BerlinKeine blühenden Magnolienwälder, keine farbenprächtigen Azaleen wie sonst immer im April. Stattdessen braun-gelbe Blätter der Vergänglichkeit an den mächtigen Bäumen, auch mal Ensembles von Kiefernnadeln auf den Grüns und zwischendurch Laubbläser im Einsatz. Statt 50.000 tobender Zuschauer Stille, man hörte sogar Vogelgezwitscher und ständig die beschwörenden Kommandos der Spieler an ihre Bälle: „Go“ für flieg weiter oder „Sit“ für Stopp, nicht so weit, bleib liegen. Und wenn ein Dutzend Offizieller mal klatschte nach einem gelungenen Schlag, war das wie eine Eruption.

Sicher, so eine pandemiebedingte Menschenleere rund um die Fairways kennen die Profis schon den ganzen Sommer. Aber in Augusta, im Vulkan der Emotionen? Dieses stille 84. Masters im November, nachgeholt nach der Covid-Absage im Frühjahr, war das ungewöhnlichste aller Zeiten.

Bernhard Langer stellt einen neuen Rekord auf

Auch die Spielbahnen sind im Herbst andere. Augustas Grüns sind berühmt, weil sie hart sind wie Glasplatten; die Bälle hüpfen gern schwer kalkulierbar und rollen manchmal bis an den Rand der Unendlichkeit (oder in einen See). Im November 2020 meinte Altmeister Jack Nicklaus etwas despektierlich: „Das ist ja wie Darts werfen.“ Wo der Ball auf dem tiefen Grün landete, blieb er oft auch liegen.

Bernhard Langer, der Anhauser aus Boca Raton inFlorida mit lebenslangem Startrecht durch seine prähistorischen Turniersiege (1985, 1993), schaffte eine andere Bestmarke. Er wurde zum ältesten Spieler aller Zeiten, der in Augusta den Cut schaffte, also die Finalrunden drei und vier weiterspielen durfte. 63 Jahre ist Bernhard Langer alt. Er schlägt nicht mehr so weit wie die manchmal vierzig Jahre jüngeren Konkurrenten, aber fast immer präzise.

Und der Altmeister wurde bei seiner 37. Teilnahme einer der besten Putter des Turniers: Auf den Grüns brauchte er für das Turnier sechs bis sieben Schläge weniger als der Durchschnitt aller Teilnehmer. Langer, ein Gedächtniswunder, hat nach fast 200 Runden (inklusive Training) jede kleinste Bodenwelle rund um die Fahnen abgespeichert, dazu das Rollverhalten des Balles an jeder Stelle, hochgerechnet auch auf veränderte Witterung.

Das nicht alternde Golfwunder wurde 29. und lag damit vor Titelverteidiger Tiger Woods. Der hatte am Finaltag das größte Desaster seine Karriere erlebt: An Loch 12, der mit 140 Metern kürzesten Bahn, schlug er den Ball dreimal ins Wasser, zweimal Sandbunker obendrauf – am Ende stand eine demütigende 10 auf der Scorekarte. 10 – wo sonst eine vier ein schlechtes Ergebnis ist.

Und auch der Sieger schaffte eine Bestmarke. Mit 20 Schlägen unter Platzstandard gewann der US-Weltranglistenerste Dustin Johnson, 36, bei seinem ersten Masters-Triumph. Es war das niedrigste Ergebnis seit Turnierbeginn 1934. Der Riesenvorsprung aufs Restfeld (fünf Schläge und mehr) bedeutete keinen dramatischen Finaltag. DJ, der neuerdings rübezahlbärtige Hüne von fast zwei Metern, war im Oktober noch Covid-positiv elf Tage lang in einem Hotelzimmer in Las Vegas isoliert. „Nur sitzen und warten, dass du krank wirst“, sagte er, furchtbar. Er kam gut durch. Vier Wochen danach war „ein Traum wahr geworden“, meinte er eher still als triumphal.

Extrateure Merchandising-Artikel

In Augusta ist auch sonst immer alles anders. Der Klub ist so reich und mächtig, dass man auf Werbebanden verzichtet und alles im Masters-Dunkelgrün gestaltet. Die extrateuren Merchandising-Artikel gibt es nur während des Turniers vor Ort. Wenn der letzte Put versenkt ist, wird der Rest der Ware nicht etwa über die Website verramscht, sondern – vernichtet. Werterhalt durch künstliche Verknappung: So nennen das Wirtschaftstheoretiker.

In diesem Jahr durfte erstmals online gekauft werden, aber pro Person höchstens zwei Gegenstände. Und: Wer etwa den Kaffeepott für 50 Dollar bestellen wollte oder die Covid-Maske für 16, musste im Besitz eines 2020er-Tickets sein – so als wäre man anwesend gewesen.