Dawid Kubacki segelt zum Gesamtsieg bei der Vierschanzentournee.
Foto: Christof Stache/AFP

BischofshofenDer überraschende Triumphator Dawid Kubacki aus Polen fiel glücklich in den Schnee von Bischofshofen, dann gratulierte ihm Karl Geiger. Der deutsche Vorflieger verpasste zwar den erhofften ersten deutschen Gesamtsieg seit 18 Jahren, schaffte es als Dritter aber auf das Siegerpodest beim Skisprung-Grand-Slam.

„Das war definitiv meine schönste Tournee. So gut war ich noch nie. Besonders der Podestplatz in meiner Heimat Oberstdorf wird mir immer in Erinnerung bleiben“, bilanzierte Geiger hinterher glücklich. Wie beim Auftaktspringen in Oberstdorf und in Garmisch-Partenkirchen landete der zweimalige Team-Weltmeister auch beim großen Finale der 68. Vierschanzentournee in Bischofshofen auf Platz zwei der Tageswertung. Kubacki triumphierte mit 300,9 Punkten vor Geiger (291,0) und holte sich damit letztendlich ziemlich souverän den Goldenen Adler und die 20 000 Schweizer Franken für den Tournee-Gesamtsieg.

Kubacki tritt aus Stochs Schatten

Mit 1131,6 Zählern stand er auf dem Podest des Skisprung-Grand-Slams ganz oben vor dem Norweger Marius Lindvik (1111,0) und Geiger (1108,4). „Ich bin so glücklich, dass ich ruhig geblieben und meinen Job gemacht habe. Ein Traum geht in Erfüllung“, jubelte Kubacki, der von seinen polnischen Teamkollegen auf den Schultern durchs Stadion getragen wurde. Einen Anteil an diesem Erfolg gebührt auch Bundestrainer Stefan Horngacher, der den neuen Tourneesieger in den vergangenen drei Wintern als polnischer Chefcoach betreut und 2019 zum Weltmeistertitel geführt hatte. „Dawid haben wir in den letzten Jahren zu gut trainiert“, sagte Horngacher mit einem Augenzwinkern.

Der 29 Jahre alte Kubacki trat bei dieser Tournee endgültig aus dem Schatten seines Teamkollegen Kamil Stoch (Tourneesieger von 2017 und 2018). Seit der Heirat mit seiner Frau Marta im vergangenen Mai ist Kubacki noch selbstbewusster geworden. Er ist übrigens auch in seiner Freizeit ein begeisterter Flieger: „Seit ich Kind bin, sind ferngesteuerte Helikopter mein großes Hobby. Außerdem habe ich eine Segelflieger-Lizenz.“

Beim letzten Weltcup-Springen vor der Tournee war Kubacki auf Platz 47 gelandet, kaum einer der Experten hatte ihn deshalb auf seiner Favoritenliste. Doch als es darauf ankam, war der Pole da: Nach zwei dritten Plätzen bei den deutschen Tourneespringen in Oberstdorf und Garmisch-Partenkirchen übernahm er mit Platz zwei in Innsbruck die Führung in der Gesamtwertung. Und behielt beim großen Finale dann die Nerven. 15 000 Zuschauer hatten in Bischofshofen eine der spannendsten Tournee-Finals der letzten Jahre erlebt. Nur umgerechnet gut 7,50 Meter lagen die besten Vier der Gesamtwertung vor der letzten Konkurrenz auseinander. Und das Quartett lieferte eine Skisprung-Show auf höchstem Niveau. Karl Geiger präsentierte sich als erster der Favoriten in Kampfmodus, legte starke 140 Meter vor und zeigte die Faust. Doch Kubacki konterte mit überragenden 143 Metern und baute seinen Vorsprung aus Newcomer Marius Lindvik (139 Meter) und Titelverteidiger Ryoyu Kobayashi (135,5) konnten nicht kontern. Im Finaldurchgang behielt Kubacki die Nerven und holte sich mit der neuerlichen Bestweite von 140,5 Metern den Triumph. Der Rest war Jubel.

Horngacher zieht zufrieden Bilanz

Deutschlands Chefcoach Horngacher zog zufrieden Bilanz nach seiner ersten Vierschanzentournee als Verantwortlicher der DSV-Skispringer: „Ich bin definitiv zufrieden. Karl ist eine Supertournee gesprungen. Das Niveau war extrem hoch und der dritte Platz ist ein grandioser Erfolg. Die restlichen Springer im Team haben in Einzelsprüngen gezeigt, dass sie ganz vorn mithalten können.“

Stephan Leyhe schaffte es als Zehnter in die Top Ten der Gesamtwertung, der dreimalige Weltmeister Markus Eisenbichler zeigte in Bischofshofen als 14. wieder eine leicht ansteigende Tendenz: „Vor der Tournee haben alle gesagt, dass ich keine Chance habe. Aber es geht bei mir langsam wieder voran – auch weil der Karl als Zugpferd einfach eine Wahnsinnstournee gesprungen ist.“ Geiger hat zwar in diesem Winter noch kein Springen gewonnen, liegt aber als Zweiter im Gesamtweltcup nur noch 25 Punkte hinter dem entthronten Tournee-Titelverteidiger Ryoyu Kobayashi (Japan).

Insgesamt offenbarte diese Tournee, dass das deutsche Skispringen auch nach der Ära von Werner Schuster auf einem guten Weg ist. Horngacher stellte nach seinem Amtsantritt fast das gesamte Betreuerteam um, veränderte den Trainingsaufbau und auch viele Abläufe bei der Tournee. Neben neuen Hotels setzte der 50-Jährige beim Highlight zum Jahreswechsel auch auf eine stärkere Abschottung seiner Flieger. Die direkte Wettkampfvorbereitung wurde von der Schanze in die Hotels abseits der Fernsehkameras verlegt, TV-Interviews der deutschen Flieger zwischen erstem und zweitem Durchgang gab es nicht mehr. Zumindest für den bei der Tournee im vergangenen Winter noch am Erfolgsdruck gescheiterten Karl Geiger war das das richtige Rezept.