Loris Karius spielte bei Besiktas zwar regelmäßig, wurde aber auch in Istanbul nicht glücklich.
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Berlin-KöpenickSchon das Gerücht am Sonnabend war ein echter Straßenfeger: Der 1. FC Union soll an Torwart Loris Karius interessiert sein. Just in dem Moment, in dem Fans und Beobachter nun doch glaubten, die Eisernen marschieren mit Andreas Luthe als Nummer eins durch die Saison, zog Sportchef Oliver Ruhnert einen Torwart aus dem Hut, der vor drei Jahren noch das Tor im Champions-League-Finale hütete. Seit Montagnachmittag ist es nun offiziell. Die eisernen leihen Loris Karius für ein Jahr vom FC Liverpool aus. Ein echter Glücksfall für die Köpenicker, oder?

Viel mehr ist es eigentlich der 1. FC Union, der für den 27-Jährigen zum Glücksfall wird. Denn seit seinem Wechsel zum FC Liverpool ging es für Karius sportlich schleichend bergab, nicht immer war er selbst schuld daran. So könnte das Leihgeschäft mit den Eisernen für ihn die vielleicht letzte Chance sein, auf hohem Niveau Fußball zu spielen und die Wertschätzung zu erhalten, die er verdient.

Vor nur fünf Jahren sah das alles noch ganz anders aus. Mitte der 2010er-Jahre hatte sich der gebürtige Biberacher, der in seiner Jugend auch bei Manchester City ausgebildet wurde, im Bundesligakader des FSV Mainz 05 etabliert, war die klare Nummer eins und hielt seinen Kasten im Schnitt in jedem dritten Pflichtspiel für die Mainzer sauber. Eine starke Quote, die auch den früheren Mainzer Trainer Jürgen Klopp aufhorchen ließ, der Karius im Mai 2016 für 6,2 Millionen Euro nach Liverpool lotste.

Der Erfolgstrainer war selbst erst seit einem halben Jahr an der Anfield Road verantwortlich und suchte nach einem modernen Torhüter, auf den er sich verlassen konnte. Das war beim damaligen, wackeligen Stammkeeper Simon Mignolet (32, heute FC Brügge) nicht immer der Fall, was die sportliche Leitung der Reds auch auf den fehlenden Konkurrenzkampf im Tor zurückführte. Karius sollte dem Belgier Druck machen und einen offenen Kampf um die Nummer eins herausfordern.

Doch sein Pech begann bereits nach wenigen Wochen, als er in einem Testspiel gegen den FC Chelsea mit Mitspieler Dejan Lovren zusammenprallte und so unglücklich fiel, dass er sich die Hand brach. Karius musste zwei Monate zuschauen und Mignolet so vorerst den Vortritt lassen. Als er nach seiner Genesung von Klopp dennoch zum Stammtorwart befördert wurde, hagelte es nach einigen fahrigen Spielen harsche Kritik. Man nannte ihn sogar „Flutschfinger“.

Besonders die früheren englischen Nationalspieler Gary und Phil Neville, Legenden bei Liverpools Erzrivale Manchester United und heute TV-Experten, schossen sich auf den Torhüter ein, wurden sogar ausfällig, als Karius sich öffentlich gegen die überzogene Kritik wehrte. „Halt deine Klappe, mach deinen Job, geh nach Hause, trink deinen Tee und spiel Fußball“, pöbelte Phil Neville damals. Jürgen Klopp wetterte zurück: „Die Experten, meistens ehemalige Spieler, haben komplett vergessen, wie es sich anfühlt, wenn man kritisiert wird. Vor allem die Neville-Brüder. Der eine, der Trainer war (Gary Neville, Anm. d. Red.), sollte doch eigentlich wissen, dass zu viel Kritik niemals hilft.“

Bei aller Rückendeckung durch den FC Liverpool war die sportliche Reaktion doch die, die letztlich hängen blieb: Klopp nahm Karius aus dem Tor, setzte für den Rest der Saison wieder auf Mignolet. „Ich bin nicht am öffentlichen Druck interessiert, ich interessiere mich für den Jungen“, erklärte er den Torwarttausch und bekräftigte: „Wir wollen die Spieler entwickeln.“ Auch Karius gab nach Saisonende an, sich an der Mersey durchsetzen zu wollen. Und tatsächlich vertrauten ihm die Reds zu Beginn der folgenden Rückrunde wieder den Platz zwischen den Pfosten an, wo er sich schließlich festspielte und durchsetzte – bis zum Champions-League-Finale 2018 in Kiew.

