Der 1. FC Union hat ein Wohnzimmer in Rot und Weiß, die Alte Försterei.
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Berlin-KöpenickLasciate ogni speranza, voi ch'entrate – „Ihr, die ihr hier eintretet, lasst alle Hoffnung fahren.“ Der italienische Dichter Dante Alighieri   hatte bei diesen Worten – entnommen seiner Göttlichen Komödie (Inferno III, 9/Das Höllentor) – zwar nicht die Alte Försterei im Sinn. Der Calcio, also Fußball – des Italieners liebstes Kind − war im 14. Jahrhundert noch nicht erfunden. Aber dennoch sind sie eine passende Warnung an all diejenigen, die in den Wäldern längs der Wuhle Station machen. Wer dort aufdribbelt, der geht in dieser Spielzeit wahrlich durchs Fegefeuer. Eine Erkenntnis, der sich heute Abend auch die für gewöhnlich blau gewandete TSG Hoffenheim ab 20.30 Uhr beim letzten Heimspiel des Jahres für den Aufsteiger stellen muss.

Ob Spitzenreiter (Mönchengladbach), Stadtrivale (Hertha BSC) oder Kellerkind (Köln) – sie alle verbrannten sich die Pfoten beim Versuch, im Ballhaus des Ostens irgendwie den – laut Fanrufen – Fußballgöttern in Rot zu entkommen oder entscheidenden Widerstand zu leisten. Womit wir den aus der Toskana stammenden Dichter endgültig hinter uns lassen, obwohl die Analogien auch hier frappierende Ähnlichkeiten aufweisen. Dantes Weg durch die Unterwelt beginnt in einem tiefen Wald! Vergil, sein Reiseführer durch den Ort der Verdammnis, trägt Blau, der Florentiner ein frisches Rot! Die Hölle wird als einem antiken Amphitheater (Fußballstadion) gleichender Trichter mit steilen Terrassen (Rängen) beschrieben.

Der 1. FC Union gewann vier Heimspiele in Serie

Eben diese spielen eine wichtige Rolle, warum die Mannschaft von Urs Fischer zuletzt vier Heimspiele in Folge gewonnen hat und alle davon ohne ein einziges Gegentor. Der vielbeschworene zwölfte Mann macht das enge Stadion stets zu einem hitzigen, ja geradezu höllischen Ort für die Kontrahenten. „Zentraler Punkt sind da unsere Fans“, meinte denn auch Trainer Urs Fischer. „In schwierigen Phasen verschaffen sie uns immer wieder Luft − auch über die 90 Minuten hinaus. Das verleiht einen Schub. Das hilft dir schon, über das Limit zu gehen.“ Es sei halt das Wohnzimmer der Köpenicker. Und jeder fühle sich in seinen eigenen vier Wänden doch am wohlsten, so der 53-Jährige weiter.

Tatsächlich hat sich Union mit fünf Siegen   in der Heimspieltabelle weit nach vorne geschoben. In einer Liga ohne Gastspiele wären die Köpenicker als Fünfter – im Übrigen punktgleich mit Frankfurt und nur einen Zähler hinter dem FC Bayern − klar auf Europacup-Kurs.

Selbst die Tatsache, dass der Aufsteiger schon drei von acht Heimspielen in den Sand gesetzt hat, widerspricht dem nicht. Niederlage eins, datiert vom ersten Spieltag, als der Bundesliganovize an sich selbst und den Erwartungen an den Tag insgesamt zusammenbrach, weil alles bei dem Kick gegen Leipzig irgendwie überdreht wurde. Bei den Heimniederlagen gegen Bremen und Frankfurt zahlte Union Lehrgeld. Mittlerweile ist der Anspruch gewachsen. „Wir wollen jeden Gegner schlagen“, sagte Urs Fischer, der nicht dafür bekannt ist, das Unrealistische leichtfertig zu äußern.

Die Eisernen stehen sorgenfrei da

Eine Ansicht, der sich auch Routinier Christian Gentner vorbehaltlos anschließen könnte. Der hat auch eine Erklärung dafür, warum die Eisernen mit 20 Zählern nicht nur bester Aufsteiger sind, sondern insgesamt sorgenfrei dastehen. „In der Mannschaft steckt viel Qualität, harte Disziplin und Arbeit. Ganz viele Jungs haben Gier, die sie versprühen. Die das erste Jahr in der Bundesliga spielen, betrachten jedes Wochenende als Highlight“, weiß der 34-Jährige.

Der Aufschwung oder die zuletzt gezeigte Konstanz hätten   nicht zwingend mit Euphorie zu tun. „Dafür haben wir zu Beginn zu viel auf die Fresse bekommen“, sagt Gentner. Aber dass sich Mannschaft und Verein nicht aus der Ruhe hätten bringen lassen, zahle sich aus. „Jetzt haben wir ein Selbstvertrauen und ein Selbstverständnis entwickelt, das uns bis Weihnachten zuversichtlich macht, weitere Punkte zu holen.“