Hoch hinaus: Unions Trainer Urs Fischer nimmt gern die drei Punkte mit aus Frankfurt. 
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FrankfurtNun, Faschingslieder zum Mitschunkeln waren es nicht, die in der Frankfurter Arena am Rosenmontag aus der Gästekabine dröhnten. Trotzdem lief die Partymusik noch ein bisschen länger bei Union Berlin, wo nach dem 2:1-Erfolg bei Eintracht Frankfurt – dem zweiten Auswärtssieg in Folge – der Rückflug in die Hauptstadt ohnehin erst für Dienstag terminiert war. „Wir nehmen die drei Punkte gerne mit nach Berlin“, sagte Urs Fischer. Für die Endabrechnung sei das „wichtig, sehr wichtig.“Ansonsten betonte der Union-Trainer  mit der ihm offenbar angeborenen Demut „das nötige Wettkampfglück des Aufsteigers“. Aber: Die Eisernen müssen sich nicht schämen, zur Frankfurter Fastnacht  die Spaßbremse gespielt zu haben. Dem Schweizer musste schon ein Österreicher zur Seite springen musste, um das Gesamtwerk in Köpenick zu würdigen.

Platz zehn interessiert Urs Fischer nicht

Eintracht-Trainer Adi Hütter, der bei Young Boys Bern arbeitete, als Fischer bis 2017 beim FC Basel coachte, lag es auf dem Herzen, dem Sieger einige Komplimente zu machen: „Sie sind physisch stark, sie machen es taktisch gut - und  jedem Gegner schwer.“ Der Aufsteiger verkörpert inzwischen sogar mehr als solides Mittelmaß, denn in der Tabelle steht Union bereits vor der Eintracht. Aber: Platz zehn interessiere ihn nicht, versicherte Fischer. „29 Punkte werden am Ende nicht reichen“, fügte der 54-Jährige noch an, doch gegen die Gesamtentwicklung wollte auch er sich nicht wehren.

Es gab genügend Fälle in der Bundesliga-Geschichte, da haben Novizen wie Union die Bühne Bundesliga vollgepumpt mit Adrenalin betreten, mit großer Leidenschaft eine ordentliche Ausbeute in der Hinrunde eingefahren, um in der Rückrunde mit Ansage Lehrgeld zu zahlen. Bei Union geschieht genau das Gegenteil: Sie haben die Basistugenden aus der ersten Halbserie übernommen, um in der zweiten die spielerischen und taktischen Feinheiten draufzusatteln.

„Wir versuchen, uns immer weiterzuentwickeln. Dazu musst du gewillt sein, dazuzulernen. Diese Mannschaft ist sehr selbstkritisch im Umgang mit sich selbst. Das hört man immer wieder bei den Spielern“, erklärte Fischer. Bundesligaerprobte Routiniers sind mit hungrigen Newcomern zu einer kompakten Einheit verschweißt, die bei 29 Punkten so klar über dem Strich steht, dass es schwer vorstellbar ist, dass noch irgendwelche Abstiegsängste aufkommen könnten.  „Am Anfang haben wir vor allem gegen den Ball gearbeitet. Jetzt haben wir uns sehr gut entwickelt und spielerisch verbessert“, bestätigte Kapitän Marvin Friedrich den erstaunlichen Reifeprozess.

Die Fortschritte offenbarten sich abgesehen von der Schlussphase – als Florian Hübner ein folgenloses Eigentor (79.) unterlief – vor allem in den ersten 70 Minuten einer Begegnung, die wegen der leeren Frankfurter Fankurve eine eigenwillige Untermalung besaß. Nachdem Sebastian Andersson beim 1:0 (49.) seine Torflaute auf Vorlage von Christopher Lenz beendet hatte, weil drei Frankfurter (Kevin Trapp, Erik Durm und David Abraham) ihren Dienst einstellten, kam das Eigentor von Even Ndicka (67.) nach feiner Ballstafette zustande.

Es war ein hartes Spiel auf einem weichen Platz – jetzt sind wir alle glücklich.

Sebastian Andersson

Auch der seit dem 15. Spieltag über Ladehemmung klagende Torjäger Andersson („Es war ein hartes Spiel auf einem weichen Platz – jetzt sind wir alle glücklich“) hätte sonst vollendet, bekam aber ohnehin ein Extralob von Fischer: „Er hat wieder viel gearbeitet. Sepp steht beim Tor da, wo er stehen muss.“ Mit seinem neunten Saisontreffer konterte der fleißige Schwede nebenbei die vom gefrusteten Konkurrenten Sebastian Polter entfachte Debatte um die beste Sturmbesetzung.

Doch für Egotrips ist in diesem Kollektiv kein Platz. Die Partien gegen die Europapokalteams aus Leverkusen und Frankfurt hätten gezeigt, „dass wir gegen jeden Gegner einen Chance haben – wir kriegen es gut hin, unseren Plan umzusetzen“, beteuerte Friedrich. Da trifft es sich doch gut, dass am Sonntag zur einer aus Zweitligazeiten gut bekannten Anstoßzeit (13.30 Uhr) mit dem VfL Wolfsburg gleich noch der dritte Europa-League-Teilnehmer an der Alten Försterei vorstellig wird. Die Mission ist, typisch Fischer, ja nicht beendet. „Es sind noch elf Spiele.“ Aber einen Tusch zwischendrin, den hätte Union Berlin mitten im närrischen Treiben allemal verdient.