternen Rangliste, den Top Ten der teuersten Transfers, stehen allein sechs Stürmer. Neben Piatek (23 Millionen), Lukebakio (20 Millionen), Cunha (18 Millionen) und Cordoba (15 Millionen) sind das die ehemaligen Herthaner Davie Selke (8 Millionen) und der Brasilianer Alex Alves (7,6 Millionen).

Sollte das aktuelle Quartett, ergänzt durch den schnellen Flügelstürmer Javairo Dilrosun und einen weiteren durchaus möglichen Zugang, ohne große Verletzungen durch die Saison kommen, könnte Berlins Sturm durchaus zum Albtraum vieler gegnerischer Abwehrreihen werden.

Alle Angreifer bringen spezielle Eigenschaften ein, die diese Offensive unberechenbar machen kann. Piatek wird als Vollstrecker gesehen und als Instinktfußballer. Er muss allerdings mit Vorlagen gefüttert werden, um auftrumpfen zu können. Noch hat er in Berlin nicht das Niveau erreicht, das ihn in Italiens Serie A zum begehrten Mann machte. Zuerst traf er für CFC Genua 1893 beinahe in jedem Spiel, später – mit Abstrichen – auch für den AC Mailand, wo ihn aber Zlatan Ibrahimovic verdrängte. „Der Ball sucht nach mir“, begründete Piatek einmal seine Treffsicherheit.

Dodi Lukebakio wiederum erlangte Popularität, als er einst bei einem turbulenten 3:3 von Fortuna Düsseldorf beim FC Bayern München alle drei Tore für die Fortuna schoss. Der Belgier besticht durch seine Schnelligkeit, sein Konterspiel und seine Schusstechnik.

Cunha ist der Vielseitigste

Der wohl vielseitigste Profi unter Herthas Offensiven ist Matheus Cunha, dessen enormes Potenzial noch lange nicht ausgereizt ist. Als der Brasilianer im Sommer 2017 seine Heimat verließ und beim Schweizer Erstligisten FC Sion anheuerte, war er eigentlich nur für das zweite Team des Traditionsklubs vorgesehen, dass in der 3. Division, der Promotion League, spielte. Doch ganz schnell stürmte er in der Ersten Liga, begeisterte mit seinem unkonventionellen und kreativen Spiel, stieg zum Liebling der Massen auf und wurde für 15 Millionen Euro an RB Leipzig verkauft. Bis heute der Rekordtransfer des FC Sion.

Mit der jüngsten Verpflichtung des Kolumbianers Jhon Cordoba bekam Labbadia nun einen Angreifer, der sein Portfolio in der Offensive mit seiner enormen körperlichen Präsenz, seiner Schnelligkeit und Wucht entscheidend ergänzt.

Kultkicker der Hertha: Marko Pantelic.
Foto: Imago Images

Fakt ist, selten besaß Hertha solch eine Quantität samt Qualität im Angriff wie in dieser Saison. Es gab immer wieder starke Individualisten in der Offensive wie Salomon Kalou und Vedad Ibisevic oder Jahre zuvor einen Adrian Ramos. Ende der 1990er-Jahre war es Torjäger Preetz, der mit unterschiedlichen Partnern stürmte – mit Axel Kruse, mit Andreas Thom, später mit Ali Daei und Alex Alves und auch mit dem unvergesslichen Marcelinho.

Das bislang letzte Sturm-Duo, das es zu Publikumslieblingen und Idolen der Ostkurve brachte, waren der Serbe Marko Pantelic und der Ukrainer Andrej Woronin. Die beiden, durchaus sehr exzentrisch, schossen Hertha 2008/09 beinahe zur deutschen Meisterschaft. Wenn der langmähnige Pantelic herrliche Tore mit dem Außenrist erzielte, tobten die Fans und Woronin, ein wuchtiger und dynamischer Stürmer, konnte es sich erlauben, in Stiefeln aus Krokodilleder und ausgefallenen Outfits auf dem Kurfürstendamm zu flanieren – ohne dabei Neid zu erzeugen.

Stürmer haben es generell leichter, die Gunst der Massen zu erlangen, da sie oft im Mittelpunkt stehen. Vor allem Matheus Cunha und Jhon Cordoba könnten bald in die Kategorie Publikumslieblinge aufsteigen und Trainer Labbadia zum Jubeln bringen.