Köpenick - Stille und Dunkelheit. Das ist die „Abseitsfalle“ in der Hämmerlingstraße in Köpenick an diesem Montagmittag. Nichts deutet auf das sogenannte Schicksalsspiel am Abend in der Alten Försterei hin, die gleich hinter der Kneipe der Union-Fans liegt. Montags ist die „Abseitsfalle“ geschlossen, so steht es auf der Internetseite. Doch schon eine Stunde später verkündet ein Zettel an der Glastür: Heute ab 16 Uhr geöffnet. „Klar machen wir heute auf, und es wird voll“, verspricht eine Angestellte.

Zu dieser Zeit schmückt Frank Möller seine Wohnung für den Abend. Er wohnt in der dritten Etage eines Altbaus, der sich schräg gegenüber der Fankneipe befindet. Zwei Union-Fahnen hat er am Balkon befestigt. Er sei „ein bisschen Fan“, sagt Möller. Ein-, zweimal im Jahr gehe er auch ins Stadion gegenüber. Heute nicht, er hat ein kleines Kind zuhause. Und dann nennt er seine Philosophie: „Wer an Gott glaubt, muss nicht unbedingt in die Kirche gehen.“

Möller, 36 Jahre alt, wird sich das Spiel im Bezahlfernsehen anschauen, außerdem wird der Jubel oder die Enttäuschung vom Stadion tausendfach zu ihm herüberwehen. Er ist ein „Ein-bisschen-Fan“, seit er sechs Jahre alt ist, „und man noch über den Zaun ins Stadion klettern konnte“. „Die Bundesliga hat Vor- und Nachteile. Ich habe ein wenig Angst, dass bei einem Aufstieg die familiäre Fangemeinde zerbricht“, sagt Möller. Um dann doch zuzugeben, dass er sich über einen Aufstieg schon freuen würde.

Er lässt sich kein Spiel entgehen

Vom Balkon seiner Wohnung kann er auch die „Abseitsfalle“ sehen. Schon vor 16 Uhr sitzen die ersten Union-Begeisterten auf den Bänken, die vor dem Lokal stehen. Die, die Karten bekommen haben, laufen in rot-weißen Trikots und Hüten und gleichfarbigen Schals viereinhalb Stunden vor dem Anpfiff den Waldweg nebenan entlang, der ins Stadion führt.

Es ist scheinbar ein Endlosstrom, offenbar will kein Fan heute allein zuhause bleiben. Auch viele begeisterte Kinder laufen in dem Strom mit. Dabei werden die Tore zum Stadion erst um 18.30 Uhr geöffnet. Vor dem Weg haben sich Flaschensammler postiert. Sie werden ein gutes Geschäft machen.

Dirk Stellwag sitzt gegenüber der Leinwand in der „Abseitsfalle“, neben ihm sitzt seine Frau, vor ihm steht ein Bier. Es ist 19.30 Uhr, die Kneipe ist voll, auch die Terrasse und der Biergarten gegenüber, auch die Straße vor der Fankneipe.

Die Lautstärke scheint unüberwindbar. Stellwag ist ein Unionfan, seit er zehn Jahre alt ist. Er stammt aus dem sachsen-anhaltinischen Stendal, war aber nie für Magdeburg, sondern immer für die Jungs aus Köpenick, die Underdogs, wie er erzählt.

Der 50-Jährige nippt an seinem Bier und überlegt, wie ihm gerade zumute ist. „Aufgeregt“, schreit er dann, um sich verständlich machen zu können. Aber positiv, fügt er dann hinzu. Es wäre schon toll, wenn Union heute aufsteigen würde, sagt er.

Stellwag wohnt in Bremen, doch er ist oft bei den Unionspielen dabei. Auch wenn sein Verein auswärts spielt. Stellwag hat eine Firma für Ruderanlagen, ist viel im Ausland unterwegs, er kam erst am Donnerstag aus Singapur zurück, war dann in Hamburg zu einer Hochzeit eingeladen, um dann am Montag nach Köpenick zu reisen. Die Spiele seiner Mannschaft lasse er sich nur selten entgehen, schon gar nicht, wenn es ums Ganze gehe, sagt er.

„Ich habe Union von der vierten Klasse bis heute begleitet“

Dirk Stellwag ist sogar Vereinsmitglied bei Union, eines von fast 22.200. Damit gibt es mehr Mitglieder, als Zuschauer in die Alte Försterei passen. Das Stadion fasst derzeit „nur“ etwas mehr als 20.000 Menschen, es müsste bei einem Aufstieg ausgebaut werden. Aber das, sagt Stellwag, sei so und so geplant.

