Wirkt entschlossenen: Davie Selke, 25, hat sich diese Saison viel vorgenommen. 
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BerlinDass Davie Selke gut drauf ist, hört man am Telefon. Nachdem ihn im März noch eine Klausel vor dem Duell mit den früheren Kollegen hinderte, kann er jetzt antreten. Der 25-Jährige spricht über sein Verhältnis zu Jürgen Klinsmann und seinen spontanen Hertha-Abschied. „Ich war schon fast in London. Das war wild“, sagt er über den letzten Tag des Transferfensters in diesem Januar. Nach seinem Wechsel zurück nach Bremen und Kritik in der Rückrunde, hat er sich besonders viel für die neue Saison vorgenommen. In der Vorbereitung war er bereits Werders treffsicherster Angreifer.

Berliner Zeitung: Herr Selke, Sie sind ein sehr emotionaler Mensch. Wie viel macht das richtige Umfeld für Sie aus?

Davie Selke: Eine Menge. Ich bin ein Typ, der sich wohlfühlen, der ankommen muss. Deswegen habe ich auch den Schritt zurück nach Bremen gewählt und nicht in die Premier League. Ich habe mir gedacht: Okay, weil die Phase davor nicht so erfolgreich war, mache ich noch mal den Schritt nach Bremen. Dorthin, wo ich mich wohlfühle, wo ich weiß, was ich bekomme. Das war der Hauptgrund und von mir ganz bewusst gewählt.

Hat Ihnen dieses Gefühl bei Hertha gefehlt?

Ich habe mich in Berlin wohlgefühlt. In der Stadt und im Verein. Das war sogar bis zum Schluss der Fall. Da kann ich nichts Negatives sagen. Aber ich wollte unbedingt noch mal nach Bremen. Wie viel mir Werder bedeutet, habe ich schon genügend erzählt.

Wie konkret war das Interesse aus England?

Ich war schon in Tegel am Flughafen am Gate und auf dem Weg nach London. Zwei konkrete Angebote lagen mir vor und ein weiterer Klub, auf den ich sehr große Lust hatte, war noch im Gespräch. Als dann der Anruf aus Bremen kam, habe ich meine Sachen gepackt und bin los. Das war wild.

Wieso hat es bei Hertha nicht funktioniert?

Ich war am Ende sportlich nicht mehr zufrieden. Ich habe gemerkt, dass die Spielweise für mich nicht gepasst hat, um meine Stärken auszuspielen. Ich hatte bisher eigentlich in jeder Transferperiode die Chance, in die Premier League zu wechseln. Als sich dann Werder meldete, lag es an meiner Überzeugungsarbeit. Ich bin aktiv auf Hertha zugegangen und habe gesagt, dass ich mich verändern will. Ich brauchte einen neuen Impuls.

Lag es also an der defensiven Spielweise von Jürgen Klinsmann?

Es war gar nicht unbedingt auf Klinsmann zurückzuführen. Ich habe mich sehr wohlgefühlt unter ihm, wir hatten ein gutes Verhältnis. Ich habe ihn als supersmarten Typen kennengelernt, der Bock auf Fußball hat, jede Menge Erfahrung und eine große Strahlkraft mitbringt. Die Phase danach habe ich nicht mehr miterlebt. Aber ich kann kein negatives Wort über ihn sagen.

Was war dann der Grund, dass Sie trotz Ihres Fünfjahresvertrags nach der Hälfte gegangen sind?

Ich hatte ein sehr, sehr starkes erstes Jahr. Dann kam der Lungenriss. Ich habe mich zurückgekämpft und noch eine ordentliche Saison gespielt. Zur neuen Saison wollte ich gut starten. Ich habe zwar meine Chancen bekommen, es wurde aber nicht komplett auf mich gesetzt. Ich habe gespürt, dass ich einen Cut brauche.

Sie haben noch die ersten sechs Monate nach dem Einstieg von Investor Lars Windhorst erlebt. Was tut sich da gerade bei Hertha BSC?

Das war spannend. Alles war neu. Es war interessant, dabei zu sein. Man hat gemerkt: Okay, hier kommt Bewegung rein.

Inwiefern?

Größtenteils durch die Transfers, das muss man klar sagen. Was dann auf einmal möglich ist, bei einem Verein, der nicht international vertreten ist, ist schon spektakulär. Es wurden auch andere Sachen verbessert. Kleinigkeiten, die wichtig sind. Wir hatten zum Beispiel einen Koch, der erst unter Klinsmann kam und unsere Ernährung umgestellt hat.

