Die einzigen Zuschauer, die derzeit im Stadion erlaubt sind, bestehen aus Pappe.
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BerlinGeisterspiele sind kein Ersatz für das Live-Erlebnis, sagt der Philosoph und Sportwissenschaftler Gunter Gebauer. Ein Gespräch über große Gefühle, religiöse Momente und die Bedeutung Franz Beckenbauers für die Völkerverständigung.

Herr Gebauer, wie erleben Sie diese Zeit ohne Sport?

Ich schaue mir ganz gerne ab und zu alte Spiele an, wie zuletzt das Spiel Deutschland gegen England von der WM in Südafrika. Das war natürlich aus nationalistischer Sicht ein echter Leckerbissen, aber es hat für mich auch persönlich schöne Erinnerungen hervorgerufen. Ich war damals selbst in Südafrika und habe das Spiel in einem Studentenclub gesehen. Da war ich unter 40 Zuschauern der einzige Weiße. Das war ein wunderbares Erlebnis.

Interessieren Sie sich für die Geisterspiele, die uns jetzt bevorstehen?

Nein, nicht wirklich. Fußball ist ja nicht nur Kraft und Können auf dem Platz, sondern auch Interaktion mit den Fans, mit Begeisterung, Enthusiasmus, Lebensfreude. Natürlich ist es auch ein Massenerlebnis, aber das würde ich in diesem Fall positiv sehen, weil man ja in dieser Masse nicht untergeht, sondern sich einsetzt für seinen Verein, die Spieler bestärkt, durch Anführungsschreie, durch Rituale. Ich berufe mich da immer gerne auf den Soziologen Emile Dürkheim, der immer davon gesprochen hat, dass religiöse oder religiös getönte Rituale sehr stark körperlich sind, verbunden mit großen Aktionen, mit Singen und Tanzen und Anfeuern. Das bringt einen quasi-religiösen Charakter in die Stadien, es wird feierlich, pathetisch, man ist erhoben im Fall eines Sieges, man ist zerstört im Fall einer Niederlage. Das sind große Gefühle, die man normal im Alltag nicht hat. Das hat man natürlich nicht bei einer sterilen Fernsehübertragung.

Was bleibt dann noch übrig, wenn man diese Geisterspiele schaut?

Das ist die große Frage. Ich habe noch niemanden getroffen, der darauf eine gute Antwort hat.

Also besinnt man sich im Zeitalter des fürs Fernsehen inszenierten Sports nun auf einmal wieder darauf, wie wichtig die physische Präsenz ist.

In den Stadien, die im Fernsehen gezeigt werden, sind ja normalerweise Menschen. In Deutschland rechnet man bei der Bundesliga im Schnitt mit 40-50.000 Zuschauern. Da kommt Stimmung rüber, und diese Stimmung wird dann auch vom Fernsehen eingefangen. Die Kamera schwenkt immer wieder ins Publikum, es gibt also eine Interaktion zwischen den Fans, die vor Ort sind und dem Zuschauer zu Hause. Man kann sich selbst projizieren in die freudigen Gesichter und die Menschen, die sich umarmen und die hoch und runter springen. Die Fans vor Ort jubeln praktisch per Delegation. Für großen Sport braucht man auch entsprechendes Publikum, das durch seine Anwesenheit Spannung, Freude und Anerkennung erzeugt.

Was geht gesellschaftlich verloren, wenn wir diese Rituale nicht mehr haben?

