Serge Gnabry war beim Spiel gegen Hertha BSC nicht wirklich zufrieden.
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MünchenGut zwei Stunden vor Ende der Transferfrist am Montag, um 18 Uhr, kam die offizielle Bestätigung für die Verpflichtung von Eric Maxim Choupo-Moting. Eine halbe Stunde später folgte auch die für Douglas Costas Rückkehr drei Jahre nach seinem Abschied vom FC Bayern. Und da zudem noch Bouna Sarr den Medizincheck der Münchner absolvierte, geriet das Ende der Transferperiode dieses Sommers beim FC Bayern ähnlich wie ihr irrwitziges 4:3 (1:0) gegen Hertha BSC am Sonntagabend, das erst in der dritten Minute der Nachspielzeit seine letzte Pointe gefunden hatte. Für diese hatte Robert Lewandowski mit seinem verwandelten Foulelfmeter gesorgt, mit seinem vierten Tor nach dem 1:0 (40.), 2:0 (51.) und 3:2 (85.). Doch weil die Berliner durch Jhon Cordoba (59.), Matheus Cunha (71.) und Jessic Ngankam (88.) zweimal den Rückstand ausgeglichen hatten, bedurfte es schon eines weiteren besonderen Tages von Europas Fußballer des Jahres Lewandowski und einer guten Portion Glück, damit es noch zum finalen Erfolg reichte und nicht in einem Fehlstart mündete.

Ähnlich lief es auf dem Transfermarkt, mit einigen Rückschlägen zwar, am Ende aus Sicht der Bayern aber ziemlich erfolgreich. Bereits am Sonntag hatten sie den defensiven Mittelfeldspieler Marc Roca (23, Espanyol Barcelona, angeblich neun Millionen Euro Basisablöse) bis 2025 verpflichtet. Am Tag nach Lewandowskis Viererpack erledigte auch Sportvorstand Hasan Salihamidzic seinen Auftrag erfolgreich, ebenfalls in so ziemlich letzter Minute.

Angreifer Choupo-Moting (31, zuletzt Paris Saint-Germain, ablösefrei, Vertrag bis 2021), Flügelspieler Costa (30, Juventus Turin, Leihe bis 2021) und der zunächst noch nicht bestätigte Rechtsverteidiger Sarr (28, Olympique Marseille, zehn Mio.) sind zwar alle eher nicht als Top-Verstärkungen zu werten. Dafür erweitern sie aber die Möglichkeiten zur Belastungssteuerung von Trainer Hansi Flick erheblich. Sie können für Entlastung des Stammpersonals sorgen und damit bei diesem für mehr Frische in den Beinen und vor allem im Kopf sowie für leistungsfördernde Impulse als zusätzliche Konkurrenten, die es bisher kaum gab. „Das gibt dem Trainer die Möglichkeit, die individuellen Einsätze sinnvoll zu dosieren“, sagte Salihamidzic in Bezug auf Costa. Dem Brasilianer hatte Uli Hoeneß 2017 nachgerufen, dieser sei ein charakterschwacher „Söldner“. Nun sollen Costa und die anderen Zugänge helfen, das straffe Programm dieser Saison erfolgreich zu bewältigen.

Gegen die Hertha hatten die Bayern ihr spätes Glück wieder einmal erzwingen müssen. Mit jener Mentalität, die zur Titelsammlung 2020 aus Meisterschaft, Pokal, Champions League, Uefa-Supercup und DFL-Supercup maßgeblich beigetragen hatte. Vor allem bei den beiden Supercup-Gewinnen zuletzt gegen den FC Sevilla (2:1) und Borussia Dortmund (3:2), als Flicks Mannschaft ebenfalls ihre Führungen verspielt und erst kurz vor Schluss den Siegtreffer erzielt hatte, war aber deutlich erkennbar gewesen, dass ihr die gewohnte Souveränität immer mehr abgeht. Dazwischen, bei der 1:4-Niederlage in der Bundesliga bei der TSG Hoffenheim, ließ sich das nicht kaschieren. Und gegen die Hertha nur deshalb, weil der FC Lewandowski siegte und weniger der FC Bayern. „Die letzten zwei, drei Wochen war es eine extreme Belastung“, sagte Lewandowski geschafft.

Immerhin durften auch die übrigen Münchner durchaus auf ihre „großartige Mentalität“ verweisen. Andererseits mangelte es ihnen erneut an jener furchterregenden Erbarmungslosigkeit, mit der sie auf dem Weg zu ihren Titeln oft über ihre Gegner hinweggefegt waren. „Dieses Griffig-sein nach einer Führung – da müssen wir wieder hinkommen“, befand Thomas Müller. Sobald man führe oder nicht hinten liege, „haben wir das Gefühl, das wird schon“, kritisierte er, „aber diese Mentalität, auch nach einem 2:0 uns weiter zu quälen“, müsse man wieder entwickeln

Dass diese Unnachgiebigkeit aktuell nicht vorhanden ist, durfte auf die Müdigkeit der Münchner zurückgeführt werden. Weniger aber auf eine körperliche, sondern auf eine Ermattung des Geistes nach all den zurückliegenden Erfolgen. Das sei menschlich nachvollziehbar, meinte Müller, „aber wir sind nicht auf dem Platz, um verständliche Dinge zu tun. Wir wollen Dinge tun, die nur der FC Bayern macht und für die er bewundert wird.“ Oder wie es Leon Goretzka erklärte: „Müdigkeit fängt im Kopf an. Nach dem Lockdown sind wir ungeachtet des Spielstands mit Vollgas über den Platz gelaufen. Das ist jetzt nicht mehr der Fall.“ Sieben Gegentore in den beiden vergangenen Ligaspielen stützen diese Thesen. Wie seine Spieler weiß Flick, dass man gerade „nicht Bayern-like“ auftritt, besonders mit einer laxen Defensive. Zudem müsse man „nach der Länderspielpause wieder anfangen, gut Fußball zu spielen“, sagte er. Die Zugänge und die dadurch mögliche Entlastung des Kopfes und der Beine sollen dazu beitragen.