Die Eisernen jubeln nach dem Treffer von Marvin Friedrich zum 3:0.
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Berlin-KöpenickIrgendwie wollte an diesem Freitagabend keiner so richtig nach Hause gehen. Nur langsam schoben sich die rund 4400 Zuschauer nach dem 4:0 (1:0) des 1. FC Union gegen den FSV Mainz 05 aus dem Stadion An der Alten Försterei, auch wenn es rund um die Wuhlheide zu später Stunde bereits auffallend kühl und ungemütlich war. Doch dieser Sieg, der höchste in der noch jungen Bundesliga-Geschichte der Eisernen, wollte diskutiert werden, bei einem Bier in einer der zahlreichen Köpenicker Kneipen oder zu Fuß auf dem Heimweg über die Spindlersfelder Brücke. Diese Treffer wollten analysiert, immer und immer wieder nacherzählt werden, weil jeder für sich eine eigene Geschichte erzählte. Starke Ergebnisse haben die Unioner schon in der vorherigen Saison gefeiert, doch dass die Eisernen dabei richtig guten Fußball spielen – das fühlte sich neu und aufregend an.

Als Anti-Fußballer wurden sie im Vorjahr bezeichnet, als Zerstörer, die ein antiquiertes Spielsystem aus der Defensive heraus aufzogen, um dann mit langen Bällen in den Angriff zu gehen. Ein System, das irgendwann entschlüsselt sei – und dann drohe der Abstieg. Beim Sieg gegen Mainz deuteten die Eisernen stattdessen an, dass es ihnen mit der Weiterentwicklung ihres Spielweise ernst ist und dass sie in der laufenden Transferphase offenbar genau die richtigen Spieler für dieses Vorhaben verpflichtet haben.

Denn dass Innenverteidiger Marvin Friedrich, der Torschütze zum 3:0, so ballsicher wie torgefährlich ist, war den meisten bereits bekannt. Doch dass seine Nebenmänner Robin Knoche und Nico Schlotterbeck in der Dreier-Abwehrkette dem Den-Angriff-aus-der-Defensive-heraus-eröffnen eine echte Qualitätssteigerung verpassen, war eine unglaublich erfrischende Entdeckung. Während Knoche sich vornehmlich auf sichere, kurze Pässe konzentrierte und die gegnerischen Stürmer mehrfach mit frechen Körpertäuschungen ins Leere laufen ließ, offenbarte Schlotterbeck auch in der langen Eröffnung eine beeindruckende Präzision und ein für sein junges Alter richtig gutes Auge. Nach seinem perfekten Pass in den Raum konnte Kapitän Christopher Trimmel völlig frei flanken und Markus Ingvartsen zum 2:0 einschieben.

Schon das Führungstor durch Debütant Max Kruse ging aus einem starken Zuspiel aus der Defensive hervor. Ausgerechnet der als „aggressive leader“ verschriene Robert Andrich bewies nach 13 Minuten ein weiteres Mal, dass er auch einen feinen Fuß hat und setzte Sheraldo Becker so sauber in Szene, dass der Niederländer unbedrängt Kruse bedienen konnte.

Überhaupt könnte Becker zum Gesicht des spielerischen Aufschwungs der Eisernen werden. Nachdem die Premierensaison des Amsterdamers teils verletzungsbedingt ein Reinfall war, zeigte sich der Flügelstürmer zuletzt in Topform und dazu noch hoch motiviert. Trainer Urs Fischer belohnte das mit dem dritten Startelfeinsatz in dritten Ligaspiel und Becker dankte es erneut mit einer Energie-Leistung, bei der er die rechte Seite von vorne bis hinten beackerte und seine überdurchschnittliche Geschwindigkeit endlich richtig ausspielen konnte. Nur ein Tor wollte noch nicht gelingen.

Das erledigten dafür andere. Max Kruse offenbarte als alleinige Spitze, warum er noch immer zu den vielseitigsten deutschen Angreifern gehört und einen Spielzug sowohl initiieren als auch abschließen kann. Der 32-Jährige wollte sein Startelfdebüt aber nicht überbewerten: „Ich glaube, man hat schon gesehen, dass ich ein bisschen weiter bin als letzte Woche. Aber, dass das nicht 100 Prozent das ist, was ich spielen kann, ist auch klar. Das weiß ich auch selber, dass ich mich noch verbessern kann.“

Verbesserungswürdig war freilich auch die Leistung der Gäste. „Wir haben den Berlinern zu viel Platz gelassen, dass sie wirklich einfache Tore schießen konnten“, ärgerte sich Torhüter Robin Zentner. Die Schwäche der Mainzer als Hauptfaktor für die Stärke der Eisernen heranzuziehen, griff allerdings zu kurz. Denn mit ihrem Pressing zwangen die Köpenicker die Gäste immer wieder zu Fehlern und ließen sie im gesamten Spielverlauf nicht einmal ernsthaft gefährlich vor dem Tor von Torwart Andreas Luthe in Erscheinung treten.

Weitaus gefährlicher war da Unions Neuzugang Joel Pohjanpalo. Der Finne kam in der 63. Minute ins Spiel und benötigte 35 Sekunden, um seinem Ruf als Joker der Extraklasse gerecht zu werden und mit seiner ersten Ballberührung das erste Tor im Trikot der Eisernen zu erzielen. „Das war ein überragender Moment, klar, der beste Start, den man sich vorstellen kann“, schwärmte der 27-Jährige und widmete sein Debüt-Tor den Fans im Stadion An der Alten Försterei: „Unglaublich, wenn hier weniger als 5000 Zuschauer wie 20.000 klingen.“

Pohjanpalo war für den erschöpften Kruse ins Spiel gekommen, doch die jeweiligen Einzelleistungen beider Angreifer warfen schließlich die berechtigte Frage auf, was womöglich von einem Doppelsturm aus dem spielstarken Kruse und dem Knipser Pohjanpalo zu erwarten sei. Mit derlei Gedankenspielen wollte sich Trainer Urs Fischer freilich nicht aufhalten und auch dem Kantersieg keine zu große Bedeutung zuschreiben. „Wenn du 4:0 gewonnen hast, darfst du auch mal zufrieden sein“, lobte der 54-Jährige, mahnte aber auch: „Es war ein wichtiger Sieg, aber es gilt schön auf dem Boden zu bleiben.“

Dennoch: Ein kleines bisschen Träumen war nach dem Rekordsieg der Eisernen am Freitagabend erlaubt. Weil die Alte Försterei lange nicht mehr so gut unterhalten wurde und die berechtigte Hoffnung besteht, dass solche Spiele schon bald häufiger zu erleben sein werden.