Die Spiele finden zu ritualisierten Zeiten statt, wir haben das Samstagsspiel, das immer um halb vier angepfiffen wird. 15.30 Uhr ist in Deutschland der magische Moment, an dem Fußball losgeht. Ich bin zurzeit in Köln. Hier in der Stadt sind ja wirklich alle für den FC. Mitten in der Corona-Krise, als hier schon alles abgesagt war, ging in der Wohnsiedlung um 15.30 Uhr ein Böller los und es wurde über Lautsprecher die FC-Köln-Hymne gesungen. Und alle haben das verstanden. Wenn man Fußball mag, strukturiert man bis zu einem gewissen Grad sein Leben um den Fußball herum. Ich habe einen Kollegen an der FU in Berlin, der unterrichtet kognitive Psychologie und ist an die 80. Der geht jedes Wochenende in Berlin mit seiner Enkelin ins Stadion oder hört sich die Konferenzschaltung im Radio an. Meine ehemalige Buchhändlerin in Berlin, die in den Romanen von Uwe Johnson vorkommt, habe ich auch einmal am Samstagnachmittag dabei erwischt, wie sie im Nebenraum saß und sich die Konferenzschaltung anhörte.

Der Sport strukturiert also Zeit. Aber welche sozialen Funktionen des Sports fehlen uns denn am meisten?

Das ist doch schon etwas ganz Wesentliches, wenn eine Zeitstruktur mitbestimmt wird vom Fußballinteresse. Hinzu kommen Zusammenhalt und Gemeinschaftserlebnis, selbst wenn man nicht ins Stadion geht. Sport ist eine ganz wesentliche Art und Weise, wie Gesellschaft sich überhaupt bildet. Man weiß, die anderen gucken auch alle und man kann am nächsten Tag dann darüber reden. Es gibt Gesprächsthemen, das ist ganz wichtig für eine Gesellschaft. Themen, die schichtübergreifend funktionieren.

Das stimmt ja auch global. Man kann in Bombay ins Taxi steigen und über Manuel Neuer ein Gespräch anfangen.

Ich habe genau das mal erlebt, das war allerdings in Neu Delhi und es war nicht Manuel Neuer, sondern Oliver Kahn. Da hatte Kahn in einem Champions-League Spiel grandios gehalten und es lief ein Artikel über ihn auf der ersten Seite der New Delhi News. Und das in einem Land, in dem praktisch kein Fußball gespielt wird. Ich habe auch immer wieder erlebt, dass der Name Beckenbauer ein Thema war, egal wohin ich gekommen bin. Jeder hat irgendeine Assoziation zu Beckenbauer. Egal ob man ihn nun mag oder nicht, wir werden als Deutsche als die identifiziert, die über Beckenbauer Bescheid wissen.

Es gibt eine Diskussion darüber, dass Sport eine notwendige Ventilfunktion ausübt, dass im Stadion Aggression sublimiert wird, die sich sonst anderswo Bahn bricht. Haben wir da etwas zu befürchten?

Ich halte nicht viel von dieser Ventilfunktionsthese, die ist sehr umstritten. Amerikanische Forscher etwa halten dagegen, dass viel Aggression überhaupt erst im Stadion aufgebaut wird. Zunächst einmal scheint es einzuleuchten, dass die Leute frustriert ins Stadion gehen und dort etwas loswerden wollen. Aber die Kritiker halten dagegen, dass sie, wenn die Mannschaft verliert, ja erst richtig frustriert sind. Was natürlich stimmt, ist, dass die Menschen durch die Ausgangsbeschränkungen jetzt eine Menge Aggression angestaut haben. Das ist eine Situation der Einsperrung, die hart zu ertragen ist.

Und da könnte der Sport eine Rolle spielen?

Ja, der Sport ist doch eine sehr schöne Unterhaltung, sehr spannungsvoll. Man ist selber sehr stark involviert, gerade beim Fußballspiel kann man sich als Zuschauer völlig verausgaben. Es ist eine sehr lebhafte Form der Beteiligung, die einen regelrecht ermüdet. Ich bin manchmal fix und fertig nach anderthalb Stunden, ich gebe es ja zu. Aber ich bin da nicht der einzige. Und man sitzt ja auch nicht alleine vor der Glotze. Durch das Bezahlfernsehen ist es ja wieder sehr populär geworden, in die Kneipe zu gehen. Und das ist ein großes Gemeinschaftserlebnis und ein schöner Moment.

