Frank Rohde, der von allen nur „Wuschi“ gerufen wird, kommt nur noch selten am Sportforum in Hohenschönhausen vorbei. Dort, wo das Stadion steht, in dem der einstige Abwehrspieler von 1979 bis 1990 für den BFC Dynamo trainierte. Bei neun von zehn Meistertiteln war er dabei. Wenn Rohde in diesen Wochen am Sportforum ist, weil er seine Eltern besucht, die in der Nähe wohnen, kommen die Bilder von damals zurück. Aber in Nostalgie verfällt er nicht.

Bei seinem Klub ging es nach dem Mauerfall nämlich drunter und drüber. „Keiner wusste, wie es weitergehen sollte“, erinnert sich Rohde, „vieles war dem freien Lauf überlassen.“ Dem vom Ministerium für Staatssicherheit und dem Innenministerium protegierten Verein, der Inbegriff des gelenkten Sportsystems, waren plötzlich seine mächtigen Gönner abhandengekommen. Die Wut der Fußballfans anderer Klubs, die nicht von der Staatsmacht gehätschelt worden waren, entlud sich jetzt auf den BFC und seine Spieler. Äußerst ungern erinnert sich Rohde an ein Hallenturnier in Berlin zu Weihnachten 1989. „Da haben uns die Zuschauer wüst beschimpft, bedroht und bespuckt. Wir waren wie Freiwild.“

Die Eishockeymannschaft des SC Dynamo Berlin empfing am Abend des Mauerfalls das Team aus Weißwasser. Joachim Ziesche, der die Berliner gemeinsam mit Hartmut Nickel trainierte, hörte in der zweiten Drittelpause von der Grenzöffnung. „Ich habe mir damals nur gedacht: Hör’ auf zu spinnen, und habe das fallen gelassen.“ Nach dem Spiel stellte sich allerdings heraus, dass der Mauerfall tatsächlich eingetreten war. Nach dem Spiel saßen Ziesche, Nickel und ein paar andere dann in der Vereinskneipe im Wellblechpalast zusammen und aßen eine Bockwurst. „Wir wussten überhaupt nicht, was das jetzt bedeutet“, erinnert sich Ziesche. „Uns konnte ja keiner sagen, ob der Klub überleben wird.“

Er überlebte. Aber wie alle Dynamo-Sportler hatte auch die Eishockeymannschaft ein Imageproblem. „Für viele waren wir halt alle Kommunisten“, sagt Ziesche. Allerdings hätten die Voraussetzungen unterschiedlicher nicht sein können. Während die Kicker auch dank dubioser Schiedsrichterentscheidungen ein absolutes Dynamo-Prestigeobjekt waren, kämpften die Eissportler seit 1970 zusammen mit Dynamo Weißwasser in der kleinsten Liga der Welt um den Erhalt der Sportart. Weil der Deutsche Turn- und Sportbund, die für Sport zuständige Massenorganisation der DDR, dem Eishockey die Förderung wegen geringer Medaillenaussichten bei Olympia entzogen hatte. „Diese Liga war ein System, mit dem wir das DDR-Eishockey am Leben halten konnten“, sagt Nickel, der vor und nach der Wende die Mannschaft trainierte.

Diese Leistungen der Eishockeyspieler, die mit der Nationalmannschaft beachtliche Erfolge erzielt hatten, wurden auch in der Bundesrepublik anerkannt. Der Deutsche Eishockey-Bund war der erste Verband, der die deutschen Klubs voll in das Ligasystem integriert hatte. Dank einer Schutzklausel blieben die Berliner, die in der Saison 1990/1991 als EHC Dynamo Berlin antraten, vom großen Ausverkauf zunächst verschont.

Ganz anders ging es beim Fußball zu. Viele der ehemaligen Leistungsträger zog es sofort nach dem Mauerfall in den Westen. Andreas Thom, der wichtigste BFC-Spieler, wechselte schon im Dezember 1989 als erster DDR-Profi in die Bundesliga zu Bayer Leverkusen – für eine Ablöse von 3,4 Millionen D-Mark. Manager Reiner Calmund stand mit einem Koffer voller Geld bei Thom in der Wohnung in der Holzmarktstraße. „Der Andy rief mich dann aufgeregt an, weil ihm mulmig wurde“, erzählt Rohde, „ich habe ihn dann sogar zu den Vorverhandlungen nach Leverkusen begleitet.“

Thoms Abgang war nur der Anfang vom Ende einer einst spielstarken BFC-Mannschaft. Rohde selbst bekam Kontakt zum Hamburger SV. Er wechselte im Sommer 1990 dorthin und wurde auch zum Kapitän ernannt. Er nahm zudem BFC-Stürmer Thomas Doll mit, der sich eigentlich schon mit Dortmund einig war. „Dolli stieg schnell zum besten HSV-Profi auf und wurde später an Lazio Rom weiterverkauft, für rund 17 Millionen Mark. Ich bin dann auch mit Dolli zu den Verhandlungen als Beistand mit nach Rom geflogen. Da standen acht Anzugträger mit Sonnenbrillen und Handys – wie im Film“, erinnert sich Rohde.

Ein unmögliches Unterfangen

Und der BFC? Der nannte sich noch während der Saison 1989/90 in FC Berlin um und wollte so sein lästiges Image abschütteln − ein unmögliches Unterfangen. Der Klub nahm üppige Ablösesummen für abgewanderte Profis ein, allein 300.000 Mark für Rohde und 2,3 Millionen Mark für Doll. Aber das Gesamtvermögen von 5,5 Millionen Mark (August 1990) schrumpfte schnell. Allein für die anerkannt sehr gute Nachwuchsabteilung brauchte man rund 400.000 Mark im Jahr.

Problematisch verlief auch die Entwicklung bei den Zuschauern. Nur noch rund 400 Fans im Schnitt wollten die Spiele des Klubs zu dieser Zeit sehen. Entsprechend niedrig waren die Eintrittspreise. Bei 200 eingetragenen Getreuen Anfang der Neunzigerjahre waren die Mitgliedsbeiträge kaum erwähnenswert. Dennoch mussten neue Spieler bezahlt werden. Es ging immer weiter bergab für den ungeliebten Verein, der bis in die fünfte Liga absackte und sogar ein Insolvenzverfahren durchlaufen musste. Frank Rohde betrachtet das alles nur noch aus der Distanz. Er hat gezielt den Abstand vom Fußball gesucht. Erst seit vier Jahren trainiert er die Mannschaft der SV Falkensee-Finkenkrug in der Brandenburg-Liga, der sechsten Spielklasse.