Glücklos in Hamburg: HSV-Sportvorstand Jonas Boldt.
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Berlin/HamburgDer Hamburger SV beginnt wieder mal bei null. Und das eigentlich noch junge und selbst auferlegte Bekenntnis der neuen Klubführung zu Kontinuität auf dem Trainerposten ist nach kürzester Zeit dahin. Der Abgang von Fußballlehrer Dieter Hecking bedeutet für den einst so ambitionierten ehemaligen Bundesligisten jedenfalls ein fast zynisches Jubiläum: Zum 20. Mal in diesem Jahrtausend sucht der HSV händeringend einen neuen Chefcoach, den bereits vierten im dritten Zweitliga-Jahr.

Gesucht wird nun einer, der aus bezahlbaren Talenten erfolgreiche Zweitliga-Kicker formen kann - noch sparsamer und noch bescheidener als bislang gefordert. Im Gespräch sind die einstigen HSV-Profis Dimitrios Grammozis und André Breitenreiter sowie Tim Walter, der ehemalige Coach des VfB Stuttgart und von Holstein Kiel, und Alfred Schreuder, zuletzt bei der TSG 1899 Hoffenheim.

Die wirtschaftliche Not ist offenbar so groß, dass Hecking seine teureren Konzepte nicht mehr durchsetzen konnte. Die Konzentration auf junge und entwicklungsfähige Spieler, mit denen nicht der Aufstieg im Vordergrund steht, ist sein Weg nicht. Der 55-Jährige hatte einen schlagkräftigen Kader, der erneut um den Aufstieg mitspielen kann, zur Bedingung für den Verbleib gemacht.

Die fehlenden TV-Millionen durch die verpasste Bundesliga-Rückkehr, die Flucht von Hauptsponsor Emirates und Ausrüster Adidas, der angedrohte Komplettausstieg von Investor Klaus-Michael Kühne sowie die fehlenden Zuschauereinnahmen scheinen eine Kehrtwende in den Planungen erzwungen zu haben. Deshalb soll der bisher zweithöchste Zweitliga-Etat in Höhe von rund 30 Millionen auf 23 Millionen Euro eingedampft werden.

Hecking, so wird kolportiert, habe seinen neuen Vertrag abgelehnt. "Ich möchte den Verantwortlichen auch die Möglichkeit geben, in der Nach-Corona-Zeit und unter veränderten Bedingungen die nun nötigen Schritte zu gehen", sagte der Coach. Sportvorstand Jonas Boldt fügte aufgrund der Notlage hinzu: "Unterm Strich sind wir dadurch etwas gezwungen, einen veränderten Weg einzuschlagen."

Mit Trainerwechseln fährt der Klub seit Jahren schlecht. Seit dem verpassten Uefa-Pokal-Finale 2009, als sich die Hamburger laut des ehemaligen Vorstandschefs Bernd Hoffmann noch unter die besten zehn Team Europas katapultieren wollten, hat der "Hamburger Verschleiß-Verein" 14 Cheftrainer verbraucht. Bleibenden Erfolg hatte keiner.

Auch der vermeintliche Glücksfall Hecking machte sich angreifbar: gewagte Spielsysteme, überraschende Startaufstellungen, unglückliche Einwechslungen und immer wieder die fatale mentale Schwäche der Mannschaft. Die ernüchternde Phase des HSV nach der Corona-Pause mit lediglich zehn von 27 möglichen Punkten und das 1:5-Debakel zum Schluss gegen den SV Sandhausen ließen die fachliche Kritik an Hecking lauter werden. Jetzt darf sich der Nächste versuchen.