Der 1. FC Union geht ohne Zwang ins Pokal-Achtelfinale

Die Eisernen sind großer Favorit im Duell mit Viertligist Verl. Gerade deshalb ist Trainer Urs Fischer bemüht, die Bedeutung dieser Partie richtig einzuordnen.

Berlin-Urs Fischer sah entspannt aus. Überraschend entspannt, könnte man beinahe sagen. Denn unmittelbar nach der 0:5-Niederlage gegen Borussia Dortmund am vergangenen Wochenende war der Trainer des 1. FC Union sichtlich unzufrieden. Nicht etwa allein der fünf Gegentore wegen, sondern vornehmlich, weil sich seine sonst so engagierte Mannschaft passiv und ängstlich vom Meisterkandidaten hatte vorführen lassen und erschreckend wenig Gegenwehr leistete.

Urs Fischer wirkte in Dortmund zwischenzeitlich entsetzt, wie sich der 1. FC Union in sein Schicksal ergab.
Urs Fischer wirkte in Dortmund zwischenzeitlich entsetzt, wie sich der 1. FC Union in sein Schicksal ergab.imago-images

„Das Thema ist abgehakt“, sagte der Schweizer keine 48 Stunden später, vor dem Spiel in Verl am Mittwoch (18.30/Sky). Man habe sich die komplette Partie nochmals angeschaut, Fehler analysiert, mögliche Lösungen für die Zukunft besprochen und „schlussendlich“, wie Fischer, 52, gerne sagt, einen Haken gesetzt. Dortmund war gestern, Verl ist heute. Und der geneigte Fußball-Beobachter würde wohl behaupten, dass das Pokalduell mit dem Viertligisten für die Eisernen zum rechten Zeitpunkt kommt. Ein willkommener Anlass, nach den eher durchwachsenen Wochen des in der Bundesliga Mitlaufens endlich mal wieder einem Spiel den eigenen Stempel aufzudrücken. Um dann am Sonnabend  gestärkt das wichtige Duell bei Werder Bremen anzugehen.

Zwiespältige Situation

Doch genau hier wich die offensichtliche Lockerheit Fischers dem analytischen Realismus, der den Schweizer Übungsleiter der Köpenicker in der Vergangenheit so erfolgreich hat arbeiten lassen. „Mir wäre es lieber, wenn wir die Spiele in Dortmund und Bremen mal von dem in Verl lösen“, sagte der Schweizer und erklärte warum: „Wir sprechen hier über zwei verschiedene Paar Schuhe. In der Meisterschaft haben wir noch so einige Spiele vor uns. In Verl haben wir die in dieser Saison einmalige Chance, in ein Viertelfinale einzuziehen. Wenn wir verlieren, sind wir raus.“

Was wie ein Fischer-Plädoyer für den Erfolg im DFB-Pokal klang, der Union immerhin satte 1,4 Millionen Euro Preisgeld in die Kassen spülen würde, hat in Wirklichkeit eine gegenteilige Bedeutung für die Eisernen. Denn der Schweizer ist sich der zwiespältigen Situation, in der sein Team sich derzeit befindet, absolut bewusst.

Chance für zweite Garde
Rotation: Urs Fischer wird das Spiel gegen Verl nutzen, um einigen Spielern aus der Reserve Spielpraxis zu geben. Kandidaten sind Julian Ryerson und Ken Reichel.

Rückkehr: Kein Thema sei jedoch Grischa Prömel, der in Dortmund die Rückkehr nach seiner Verletzung feierte. „Grischa benötigt noch Zeit“, so Fischer.

Rasen: Auch, weil das Geläuf in Verl alles andere als gesundheitsfreundlich sein soll. Fischer: „Die Platzverhältnisse sind nicht optimal, aber Passspiel ist möglich.“

Wenige Wochen vor der Winterpause hatten die Köpenicker nach einer ebenso überraschenden wie hart erarbeiteten Stärke-Phase einen gefühlt kaum noch zu verspielenden Vorsprung auf die Abstiegsränge. Doch nach mehreren Punktverlusten und einer erstarkenden Konkurrenz schmolz dieser zusammen. Dem Entlastungssieg gegen Augsburg folgte schließlich die Lehrstunde in Dortmund. Eine Achterbahnfahrt ist derzeit kalkulierbarer als die wöchentliche Punktausbeute der Eisernen. Weshalb Fischer auch weit davon entfernt ist, das Pokalspiel gegen den unterklassigen Gegner als Pflichtsieg zu sehen.

Verls Stärken

Erschwerend hinzu kommt nämlich, dass der SC Verl keinesfalls nur aus purem Glück so spät im Pokal-Wettbewerb noch auf die Eisernen trifft. „Die haben Augsburg und Kiel geschlagen, einen Erst- und Zweitligisten“ erinnerte Fischer, der deshalb am vergangenen Freitag selbst ein Ligaspiel der Westfalen scoutete und dort ein Team sah, „das immer wieder hoch anläuft, sehr schnelle Leute auf dem Flügel und Offensivspieler hat, die auch sehr gut verteidigen können.“

Wenn der Trainer das Pokalspiel also von den Ligapartien „loslösen“ will, steckt dahinter auch die Vorstellung, den mentalen Zustand des Teams nicht vom Resultat in Verl abhängig zu machen. Das Duell soll weder von der herben Klatsche in Dortmund beeinflusst werden, noch einen Einfluss auf die Partie in Bremen haben. Die Eisernen reisen, im Falle einer erneuten Pleite, weder als „Versager“ weiter nach Bremen, noch sind die Probleme, die das Team in den vergangenen Monaten in der Liga hatte, verflogen, wenn Union in Verl ins Viertelfinale einzieht. Kurz: Der Pokal ist der Pokal, nicht mehr und nicht weniger.

Für Fischer ist diese Herangehensweise wichtig, weil sich die Eisernen eben in einer sehr entscheidenden Phase ihrer Bundesliga-Premierensaison befinden. Jederzeit kann es für Union steil nach oben, aber eben auch steil nach unten gehen. Und die Köpenicker sind in der Vergangenheit stets am besten gefahren, wenn sie sich auf ihre jeweils nächste Aufgabe fokussiert haben und nicht auf das große Ganze.