Oberstdorf - Es gab ein paar Minuten in Oberstdorf, in denen die lang ersehnte erste deutsche WM-Medaille seit zehn Jahren tatsächlich in Reichweite für die deutschen Skilangläufer war. Im 4x5-km-Staffelrennen der Damen ging Schlussläuferin Victoria Carl als Dritte ins Rennen. Dann musste sie am letzten, steilen Burgstall-Anstieg jedoch die spätere Bronzegewinnerin aus Finnland und die US-Läuferin ziehen lassen. So wurde es am Ende Platz fünf, die beste Platzierung für die deutschen Loipen-Spezialisten im Allgäu. Bei einer Heim-WM voller Pleiten und Pannen für das deutsche Skilanglauf-Team, die bestenfalls einen Funken Hoffnung auf künftige Erfolge verbreiten konnte.

„Es gibt halt keine Wunder im Skilanglauf. Wir brauchen noch Geduld“, erklärte Andreas Schlütter als Sportlicher Leiter des deutschen Skilanglauf-Teams: „Man muss klar sagen, dass Teile der Mannschaft bei dieser WM nicht in Topform waren. Das war vor zwei Jahren bei der WM in Seefeld noch anders.“ Damals hatten besonders die Frauen mit den Plätzen vier, fünf und sechs das Podest nur knapp verpasst. Teamchef Peter Schlickenrieder hatte daraufhin eine Medaille bei der Heim-WM in Oberstdorf versprochen. Doch die Realität ist, dass der Rückstand zur Weltspitze größer geworden ist. Ganz besonders bei den Männern.

Massive Materialprobleme im deutschen Team

In den Distanzwettbewerben war vor dem abschließenden 50-km-Rennen einen 23. Platz von Jonas Dobler über 15 km das beste Resultat – ein echtes Desaster. Im Teamsprint-Halbfinale brachte der ehemalige Junioren-Weltmeister Janosch Brugger das Kunststück fertig, seinen Ski zu verlieren. Zu Pleiten und Pech kamen besonders in der ersten WM-Woche noch Material-Pannen. Besonders im Skiathlon rutschten die deutschen Läufer bei jedem Schritt weg, was besonders die steilen Anstiege zur Tortur machte. „Bei uns muss für gute Resultate alles passen und wenn wir Materialprobleme haben, stehen die Chancen dafür schlecht“, kritisierte Schlickenrieder.

Dabei waren die Bedingungen für optimales Material bei dieser WM so gut wie nie: Die neun deutschen Ski-Techniker hatten sogar erstmals eine mobile Schleifmaschine zur Verfügung, um die Schliffe der Ski jederzeit auf die äußeren Bedingungen anpassen zu können. Im Gegensatz zur WM von vor zwei Jahren in Seefeld fehlte jedoch der damals hochgelobte Wachschef Rene Sommerfeldt. Der ehemalige Gesamtweltcupsieger wurde dringend als Trainer in seinem Stützpunkt gebraucht.

An prominenten Führungsfiguren, die als Athleten selbst große Erfolge gefeiert haben, mangelt es im deutschen Skilanglauf ganz sicher nicht. Neben Schlickenrieder (Olympiazweiter von 2002) sind auch Ex-Weltmeister Axel Teichmann (Technik- und Athletiktrainer) oder der Olympiazweite Tobias Angerer (Verbands-Vizepräsident) in Führungspositionen aktiv. Sie gehören zur goldenen Generation des deutschen Skilanglaufs rund um die Jahrtausendwende, in der die heutige Krise begann. „In dieser erfolgreichen Zeit hat man vergessen, den Nachwuchs heranzuführen. Da sind ganze Jahrgänge weggebrochen. Und ein Neuanfang in einer Ausdauersportart wie dem Skilanglauf braucht halt Zeit“, sagt Schlütter.

Erfolge im Nachwuchs

Erfolge in der Nachwuchsarbeit haben sich auch in diesem Winter gezeigt. Bei der Nachwuchs-WM in Finnland holten die deutschen Skilangläufer vier Medaillen. Goldgewinnerin Lisa Lohmann (20) zum Beispiel war in Oberstdorf schon mit dabei und schaffte es im Skiathlon immerhin schon auf Rang 34. Den letzten Schritt zur Weltspitze bei den Erwachsenen haben erfolgreiche deutsche Junioren in den letzten Jahren allerdings nicht machen können. „Das liegt auch daran, dass wir im Gegensatz zu den dominierenden Norwegern nicht so einen großen Konkurrenzdruck in unseren Trainingsgruppen haben“, analysiert Schlütter.

Am weitesten ist Katharina Hennig, die in diesem Jahr im Weltcup schon aufs Podest gelaufen ist. Die erst 24 Jahre alte Frau war im WM-Staffelrennen auf Augenhöhe mit der Weltspitze und will auch im abschließenden 30-km-Rennen am Samstag die Top Ten angreifen. „Wir geben nicht auf“, sagt sie. Auch der dauerpositive Teamchef Peter Schlickenrieder bleibt nach einer enttäuschenden WM mit Blick auf Olympia 2022 besonders bei den Frauen optimistisch: „Unsere junge Mannschaft reift. Die Weltspitze muss mit uns rechnen. Irgendwann gewinnen wir mehr als nur die Hoffnungsmedaille.“