Unions Christopher Trimmel ist ein Freund des ruhenden Balles.
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Berlin-KöpenickDer Eckstoß oder Eckball, in England, aber auch in Österreich und der Schweiz „Corner“ genannt, ist neben dem Strafstoß und dem Freistoß die fraglos verfänglichste Übung für einen Fußballspieler. Sieht so einfach aus, birgt allerdings für den Schützen aufgrund der Komplexität der Schussbewegung (samt gern mal eingeschränktem Anlauf) und der Abhängigkeit vom richtigen Mitwirken der Mitspieler eine sehr große Gefahr sich zu blamieren. Zu kurz, zu lang, dann mal gern eine leichte Fangübung für den gegnerischen Torhüter, ach, es ist doch immer der Schütze, der bei einer uneffektiven Ausführung den Zorn der Zuschauer abbekommt – und beim nächsten Mal unter noch größerem Druck samt Ball zur Eckfahne marschiert. Schon Pierre Littbarski wusste: „Wer einen Eckball hinters Tor haut, ist die Oberpfeife, wer trifft, ist reif für die Nationalelf.“

Wer einen Eckball hinters Tor haut, ist die Oberpfeife, wer trifft, ist reif für die Nationalelf.

Pierre Littbarski

So kommt es nicht von ungefähr, dass Pep Guardiola während seiner Zeit beim FC Barcelona den Profis nahelegte, „el córner“ doch bitte kurz auszuführen. Mit der Begründung, dass seine doch eher kleingewachsenen Spieler beim Kopfballspiel ohnehin unterlegen wären und der Ball beim Eckstoß doch immer zu weit vom gegnerischen Tor entfernt wäre, als dass dadurch zwangsläufig eine Tormöglichkeit hervorgerufen werden könnte. Zudem bannte der Katalane mit dieser Maßnahme auch das Risiko eines schnellen Gegenangriffs.

Daten bestätigen: Dortmund ist bei Ecken anfällig

Der Eckball, der übrigens schon im Oktober 1868 von den visionären Urhebern der „Laws of the Sheffield Football Association“ in das Spiel eingeführt wurde, ist jedenfalls eine Sache für Spezialisten. Fritz Walter beispielsweise war so einer, auf Geheiß von Sepp Herberger, der sich in seiner im Jahr 1930 verfassten Diplomarbeit schon ausführlich mit dieser gern mal unterschätzten Standardsituation und dem sogenannten „Freisperren“ auseinandergesetzt hatte. Nicht wenige halten dieses Stilmittel für ein maßgebliches beim Gewinn des WM-Titels im Jahr 1954. Zwei von sechs Toren der Deutschen im Halbfinale gegen Österreich fielen im Anschluss an einen Eckball, genauso wie der 2:2-Ausgleichstreffer durch Helmut Rahn im Finale gegen die Ungarn.   In seinem Buch „Mein Hobby: Tore schießen“ berichtete Rahn: „Corner Nummer eins war kurz gekommen, also kam – verabredungsgemäß – die zweite lang.“

Was das alles mit der Auswärtspartie des 1. FC Union bei Borussia Dortmund zu tun hat? Nun, unsere Kollegen vom Institut für Spielanalyse haben in Vorbereitung auf das Spiel gezählt und die Zahlen dahingehend gedeutet, dass sich im grundsätzlich doch eher ungleichen Vergleich zwischen den beiden Mannschaften gerade bei den Eckbällen eine Chance für den Außenseiter aus Köpenick eröffnet. Einerseits hat das Team von Trainer Urs Fischer im Anschluss an einen Eckstoß von Christopher Trimmel bereits sechs Tore erzielt, während Borussia Dortmund fünf Gegentreffer nach Eckstößen hinnehmen musste.

Unions Trimmel brüskierte den BVB im Hinspiel

Ein Problem, das die Dortmunder schon in der Vorsaison (14 Gegentreffer nach Standardsituationen) beschäftigte und Keeper Roman Bürki da schon schier zur Verzweiflung trieb. „Ich sage da nichts mehr zu, das habe ich oft genug getan. Das müssen jetzt auch mal andere erkennen. Es ärgert mich, aber ich rege mich im Spiel nicht mehr auf. Das ist mir die Energie nicht wert“, wetterte der Schweizer im Frühjahr 2019. BVB-Trainer Lucien Favre, der bei der Verteidigung von gegnerischen Standardsituationen unverdrossen auf Raumdeckung setzt, scheint jedenfalls immer noch keine Idee für eine Lösung des Missstands gefunden zu haben.

Mut müsse seine Mannschaft haben, um in Dortmund bestehen zu können, hat unterdessen Urs Fischer am Donnerstag im Hinblick auf die Partie im Westfalenstadion gesagt. Oder eben eine gute Idee wie beim 3:1 im Hinspiel, als sich Trimmel in der 22. Minute zur Ausführung eines Eckstoßes begab, den Ball allerdings nicht in hohem Bogen direkt vors Tor schlug, sondern als flache Hereingabe Richtung Strafraumgrenze schickte. Marius Bülter stürmte wie im Training geübt herbei, vollendete mit seinem rechten Fuß zum 1:0 für die Eisernen. Fischer sagt: „Standards sind eine Waffe, einfacher kannst du nicht zu einem Tor kommen.“