Foto: imago/Martin Hoffmann
Zur Person

Gunter Gebauer (76) ist Philosoph, Sportwissenschaftler und Linguist. Bis 2012 war er Professor  für Philosophie und Soziologie des Sports an der Freien Universität Berlin. Zwischendurch lehrte er an der Deutschen Sporthochschule in Köln und war Gastprofessor in Paris, Straßburg und Hiroshima. Gebauer ist Mitglied der Deutschen Akademie für Fußball-Kultur.

Hat der Sport eine essenzielle soziale Funktion? Können Gesellschaften ohne Sport überleben?

Moderne Gesellschaften wie die USA und Europa kann man sich ohne Sport nicht mehr vorstellen. Die Sportbeteiligung ist enorm hoch, ich habe da keine genauen Zahlen, auch weil ja heute so viele Menschen unorganisiert, also nicht im Verein, Sport treiben.

Und als Zuschauersport?

Man darf nicht vergessen, dass der Sport in Deutschland auch Nationalsymbole stiftet und damit Zusammenhalt fördert. Wir haben ja in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg so gut wie keine Nationalsymbole mehr. Die Nationalhymne wurde von meinem Jahrgang überhaupt nicht gesungen und auch von meinen Kindern nicht. Das kam erst 2006 bei der Weltmeisterschaft wieder, da wurden zum ersten Mal wieder schwarz-rot-goldene Fahnen geschwenkt. Und da konnte man sehen, dass die Vergangenheit nicht mehr so bremsend war wie bei meiner Generation, in der das Nationalistische völlig ausgemergelt war. In linken Kreisen sagte man damals nur „Schland“, da gab es noch immer diese Berührungsängste, die durch diese Sommermärchengeschichte dann weggefegt wurden. Der Sport hat wieder Nationalsymbole geliefert, und etwas anderes haben wir ja eigentlich nicht, was uns als Land zusammen bringt. Deutschland ist ja auch 30 Jahre nach der Wiedervereinigung noch ein schwieriges Land,Yeah! und Sport hält am ehesten noch die Landesteile zusammen.

Sie würden also dafür plädieren, dass wir so schnell wie möglich wieder Zuschauersport bekommen.

Ja. Ich bin nicht für diese Geisterspiele. Das ist kein gutes Signal, wenn da unter speziellen medizinischen Bedingungen Sport ermöglicht wird, während alle anderen noch durch die Gegend schleichen und Angst haben und vor den Geschäften Schlage stehen. Aber wenn es unter virologischen Aspekten zu verantworten ist, sind wir, glaube ich, alle froh, wenn es so bald wie möglich wieder losgeht.

Es gibt jetzt in Ermangelung von Live-Sport jetzt Live Übertragungen von Videospielen. In Verbindung mit den Geisterspielen entsteht da eine ganz neue Sportwelt. Ist das die Zukunft?

Man kann vielleicht sagen, diese virtuelle Welt erzeugt eine ganze Menge an Attraktivität. Es gibt sehr viele Leute, die diese elektronischen Spiele mögen, interessanterweise ja gerade die Fußballprofis, die spielen ja fast alle. Aber das macht man ja nur, weil man nicht spielen kann. Das ist nur ein ganz netter Ersatz, aber nichts, was auch nur irgendwie vergleichbar ist mit einem wirklichen Spiel.

Das Virtuelle wird also das Wirkliche nicht verdrängen?

Nein, das Virtuelle ist eine Sondersparte, die wird vielleicht auch noch wachsenCool, aber das hat mit Fußball nur gemeinsam, dass die Avatare Spieler darstellen und man da irgendwelche Dinge tun kann, die nach Fußball aussehen. Aber es ist eben kein Fußball. Und da Fußball eines der sinnlichsten Spiele ist, die es gibt, glaube ich nicht, dass es da ein Konkurrenzverhältnis gibt, eher ein Komplementärverhältnis.

Sie finden das also auch nicht sonderlich problematisch.

Ich fände es nur problematisch, wenn der Deutsche Fußballbund anfinge, die Videospieler als eine eigene Sparte zu integrieren. Dann wird elektronisches Spiel und reales Spiel vermischt.