Stellwag hätte als Mitglied das Vorkaufsrecht für eine Karte für das Spiel gehabt. Doch für seine Frau habe er kein Ticket mehr erhalten. Also haben sich beide für die „Abseitsfalle“ entschieden, in der bei heiß-feuchter Atmosphäre kein Platz mehr zu bekommen ist. Auch die Terrasse und der Biergarten gegenüber sind voller Menschen in Rot. „Ich möchte, dass Union heute den Aufstieg packt“, sagt Stellwag. Was wäre das für eine Karriere. „Ich habe Union von der vierten Klasse bis heute begleitet. Ich hoffe, dass es jetzt ganz nach oben geht“, sagt er.

Das hofft auch Oliver Igel, der Bezirksbürgermeister von Treptow-Köpenick, der seit 2002 Vereinsmitglied ist und an diesem Montag das Spiel der Unioner im Stadion an der Seite von Dirk Zingler, dem Vereinspräsidenten, verfolgt.

SPD-Mann Igel hat seine reguläre Karte für den Sektor 4 nach eigenen Angaben einem Bekannten geschenkt. Er ist zuversichtlich, dass Union Zuhause gewinnt. „Zwei zu eins“, tippt der SPD-Bürgermeister.

Das Spiel beginnt

Kurz darauf sind die Sprechchöre und Gesänge aus der Alten Försterei deutlich zu hören. Die Fans machen sich warm. „Jetzt gehts lohos“, hallt es auch von der Terrasse der Fankneipe. Der Strom der Kartenbesitzer ist abgeebbt, nur noch vereinzelt kommen die Fans von der nahe gelegenen S-Bahnstation in die Hämmerlingstraße, um dann den Weg ins Stadion zu nehmen.

Als das Spiel beginnt, hängt eine Traube Menschen vor der Tür der Fankneipe. Es ist so voll, dass nicht auf den Boden fallen kann. „So viele Fans habe ich es hier noch nie erlebt“, sagt ein älterer Mann, der auf der Bank an der Wand sitzt.

Auch Dirk Stellwag hat einen der wenigen Sitzplätze vor dem Riesenbildschirm ergattert, seine Frau sitzt neben ihm. Als die Kamera vor dem Anpfiff auf den Stuttgarter Spieler Mario Gomez schwenkt, gibt es laute Buhrufe. „Es ist nicht anders als im Stadion“, sagt Stellwag.

Dann der Anstoß. Der Mann aus Bremen stimmt in den Chor der Fans in der „Abstiegsfalle“ ein: „Und wir lieben unseren Klub, und wir sind stolz auf ihn. 1. FC Union aus Berlin.“ Ein Aufschrei geht durch die Menge, als das Freistoßtor für den Union-Gegner fällt, ein Jubel, als das Tor anuliert wird. Als hätte Union gewonnen.

Die Luft kocht. Der Kommentator des Spiels ist nicht zu hören, weil die Sprechchöre immer lauter werden. Auch, als es bei einem Kopfball zwei Verletzte gibt. „Zwei Verletzte, zwei Verlierer, zwei Verletzte, zweite Bundesliga“, reimt einer der stehenden Fans und die Menschen in der Kneipe stimmen ein.

In der Halbzeitpause schüttelt Stellwag enttäuscht den Kopf und zupft sein Union-Hemd mit der Nummer 69 glatt, die für sein Geburtsjahr steht. „Das war nix“, sagt er. Stuttgart sei die bessere Mannschaft. „Wir sind viel zu nervös, kein Pass kommt vorne an.“ Klar würde ein 0:0 reichen. Aber dolle wäre das nicht.

Nach der Halbzeitpause ist kein Hereinkommen mehr in die Fankneipe. Doch die Euphorie ist bis vor die Tür zu hören. Jan Simon ist seit 1987 Mitglied beim Fußballclub Berlin. Er sagt, wenn Union aufsteigt, dann werde er die ganze Nacht mit seiner Frau feiern. Uns so ist es dann auch.

Raketen fliegen in den Himmel

Um 22.28 Uhr rasen die ersten Fans laut schreiend aus der Fankneipe. Böller werden gezündet. Jan Simon hat Tränen in den Augen. Er liegt sich mit seiner Frau in den Armen.

Dirk Stellwag ist mit dem Aufstieg mehr als zufrieden. Er läuft nach dem Abpfiff ins Stadion, feiert dort mit den Fans. „Ich fühle mich, als würde Weihnachten, Ostern und Silvester auf einen Tag fallen. Es ist einfach geil.“ Bürgermeister Igel, der den Aufstieg im Stadion miterlebt hat, sieht das ähnlich. Er hat zunächst nur ein Wort parat: „Wahnsinn.“

Ganz Deutschland werde jetzt Köpenick kennenlernen

Dann erzählt er, dass der Aufstieg einen unglaublichen Imagegewinn für den Bezirk bedeute. Ganz Deutschland werde jetzt Köpenick kennenlernen. Igel sagt, dass am Mittwochabend die Mannschaft im Rathaus empfangen werde. Dann werde sich die Erstligisten zum Stadion begeben. „Ich bin als Fan und Bürgermeister einfach nur happy“, sagt er, dann steigen die ersten Feuerwerksraketen in den Köpenicker Nachthimmel.