Die Debatte um einen Boykott der Olympischen Winterspiele in Sotschi ist in vollem Gange. Bereits in der vergangenen Woche hatten der US-Läufer Nick Symmonds sowie die schwedische Stabhochspringerin Emma Green Tregaro und ihre Landsfrau Moa Hjelmer gezeigt, was sie von der geltenden Rechtslage in Russland halten.

Symmonds hatte seine Silbermedaille "all seinen schwulen Freunden daheim in Amerika" gewidmet, während Green Tregaro und Hjelmer ihre Fingernägel in Regenbogen-Farben lackierten. Daraufhin hatte die russische Stabhochsprung-Weltmeisterin Jelena Issinbajewa das Gesetz mit kritischen Äußerungen zu der Schwedin verteidigt. Später nahm sie diese Stellungnahme teilweise wieder zurück.

Und nun das: Die russischen Läuferinnen Kseniya Ryzhova und Tatjana Firova gaben sich Samstagabend einen Kuss auf dem Podium. Als Mitglieder der russischen 400-Meter-Staffel hatten sie soeben Gold gewonnen. Als "Zeichen der Gratulation", sei die öffentliche Geste bei der Siegerehrung zu werten, nicht als politische Botschaft, bekräftigten Quellen aus dem russischen Team laut Sky News.

Angesichts der Diskussion um die Gesetzgebung in ihrer Heimat kann der Akt der Zuneigung jedoch nicht genug gewürdigt werden. Denn wer sich hier öffentlich outet oder auch nur Sympathie bekundet, muss mit staatlicher Repression rechnen.

Fragwürdige Erklärung

Die beiden Sportlerinnen äußerten sich nicht zu ihren Beweggründen, aber für den russischen Sportminister Wladimir Mutko ist das Maß nun offenbar voll. Bei einer Pressekonferenz am Sonntag machte er deutlich, was er von den Reaktionen hält: "Das Ganze ist ein von westlichen Medien erfundenes Problem", erklärte er.

Es gebe in seinem Land kein Gesetz, das Homosexualität unter Strafe stelle. Vielmehr gehe es um "Prävention" bei der Jugend: "Sie wollen wir vor Alkoholismus, Drogen-Missbrauch und nicht-traditionellen sexuelle Beziehungen schützen." Ob er mit dieser Begründung mehr Verständnis erzeugt, scheint fraglich.

Indirekte Unterstützung erhielt Mutko von IOC-Präsident Jacques Rogge, der auf das Protestverbot für Athleten bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi verwies. "Das sollte nicht als Sanktion gesehen werden, sondern eher als Mittel, um Athleten zu schützen, damit sie nicht unter Druck gesetzt werden, die Spiele als Plattform zu nutzen", sagte Rogge dem Tagesspiegel am Sonntag. Der Belgier berief sich dabei auf die entsprechende Regel 50 der olympischen Charta.

"Als Sportorganisation können wir weiterhin daran arbeiten, dass die Spiele ohne Diskriminierung gegen Athleten, Offizielle, Zuschauer und Medien stattfinden." Das IOC habe "Zusagen von höchsten Regierungsstellen in Russland, dass diese Gesetzgebung niemand beeinträchtigen wird, der die Spiele besucht oder daran teilnimmt", versicherte er. Der Sport müsse sich "mit aller Kraft" dafür einsetzen, dass Olympia in Sotschi für alle offen sei. (mit dpa)