Ein BIld mit Symbolcharakter: Während Marco Reus und der BVB aufrecht ihr Spiel absolvieren, verbiegen sich die Eisernen und Robert Andrich - und scheitern.
CityPress

DortmundVielleicht war es die breite Brust, die der 1. FC Union aus dem 3:1-Erfolg im Hinspiel mit nach Dortmund gebracht hatte. Vielleicht sollte es ein Überraschungsmoment sein. Oder womöglich war es einfach Trotz, vom haushohen Favoriten nicht umhergeschubst werden zu wollen, der die Eisernen und ihren Trainer Urs Fischer beim Gastspiel im Westfalenstadion dazu bewog, erstmals in der laufenden Bundesligasaison taktisch und personell eine technisch anspruchsvollere Herangehensweise an das Spiel zu wählen, als zuvor. Was es auch war: Es ging schief. Mit 0:5 (0:2) verloren die Köpenicker die Auswärtspartie beim Meisterkandidaten und hatten zu keiner Zeit eine realistische Chance auf einen Punkt. Das war zuvor nur am ersten Spieltag, beim 0:4 gegen Leipzig so gewesen. In Dortmund kam es noch dicker.

Schon vor dem Spiel sorgten die Aufstellungen beider Teams für Aufregung. Dortmund-Coach Lucien Favre vertraute erstmals Sturmjuwel Erling Haaland, der als Einwechsler zuvor fünfmal in zwei Partien erfolgreich war, den Startelfplatz im Sturmzentrum an. Unions Trainer Urs Fischer verhalf wiederum dem technisch versierten Winterzugang Yunus Malli hinter Sebastian Andersson und Marius Bülter zu gleichen Ehren. Und sowohl Haaland als auch Malli - so viel sei bereits verraten - prägten das Spiel auf ihre jeweils eigene Art.

Die Partie begann ansprechend. Beide Teams gaben dem Gegner keine Zeit sich zu akklimatisieren und  tatsächlich wirkte der BVB beinahe ein wenig erstaunt, weil Union eben nicht den erwarteten Weg über die langen Bälle zum Tor nahm, sondern das Spiel vermehrt mit kurzen Pässen aufzog. Nach vier Minuten brachte Kapitän Christopher Trimmel eine Flanke aus der Drehung auf das Tor von Dortmunds Keeper Roman Bürki, an der Marius Bülter, Doppeltorschütze im Hinspiel, knapp vorbeisegelte.

Misverständnisse mit Malli

Bis dahin hätte den Eisernen niemand einen Vorwurf machen können, gegen ein Team wie Borussia Dortmund nicht auf ihre bewährte Spielweise gesetzt zu haben. Doch das änderte sich in der 12. Minute. Und ausgerechnet die Hereinnahme von Yunus Malli spielte eine Rolle.

Denn nach einem Missverständnis von Malli und Christian Gentner am Strafraumrand, erkämpfte sich die Leihgabe vom VfL Wolfsburg den Ball mit Biss zurück, doch weil kein Mitspieler zur Hilfe kam, schnappte sich Dortmunds Jadon Sancho die Kugel, ließ den türkischen Nationalspieler links liegen und schloß zur Führung ab. Pechvogel Keven Schlotterbeck fälschte zusätzlich unhaltbar für Unions Torwart Rafal Gikiewicz ab.

Spätestens jetzt rächte sich Unions veränderte Herangehensweise an das Spiel. Denn hätten die Eisernen im alten, unspektakulären System mit Routine weitergekämpft, wirkte das Team nun sichtlich verunsichert. Als Malli, sechs Minuten nach der Dortmunder Führung, einen Ball aus dem eigenen Strafraum per Kopf zu Axel Witsel klärte, leitete der den an Nationalspieler Julian Brandt weiter. Bei dessen Flanke standen sieben Eiserne vor Gikiewicz im eigenen Strafraum. Erling Haaland konnte trotzdessen mit einer einfachen Körpertäuschung Gegenspieler Marvin Friedrich narren und zum 2:0 erhöhen (18.).

Es folgten weitere Überzahlsituationen der Hausherren, in denen Union Glück hatte, dass es den Dortmundern am notwendigen Nachdruck fehlte, das Spiel schon vor der Pause zu entscheiden. Offensiv gelang den Eisernen wenig, aus dem Spiel heraus sogar gar nichts mehr. Fünf Minuten vor der Pause setzte Schlotterbeck einen Trimmel-Freistoß mit dem Innenrist über das Tor (40.).

Rückkehr für Prömel

Der Frust über die verpatzte erste Hälfte zog sich bis in die ersten Minuten des zweiten Durchganges. Erneut hatte Union Glück, als Gikiewicz ein Zuspiel unkonzentriert direkt in den Lauf von Sancho brachte, doch der Lupfer des Engländers war nicht kräftig genug und fand das Tor nicht (47.).

Danach beruhigte sich das Spiel. Vornehmlich, weil Union das Fußball spielen vorerst wieder aufgab und sich aufs Verteidigen fokussierte. Dabei war der ursprüngliche Gedanke der Eisernen ja eigentlich ehrenhaft! Und dass die Köpenicker in absehbarer Zeit mit Sicherheit in der Lage sein werden, auch spielerisch in der Bundesliga mitzuhalten, zeigte beispielsweise eine Szene in der 56. Minute, als sich Marvin Friedrich den Ball in der eigenen Hälfte stark erkämpfte, die Kugel an Christopher Lenz weitergab, der wiederum Bülter schön in Szene setzte, dessen Schuss nur knapp am Tor vorbeirauschte. Ebenso hilfreich für die spielerische Weiterentwicklung dürfte der kämpferisch wie technisch versierte Grischa Prömel werden, der in der 68. Minute seine lang erwartete Rückkehr auf den Rasen feierte.

Es bleibt nur die Frage, warum sich die Eisernen ausgerechnet im Spiel gegen den BVB gegen ihr typisch aggressives Spiel entschieden, ausgerechnet in Dortmund das offensichtlich verfrühte Malli-Debüt erzwangen, der, so viel kann man sagen, noch etwas Zeit gebraucht hätte, um sein Spiel, insbesondere in der Defensive, mit dem seiner Kollegen abzustimmen und in der 59. Minute ausgewechselt wurde. Urs Fischer und sein Team wussten, dass sie auf eine Mannschaft treffen, dass das Spiel bestimmen will. Der Anspruch, das, statt mit gewohnter Zerstörung, mit eigenem Offensivspiel zu verhindern, war für Union zum aktuellen Zeitpunkt zu hoch gegriffen, auch wenn ein erneuter Sieg gegen Dortmund wohl ohnehin nicht einkalkuliert war. Und vielleicht liegt in dieser Tatsache auch die Antwort.

Für die Eisernen waren die Dortmunder Treffer im zweiten Durchgang jedenfalls nur noch eine Art Ergebniskosmetik. Nach einem Foul von Gikiewicz an Haaland verwandelte Marco Reus den folgenden Elfmeter souverän (68.), zwei Minuten später war Witsel per Kopf erfolgreich (70.). Und auch Haaland durfte in der 77. Minute noch mal jubeln. Es war sein siebentes Tor im dritten Spiel.