Berlin - Es ist langsam vorangegangen, mit vielen Unterbrechungen. Der Schnee, den der Sturm den BR Volleys am Sonnabend auf dem Rückweg von Frankfurt nach Berlin vor die Busfenster und auf die Fahrbahn wirbelte, dazu die Kälte, stoppte sie immer wieder. „Wir mussten teilweise auf der Autobahn anhalten, weil die Scheibenwischer eingefroren sind“, sagt Außenangreifer Denis Kaliberda. 

Und vielleicht war diese Rückfahrt nach dem 2:3 beim Bundesliga-Konkurrenten United Volleys symbolhaft für die bisherige Saison der BR Volleys: widrige Umstände, langsames Vorankommen, der Fortschritt macht Pause. „Wir waren einfach als Team schlecht, nicht dominant“, sagt Kaliberda zu der Partie, die eine Generalprobe für die Champions-League-Rückrunde von Dienstag bis Donnerstag in Kasan sein sollte. In Tatarstan, wo es bei bis zu minus 26 Grad Celsius noch eisiger zugeht als derzeit in Deutschland, treffen die BR Volleys am Dienstag auf ACH Volleys Ljubljana (17 Uhr, xyzsports.tv) und am Mittwoch auf Zenit Kasan (14 Uhr, xyzsports.tv). Das polnische Team von Jastrzebski Wegiel sagte wegen Corona-Fällen im Team wie schon beim Hinrundenturnier in Berlin ab.

Am Sonnabend in Frankfurt wurde Kaliberda eingewechselt, um zu helfen, als die Hälfte der Partie vorüber war. So ähnlich, wie er zu den BR Volleys stieß, um zu helfen, als die Hälfte der Saison vorüber war und sich nach Robin Baghdady auch noch Samuel Tuia verletzt hatte.

„Willkommen zurück“, meldeten die BR Volleys am 18. Dezember, „der ‚Berliner Jung‘ und deutsche Nationalspieler beendet seine Elternzeit und schließt die aktuell klaffende Lücke im Außenangriff.“ Die Berliner Volleyballszene reagierte begeistert auf die Verpflichtung des 30-Jährigen, der 2012 mit Deutschland Olympiafünfter wurde sowie 2014 WM-Bronze und 2017 EM-Silber gewann: „Ein Berliner für Berlin, sehr geil“, „Was für ein Paukenschlag“, „Eine Type …“, „Endlich!!!“ lauteten die Kommentare in den sozialen Medien.

Denis Kaliberda spielte in Europas Topklubs

Mit dem RBB stieg Kaliberda im Januar für einen Beitrag auf den Ahrensfelder Berg in Marzahn. Auch das war symbolisch. Kaliberda, in der Ukraine geboren und mit vier Jahren nach Berlin gekommen, weil sein Vater hier als Volleyballer aufschlug, ist in Marzahn aufgewachsen. Er spielte beim SCC, danach beim VC Olympia und ging auf die Sportschule in Hohenschönhausen. Dort lernte er Frauke kennen. Mit ihr und Sohn Kolja lebt er jetzt, nach elf Jahren Profivolleyball bei den besten Vereinen Italiens, Polens und der Türkei, keine zwei Kilometer weg von der Gegend, in der er aufgewachsen ist: in Ahrensfelde.

Die BR Volleys hatten schon öfter versucht, den Außenangreifer mit dem schnellen Arm und der guten Annahme zurückzuholen, der Berlin Richtung Unterhaching verlassen hatte. „Er hat eine gute Reputation. Er hat bei allen Topklubs in Europa gespielt. Ihn zu holen, war immer wieder schwierig, denn er hatte immer wieder gute Angebote“, sagt Volleys-Manager Kaweh Niroomand. Bei Piacenza, Perugia, Lube Civitanova, Modena und Jastrzebski Wegiel spielte Kaliberda nicht nur in stärkeren Ligen. Er verdiente auch mehr Geld als in Deutschland. Dass es in dieser Saison mit Berlin klappte, hat damit zu tun, dass Kaliberda im Corona-Jahr 2020 keinen Klub fand – und dass Kolja auf der Welt ist.

Da Koljas Mutter in Ahrensfelde als Architektin arbeitet, nahm der Volleyballer Elternzeit, trug den Jungen durch die Wohnung, sah, wie er krabbeln lernte, ging mit ihm zum Spielplatz, machte die Kita-Eingewöhnung – dann begann er, beim VC Olympia mitzutrainieren. Als sich Tuia verletzte, riefen die BR Volleys an. Kaliberda unterschrieb bis zum Saisonende. „Es ist schön, dass es jetzt geklappt hat. Berlin ist mein Zuhause“, sagt Kaliberda. „Ich hatte nicht immer die besten Auftritte im Ausland. Das lag an mir. Und an meinem Image. Das zu verändern dauert viel länger, als es zu bekommen.“

Was meint Kaliberda? In der Türkei, bei Ziraat Bankasi Ankara etwa, habe er als Unruhestifter gegolten. Er empfand das, was seine Mannschaft in der türkischen Liga ablieferte, als unprofessionell. Als er aufzählte, was falsch lief, wurde er rausgeschmissen. Anderswo habe ihm hin und wieder die sportliche Motivation gefehlt, wenn nicht alle mitzogen, wenn Vorgesetzte Entscheidungen trafen, die er für nicht förderlich hielt. Was er daraus gelernt hat? „Das war nicht so clever. Ich kann nur Sachen ändern, die ich selber mache“, sagt Kaliberda. „Ich muss ein Vorbild sein, mit guten Leistungen vorangehen.“

Denis Kaliberda: „Das war Schwachsinn“

Kaliberda hat sich zuletzt öfter selbstkritisch geäußert. Auch darüber, dass er zwei Jahre lang beim Training mit einem Porsche vorfuhr, lacht er heute: „Das war Schwachsinn. Ich war jung, ich hatte Geld. Heute ist es mir wichtiger, einen Kinderwagen zu kaufen oder einen Kindersitz. Aber man muss Fehler gemacht haben, um daraus zu lernen.“

Volleys-Manager Niroomand sagt: „Ich finde an Kaliberda gut, wie er ist – geradeheraus. Das merkt man auch im Training. Das erzeugt eine gewisse Friktion, aber positiv. Auch solche Typen braucht man. Er trainiert gut. Er setzt sich ein. Er ist kein Faulpelz und übernimmt auf diese Art eine Führungsrolle.“

Noch immer ist Kaliberda dabei, die Folgen der Volleyballpause von Februar bis Dezember vorigen Jahres wegzuarbeiten, die Dynamik, die ihn ausgezeichnet hat, wiederzugewinnen. „In Abwehr, Annahme und Zuspiel kann ich der Mannschaft schon ganz gut helfen, das Ballgefühl ist zurück“, meint der 1,93-Meter-Mann. „Die Sprungkraft fehlt noch. Beim Schlag muss ich mehr Bums bekommen.“ Dafür hilft ihm das Krafttraining der Volleys, die Klimmzüge, vor allem helfen Wiederholungen mit dem Ball und – Spielpraxis.

„Denis wird von Tag zu Tag besser. Er kann noch ein wichtiger Faktor für uns werden“, meint Niroomand. Der Berliner Manager erwartet von seiner Mannschaft bei den Champions-League-Spielen in Kasan jetzt eine Reaktion auf die Generalprobe, die in Frankfurt völlig missglückte. „Ich bin motiviert. Ich will mit Berlin in die nächste Runde kommen“, sagt Kaliberda. „Dafür müssen wir halt gut Volleyball spielen.“