Bald ist Muttertag (12. Mai) und bald darauf Vatertag (30. Mai) und dazwischen (18. Mai) geht diese Bundesligasaison zu Ende. Hertha BSC ist in zwei von drei Fällen bereits vorbereitet. „Entdecke unsere neuen Frühjahrsstyles“ steht auf der Klubhomepage, man sieht die sonnenbebrillten Ondrej Duda und Salomon Kalou in einem Strandkorb sitzen, sie tragen T-Shirt, kurze Hose, und klickt man auf „Kleide Dich hier neu ein“ erscheint zuerst der „Schal Danke Mama“. Auf der Rückseite, wofür: „Dass du mich damals mitgenommen hast“. Den Schal „Danke Papa“ gibt es weiter unten. Was noch fehlt, ist ein Fanartikel, der ausschließlich Pal Dardai gewidmet ist. Zu danken gibt es ja genug für fünfzehn Jahre als Spieler, drei als Jugendtrainer – vier als Proficoach?

Nach allem, was man sieht, hört und liest, wird Hertha spätestens nach dem letzten Spieltag eine Entlassung verkünden. Dardai, so die mehrheitsfähige Meinung, sei ein Trainer auf Abruf. Schon vor dem Spiel gegen Hoffenheim, das mit der fünften Niederlage in Serie endete, soll die Suche nach einem Nachfolger begonnen haben. Dementiert hat das niemand. Nach dem Abpfiff am Sonntag gab es immerhin einen, der sich öffentlich vor Dardai stellte. „Er bewahrt die Ruhe“, sagte Stürmer Davie Selke, „er fokussiert sich auf die Sachen, die für uns wichtig sind.“ Und grundsätzlich gilt: „Ich spüre keine Krise und habe nicht das Gefühl, dass wir verunsichert sind.“

Neues Saisonziel Platz zehn

Man darf durchaus andere bis gegenteilige Gefühle haben. Herthas Frühjahrsfußballstyle kommt einfach nicht an die letzte Herbstkollektion heran. Diese Mannschaft vermittelt nicht gerade den Eindruck, als würde sie die verbleibenden Spiele dazu nutzen wollen, das Bild zu korrigieren. Ein Bild, in dem es nur so von Fehlern und Missverständnissen wimmelt. „Das Trainerteam und wir arbeiten gut. Wir lassen uns nicht hängen“, verspricht Selke, der übrigens auf der Homepage für das „Heimtrikot 2018/19“ wirbt. Es ist von 84,95 Euro auf 50 Euro reduziert. Als wäre diese Saison bereits vorbei. Ist sie aber nicht.

Daran versuchte auch Dardai am Montag zu erinnern. Das ursprüngliche Saisonziel (Platz neun) hat er nach Rücksprache mit der Mannschaft etwas korrigiert, es heißt nun Top Ten. Weil: „Top Neun sagt kein Mensch“, sagte Dardai. „Wenn wir Zehnter werden, dann ist das wichtig für den Verein, weil das heißt: sehr viel Geld.“ In der Fernsehgeldtabelle kann Hertha je nach Endplatzierung tatsächlich noch einige Millionen Euro gewinnen oder eben verlieren. Aber ist das wirklich Dardais größte Sorge? Ahnt er nicht, dass um ihn herum alles in Wanken gekommen ist und sein Trainerende nur noch eine Frage der Zeit ist?

Er habe wie immer gut geschlafen, sagte Dardai und wiederholte seine Standardsätze. Druck kenne er nicht, Krise spüre er nicht, er lese keine Zeitung, er komme klar mit der Kritik, wenn sie ehrlich sei und nicht manipulativ, er lasse sich die Laune nicht kaputtmachen. Und hat er mit Michael Preetz gesprochen? „Ich habe vom Manager noch nichts gehört, dass er unzufrieden mit mir ist. Wenn das so ist, kann er es ruhig sagen – und auch alle anderen.“ Es habe aber kein Gespräch mit Preetz gegeben. Daher: „Ich genieße hier momentan Vertrauen.“

Reihenweise Luftlöcher von Plattenhardt

Es sind eher mildernde Umstände, die Dardai im Amt halten. Neun Spieler fehlten gegen Hoffenheim wegen Verletzung oder Sperre. Auf der Auswechselbank saßen Niklas Stark und Florian Baak, zwei Verteidiger, die eigentlich zu erkältet waren, um spielen zu können. So kam etwa Marvin Plattenhardt zum Einsatz, der auf der linken Abwehrseite reihenweise Luftlöcher trat. „Wenn jemand individuelle Fehler macht, da kann man den Trainer nicht angreifen“, sagte Dardai, nachdem er gesagt hatte: „Es ist meine Aufgabe, die Jungs zu schützen.“

Am Sonntag spielt Hertha gegen Hannover, gegen den Tabellenletzten, dem in der Rückrunde nur ein Sieg gelang, der wahrscheinlich um die letzte Relegationschance kämpft. „Wir brauchen wieder Punkte“, sagt Davie Selke. „Für uns, für eine bessere Stimmung.“ Für den Trainer? Das sagte er nicht. Einen offiziellen Trainertag kennt der Feiertagskalender ja nicht. Ein Schal „Danke Pal“ muss auch noch entworfen werden.