Die entscheidende Szene: Goncalo Paciencia köpft eine Schalker Flanke ins Tor.
Matthias Koch

GelsenkirchenEs war gewiss nicht der beste Moment, den die Spielplaner Union Berlin für die Reise zum FC Schalke 04 beschert hatten. Erstmals seit Ausbruch der Pandemie waren wieder Zuschauer in der Gelsenkirchener Fußballarena zugelassen, außerdem bestritt Manuel Baum sein erstes Heimspiel als Trainer des neuen Klubs. Und irgendwann muss die Serie von mittlerweile 20 Bundesligaspielen ohne Sieg für Schalke ja zu Ende gehen. So gesehen ist das 1:1 (0:0), das die Eisernen mit in die Heimat brachten, vielleicht ein Erfolg, zumal die Schalker eines ihrer besseren Saisonspiele hinbekommen hatten.

Schnell wurde sichtbar, dass das Krisenteam den Vorsatz gefasst hatte, das zu tun, was für die Berliner selbstverständlich ist: viel zu investieren und zu sprinten, sowohl bei eigenem Ballbesitz als auch gegen den Ball. An den ersten drei Spieltagen war Union 365 Kilometer gelaufen, nur Augsburg hatte eine noch größere Strecke zurückgelegt. Schalke hingegen kam in dieser Statistik mit 322 Kilometer auf den niedrigsten Wert aller Vereine der Bundesliga. Das soll sich mit dem neuen Trainer Manuel Baum grundlegend ändern.

Strukturierter wirkte allerdings das Spiel von Union Berlin, und rund um die 20. Minute ergaben sich auch erste richtig gute Chancen für die Eisernen. Zunächst lenkte der Schalker Rechtsverteidiger Kilian Ludewig einen Kopfball von Marius Bülter aus guter Position gerade noch über die Latte (21.), nach der anschließenden Ecke gelang Grischa Prömel ein artistischer Abschluss (22.), bevor Robert Andrich nach einer weiteren schwach geklärten Ecke aus der Distanz schoss, aber am starken Schalker Torhüter Frederik Rönnow scheiterte (22.). Insgesamt sahen die 300 Besucher jedoch eine erste Halbzeit mit nur wenigen Höhepunkten, an deren Ende die Schalker sich immerhin darüber freuen konnten, erstmals in dieser Saison nicht schon zur Halbzeit zurück zu liegen.

Dafür mussten sie sich schon im Vorfeld mit einem sehr hässlichen Vorfall auseinandersetzen. Während eines Duells in der U19-Bundesliga hatten Zuschauer im Parkstadion den Dortmunder Stürmer Youssoufa Moukoko beleidigt, der alle drei Tore beim 3:2-Sieg des BVB gegen Schalke geschossen hatte. „Ganz ehrlich, es ist in der heutigen Zeit nicht mehr in Worte zu fassen, was sich manche Menschen in unserer Gesellschaft erlauben“, sagte Sportvorstand Jochen Scheider nachdem er sich „in aller Form“ beim Dortmunder Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke und bei dem Großtalent des Erzrivalen entschuldigt hatte.

Auf der anderen Seite musste Urs Fischer ein paar weniger schlimme, aber doch auch schwierige Angelegenheiten moderieren. Zum einen spielte Max Kruse von Beginn an, obwohl er am Donnerstag ohne Maske und ausreichenden Abstand um hohe Beträge Karten gespielt hatte. „Wir haben das deutlich angesprochen, damit sollte das auch geklärt sein“, sagte Fischer vor dem Spiel, und forderte für die Zukunft, dass der eigensinnige Kruse „zuhören muss.“ Zudem stand Andreas Luthe im Tor, obgleich neuerdings der prominente Keeper Loris Karius im Kader steht. Luthe hatte im Spielverlauf jedoch kaum Arbeit. Den gefährlichsten Schalker Abschluss der ersten Hälfte, einen Schuss von Benito Raman, lenkte Can Bozdogan versehentlich über die Latte des Berliner Tore.

Luthes Kollege Rönnow hingegen war auch nach der Pause gleich sehr beschäftigt. Christopher Lenz kam fünf Meter vor dem Schalker Tor an den Ball, und scheiterte noch am neuen Torhüter des Revierklubs (47.), der wenige Minuten später aber das 0:1 betrauern musste. Trimmel hatte von rechts geflankt, Marvin Friedrich traf aus fünf Metern per Kopf (55.).

Schalke schien wieder am Boden zu liegen, bis ein Schuss von dem ehemaligen Berliner Steven Skzrybski, den Luhte gerade noch über die Latte lenkte, die Wende einleitete. Die anschließende Ecke köpfte Goncalo Paciencia ins Tor (69.). Plötzlich witteren die Schalker die Chance auf den ersten Sieg seit Januar, die 300 Zuschauer machten sich bemerkbar. Doch für den ganz großen Coup reichte es noch nicht, und der wäre auch nicht leistungsgerecht gewesen.