Bad Kleinkirchheim - Die Vergangenheit holt die Spieler des 1. FC Union ein, auch wenn sie über die Zukunft reden. Es ist dieses Pokalspiel in Dortmund, das zwar im Elfmeterschießen verloren ging, dem Team aber zeigte, dass es mithalten kann – sogar mit den ganz Großen. Daraus ziehen sie viel Selbstvertrauen. Während des Trainingslagers, das am Mittwoch zu Ende ging, wurde in den Übungseinheiten und in den Gesprächen deutlich, dass hier eine Mannschaft mit dem Ziel in die neue Saison geht, Unvergessliches zu erreichen. Eine Mannschaft, die an sich glaubt. Ihrem Trainer ist bei den vielen Verweisen auf die eigene Stärke fast schon mulmig zumute.

„Es ist gefährlich, wenn man zu viel Selbstbewusstsein hat und meint, man habe ein großes Spiel geliefert“, sagt Jens Keller. Auch er denkt durchaus mit Stolz an den beeindruckenden Abend im Oktober 2016 zurück. Aber er vergisst nicht die zwei verlorenen Zweitligapartien, die folgten. „Ein gewisses Selbstvertrauen darf man aus so einem Spiel ziehen, aber das muss dann auch abgehakt sein.“

Als Mitfavorit ist die mentale Stärke entscheidend

Zehn Tage lang hat der 46-Jährige Unions Fußballer in Österreich intensiv auf die Herausforderungen des Ligaalltags vorbereitet. Der große Unterschied zum Vorjahr ist, dass nicht nur die eigenen Spieler um ihre Stärke wissen, sondern auch die Gegner. „Wir gehen jetzt als Mitfavorit in die Saison.  Ich glaube, dass wir eine sehr gute Qualität haben. Entscheidend ist aber, wie die Mannschaft mit der Favoritenrolle mental zurechtkommt“, sagt Keller.

Ein wichtiger Trick im Training ist die Kombination von koordinativen, kognitiven und visuellen Aufgaben, damit auch im Spiel unter Druck schnell und präzise reagiert wird. Ein Beispiel: Vier kleine Tore sind an den Ecken eines Quadrats aufgebaut. In der Mitte bekommen die Spieler den Ball zugepasst, gleichzeitig ruft Keller eine Zahl von eins bis vier oder hebt ein weißes, rotes, gelbes oder blaues Hütchen. Je nachdem soll ein anderes Tor anvisiert werden. Das bringt einige an ihre Grenzen, nicht nur Sebastian Polter, der hinterher erschöpft an der Seitenlinie sitzt. „Es gehört dazu, dass man nach sieben oder acht Tagen müde und gefrustet ist, wenn es nicht so läuft. Aber wir sind hier im Profibereich, da braucht es keine aufbauenden Worte“, sagt Keller. Außerdem ist das Erkennen von eigenen Grenzen ebenso wichtig wie das Vorhandensein von Selbstvertrauen. Fördern und Fordern ist der bekannte Erfolgsmix in jeder Ausbildung, wobei im Profisport das Fordern den größeren Anteil hat.

Baldige Entscheidung im Fall Zech

In Kellers erstem Union-Jahr war der Fokus auf Pressing und Balleroberung gerichtet. „Das ist unsere große Stärke, die uns in der letzten Saison ausgezeichnet hat“, sagt er. „Dadurch, dass die Mannschaft zusammengeblieben ist, können wir jetzt den nächsten Schritt machen. Wir wollen Ideen haben, wie wir Tore erzielen.“ Und so übten die Fußballer  nun, wie sie andere Teams in ihre Einzelteile zerlegen. Die Ballführenden dribbeln den Gegner mutig an, die Kollegen suchen den direkten Sprint zum Tor. So werden die Verteidigenden gezwungen, ihre festen Positionen zu verlassen. Das Gefüge zerbricht, es entstehen Lücken für Union. „Ich bin sehr zufrieden. Wir hatten Topbedingungen, Ruhe und Glück mit dem Wetter. Wir konnten alles so erarbeiten, wie wir uns das vorgestellt haben“, zieht der Coach Bilanz.

Fünf Nezugänge und die Frühfrom machen Hoffnung

Union hat dieses Jahr aufgrund des eingespielten Kaders die  große Chance, zu Saisonbeginn gut zu punkten, während die Kontrahenten noch in der Findungsphase sind. Zumal die fünf Neuen das Niveau anheben. Akaki Gogia und Marcel Hartel beleben die Offensive dank ihrer Kreativität, Marc Torrejón festigt das Abwehrzentrum und auch Grischa Prömel sowie Peter Kurzweg können nach weiterer Eingewöhnung Impulse liefern. Ob Innenverteidiger Benedikt Zech vom SCR Altach nach Köpenick wechselt, entscheidet sich wohl bis zum Wochenende.

Die Frühform jedenfalls stimmt. In den Tests gegen Wolfsberg (4:2) und Birmingham City (1:0) wurden trotz der hohen Trainingsbelastung Siege eingefahren. Wobei Keller über eine Niederlage nicht unglücklich gewesen wäre. „Es ist manchmal gar nicht schlecht, wenn man einen Dämpfer kriegt“, findet er. Drei Möglichkeiten bieten sich dafür noch. Am Sonntag beim Halleschen FC (14 Uhr), am kommenden Dienstag in Babelsberg (19.30 Uhr) und am 22. Juli in der Generalprobe an der Alten Försterei gegen die Queens Park Rangers (15.30 Uhr). Die Mannschaft macht aber nicht den Eindruck, dass sie die Euphorie dämpfen will.