Zur Person 

Lehre: Der gebürtige Schorndorfer wechselte als 14-Jähriger in die Jugendakademie der TSG Hoffenheim. 2013 zog es ihn zum SV Werder Bremen, wo er bereits im Alter von 18 Jahren sein Profi-Debüt feierte.

Leihe: Nach zweieinhalb Jahren bei Hertha BSC und 84 Pflichtspielen (19 Tore/15 Vorlagen) kehrte Selke im Januar 2020 nach Bremen zurück. Sollte Werder auch diese Saison den Klassenerhalt schaffen, greift eine Kaufpflicht von rund zehn Millionen Euro.

Liebe: „Egal, wo ich spielen werde, Werder wird immer mein Lieblingsverein sein“, erklärte Selke bereits als Herthaner.

Bei Werder starteten Sie furios, waren dann aber nicht mehr gefragt. Waren Sie überrascht über die Kritik, die auch in Bremen entstehen kann?

Das bin ich mittlerweile gewohnt. Ich bin auch ein Typ, der immer wieder besonders beäugt wird. Das ist auch legitim. Aber klar, ich habe mir auch mehr Tore vorgestellt. Ich habe ein gutes Spiel gegen Dortmund (Tor beim 2:1 Pokal-Sieg im Viertelfinale, d. Red.) und in Augsburg gemacht und sofort den Grund gespürt, warum ich wieder hierherkam: ausverkauftes Haus, Flutlicht, eine Wahnsinnsstimmung. Doch dann kam ich in eine Negativspirale.

Warum?

Ich war in der Rückrunde einfach nicht in der körperlichen Verfassung, um die Impulse zu setzen, für die ich eigentlich stehe. Ich konnte die Defensivarbeit, die zu meinem Spiel gehört und die ich auch mag, nicht zu 100 Prozent leisten und hatte deswegen auch keine Kraft nach vorne. Ich weiß nicht, woran es lag. Ich bin trotz guter Laktatwerte sehr schnell müde gewesen.

War das der Grund, warum Sie im Sommer frühzeitig mit dem Training angefangen haben?

Ich habe meine Schlüsse daraus gezogen und mir einen Personal-Trainer genommen. Ich habe dort dreimal täglich hart gearbeitet. Wir haben auch das Essen entsprechend angepasst. Das war sehr intensiv und sehr anstrengend, aber tat mir gut. Ich merke, dass ich jetzt wieder Kraft und Luft habe und die Wege gehen kann. Ich bin mir sehr sicher, dass man das sehen wird.

War es für Sie ein besonderer Ansporn, weil manche Sie bereits als Fehleinkauf abgestempelt hatten?

Teilweise, aber nicht großartig. Motiviert haben mich eher die Gedanken, dass Werder sich dabei was gedacht hatte, mich zu holen. Sie bauen auf mich, und ich werde alles dafür tun, das zurückzuzahlen. Ich will, dass das Kapitel für mich und Werder ein positives Ende nimmt, wenn meine Zeit in Bremen endet.

Sie haben gegen Ihre früheren Klubs immer gute Spiele gemacht. Gehen Sie auch gegen Hertha besonders motiviert in die Partie?

Ich glaube, die Leute wissen, was ich sportlich draufhabe. Das muss ich keinem beweisen. Berlin ist ein toller Verein, eine tolle Stadt. Ich freue mich auf das Wiedersehen. Für mich geht es darum, dass ich gut in die Saison starten will, egal, wie viele Minuten ich auf dem Platz stehe. Ich will Präsenz zeigen, natürlich treffen und ein gutes Spiel machen.

Bei der Partie werden erstmals wieder Fans im Weserstadion sein. Wie haben Sie die Geisterspiele erlebt und was erwartet Hertha BSC?

Die Fans haben mir extrem gefehlt. Gerade in Bremen ist die Unterstützung etwas ganz Besonderes. Das ist keine Floskel. Wenn das Stadion hier voll ist, herrscht eine spezielle Stimmung. Meiner Meinung nach ist das ein Alleinstellungsmerkmal in der Bundesliga. Die 8500 Fans am Samstag werden auch richtig für Furore sorgen. Das wird gut, und das wird auch Hertha spüren. Wir hoffen alle, dass es nun peu à peu wieder in die richtige Richtung geht und dass das Ding mit der Zustimmung der Politik bald wieder ausverkauft sein wird.