Kurzpassexperte: Yunus Malli.
Foto: Matthias Koch

Berlin-KöpenickOtto Rehhagel sagte mal: „Modern spielt, wer gewinnt.“ Die heute 81 Jahre alte Trainerlegende hasste den Vorwurf, veralteten Fußball spielen zu lassen, vor allem, als man ihm bei der EM 2004 den Erfolg der von ihm trainierten Griechen genau damit madig machen wollte.

In gewisser Weise könnte man die gleiche Diskussion auch mit Urs Fischer starten. Statt seine Eisernen in die bestehenden, taktischen Standards der Bundesliga zu zwängen und sie in einem technisch und läuferisch anspruchsvollen Kurzpasssystem agieren zu lassen, wie es andere Teams versuchen, setzte der Trainer des 1. FC Union in der Hinrunde doch eher auf kämpferische Stilmittel. Im Aufbauspiel wurde das Mittelfeld mit langen Bällen überbrückt, die Konzentration in der Vorwärtsbewegung auf den Gewinn des „zweiten Balles“ gelegt. Und das auch durchaus mit großem Erfolg.

Borussia Dortmund kam damit nicht zurecht, Borussia Mönchengaldbach auch nicht. Der SC Feiburg, der in der vergangenen Hinrunde seinerseits selbst die halbe Liga narrte, verlor zweimal gegen die Köpenicker. Sogar der FC Bayern hatte seine lieben Probleme mit Union. Warum also sollten die Eisernen etwas ändern? Modern spielt, wer gewinnt − oder?

Es könnte tatsächlich so einfach sein, wäre da nicht noch eine Rückrunde zu spielen. Und schon zum Ende der Hinserie hatten die Unioner zunehmend Probleme, ihr auf sich selbst optimiertes Spiel in Punkte umzumünzen. Während Teams wie Bremen, Köln, Düsseldorf oder der heutige Gegner Augsburg (15.30, Stadion An der Alten Försterei) zuletzt eifrig punkteten, schrumpfte Unions zwischenzeitlicher Vorsprung von elf Punkten auf fünf Zähler, die den Klub noch von den Abstiegsplätzen trennen. Zudem ist zu erwarten, dass die in der Hinrunde noch überraschten Topteams spätestens im Rückspiel ein Rezept für die nüchterne Spielweise der Eisernen gefunden haben.

In dieser Situation zeigt sich, worin sich Urs Fischer von Otto Rehhagel unterscheidet. Er handelt. Nicht laut und offensichtlich, sondern still und analytisch. Vor der Partie gegen Augsburg gab er nur einen kleinen Hinweis darauf, wie die Eisernen auch in der Rückrunde überraschen wollen. „Man hat zuletzt schon gesehen, dass wir gewillt sind, nicht nur lange Bälle zu spielen“, erklärte der Schweizer. Einfach situations- und gegnerabhängig von langen Bällen auf Kurzpassspiel zu wechseln, ist aber nicht weniger als ein kompletter Stilwechsel, für den es viel Energie, Trainingszeit und Spieler benötigt, die einen solchen Fußball überhaupt spielen können.

Keiner so fein wie Malli

Umso wichtiger für den kurz- und langfristigen Erfolg der Eisernen ist deshalb die schnelle Integration von Winterzugang Yunus Malli, der mit seinen 70 Kilogramm auf 1,79 Metern alles andere als ein Schlachtross ist, wiederum aber einen so feinen Fußball spielen kann wie kein Zweiter in der Mannschaft. „So einen wie Yunus hatten wir bisher noch nicht im Team, er kann uns mit seinem Spiel wirklich helfen“, hatte daher auch unter der Woche Innenverteidiger Marvin Friedrich bekräftigt.

Malli ist ein wichtiges Puzzleteil im Abstiegskampf der Eisernen. Das weiß auch Urs Fischer und nimmt vorsichtshalber schon mal den Druck vom türkischen Nationalspieler. „Er benötigt noch etwas Zeit, wir sollten nicht zu schnell zu viel von ihm erwarten.“

Eine Aussage, die man so auch auf die Pläne des Schweizers anwenden könnte. Niemand weiß, ob es Union in den kommenden Spielen gelingt, diese neue Variabilität in ihr Spiel zu bekommen. Aber den Respekt, sich entwickelnde Schwachpunkte frühzeitig zu erkennen und anzupacken, hat Fischer allemal. Denn Otto Rehhagel mag Europameister sein − doch den Abstieg von Hertha BSC konnte er 2012 auch nicht verhindern …