Berlin - Emily Bölk drückte beherzt den Reset-Knopf. „Dieses Spiel müssen wir sofort von unserer Festplatte löschen“, forderte die Kapitänin der deutschen Handballerinnen vor dem Alles-oder-nichts-Duell mit Gastgeber Spanien. Die historische Demütigung gegen Dänemark muss vergessen sein, wenn im WM-Viertelfinale am Dienstag (20.30 Uhr/sportdeutschland.TV) der Medaillentraum auf dem Spiel steht.

„Wir werden das jetzt abhaken und uns voller Vorfreude auf Spanien vorbereiten. Das ist die Kunst in so einem Turnier“, sagte Bölk. Das 16:32 zum Hauptrunden-Abschluss gegen den Mitfavoriten, die höchste Niederlage der deutschen WM-Geschichte, war spätestens am Montag abgehakt. Zweifel, Bammel oder gar Angst waren bei Bölk nicht zu spüren. Die Chance auf das erste WM-Halbfinale seit 14 Jahren treibt das Team an.

Doch für Bundestrainer Henk Groener ist die Aufgabe vor dem Showdown gegen den Gastgeber nun äußerst knifflig. Neben der Einstellung auf den iberischen Vizeweltmeister ist in der kurzen Vorbereitungszeit vor allem Aufbauarbeit gefragt, nachdem die Hoffnungen auf die erste WM-Medaille seit 2007 unmittelbar vor der heißen Turnierphase heftig gedämpft wurden. „Wir haben schon einmal ein nicht so gutes Spiel gemacht und es danach abgehakt. Das werden wir auch jetzt hinbekommen“, prognostizierte der Niederländer. Allerdings hatte der fahrige Auftritt gegen Außenseiter Republik Kongo (29:18), den Groener ansprach, natürlich eine ganz andere Qualität als die Abreibung am Sonntagabend.

Und so regierte in den Katakomben von Granollers nach der 16-Tore-Klatsche nicht sofort die pure Zuversicht, es herrschte erst einmal Ratlosigkeit. „Das weiß ich im Moment nicht“, antwortete Torhüterin Dinah Eckerle auf die Frage, mit welchen Mitteln der Fokus auf die Partie gegen Spanien gelegt werden sollte. Immerhin konnte das deutsche Team den Montagvormittag für eine Kraft- und Regenerationseinheit nutzen. Die Spanierinnen, die Deutschland kurz vor WM-Start bei einem Testspiel in Madrid knapp bezwungen hatten (23:22), mussten am freien Tag vom Hauptrunden-Spielort Torrevieja knapp 600 Kilometer in die katalanische Hauptstadt Barcelona reisen.

Die Kräfte dürften im ersten Viertelfinale für das DHB-Team seit acht Jahren allerdings weniger eine Rolle spielen als der Kopf. Für die Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB) und speziell ihren Trainer geht es in der Olympia-Halle von 1992 am Dienstag um den Eindruck, der von diesem Turnier hängen bleibt. Zwar ist das Erreichen der K.o.-Phase als Erfolg zu bewerten, ein weiterer Auftritt wie gegen Dänemark würde das Bild jedoch sehr trüben – und den Entwicklungsfortschritt des jungen Teams wieder mit Zweifel übersäen. Das weiß auch Groener, dessen Vertrag beim DHB nach dem Turnier ausläuft. Vor dem Showdown überwiegt aber der Optimismus im deutschen Lager. „Ich mache mir keine Sorgen“, versicherte Bölk, „das war ein so schwarzer Tag, das lässt sich eigentlich gar nicht wiederholen.“