Bis heute ist unsicher, warum der damals 24-Jährige im Spiel gegen Real Madrid gleich zweimal so heftig patzte, dass alle Welt ihm die Schuld am 1:3 seines Teams gab. Erst neun Tage nach dem Spiel gab Karius an, eine Gehirnerschütterung erlitten zu haben, aufgrund derer ihm ein Arzt erhebliche Probleme in der räumlichen Wahrnehmung attestierte. Warum Karius dann jedoch nach dem Ellbogencheck von Madrids Verteidiger Sergio Ramos, der zur Verletzung geführt haben soll, noch mehrere starke Paraden zeigte, blieb unklar. Klar war hingegen: Der FC Liverpool wollte einen neuen Torhüter. Für 62,5 Millionen Euro kam der Brasilianer Alisson Becker von der AS Rom und gewann in den folgenden Jahren mit den Reds die Champions League und die Premier League.

Loris Karius verbrachte diese Zeit indes am Bosporus, als Leihspieler bei Besiktas Istanbul. Nachdem er zu Beginn noch von jubelnden Fans am Flughafen empfangen worden war, warf ihm Trainer Senol Günes nach wenigen Monaten eine „mangelhafte Motivation“ vor und wünschte sich sogar öffentlich Vereins-Ikone Tolga Zengin aus dem Ruhestand zurück. „Wäre Tolga hier, würde ich ihn spielen lassen“, sagte er. Kurios: Dennoch verpasste Karius in seinen zwei Jahren bei Besiktas wegen kleinerer Wehwehchen nur zwei Ligaspiele, klagte jedoch auch gegen den Verein, der ihm zwischenzeitlich zahlreiche Gehaltszahlungen schuldig blieb. Die vereinbarte Kaufoption ließen die Türken folglich verstreichen.

So schlug Karius im Sommer wieder in Liverpool auf, hielt sich mit dem Team fit, war aber hinter Alisson und Ersatz-Keeper Adrian nie eine Option für den Spieltagskader. Stattdessen hofften die Reds auf einen interessierten Verein, um die Entwicklung des künftigen irischen Nationaltorwarts Caoimhin Kelleher nicht zu bremsen. Vom Hoffnungsträger zum vermeintlichen Bremser – das lässt keinen kalt, nicht mal Karius, dessen freizügige Instagram-Posts den Eindruck erwecken, als platze er auch nach all dem Pech weiter vor Selbstbewusstsein.

Loris Karius hat harte Zeiten durchlebt, sein Ruf hat, oft auch unverschuldet, gelitten. Gerade deshalb ist der 1. FC Union genau der richtige Klub für ihn. Bei den Eisernen legt man Wert auf sportliche Qualität und weniger auf den Ruf, der einem Spieler vorauseilt. Das war bei Sheraldo Becker so, der in den Niederlanden mit seiner Familie medial durchaus präsent war und sich nun völlig auf seine Leistungen konzentriert. Zuletzt betonte Trainer Urs Fischer bei Zugang Max Kruse, dass ihn dessen Leidenschaft für Pokerspiele nicht tangiere. Gerade Fischer könnte mit seiner geduldigen und analytischen Art für Karius zum Ruhepol werden.

Mit Sicherheit ist ein Spieler vom Kaliber eines Loris Karius im Vollbesitz seiner sportlichen Kräfte ein echter Coup für die Eisernen. Doch auch Union hat mittlerweile Qualitäten, die strauchelnde Kicker wie ihn zurück auf den richtigen Karriereweg bringen können. In diesem Sinne profitieren die Köpenicker ganz klar von der Verpflichtung – denn für Karius ist der 1. FC Union ein echter Glücksfall.