Als der BFC Dynamo noch den Ostfußball beherrschte: Die Weinroten feiern den FDGB-Pokal 1988.
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BerlinEs gibt Vereine, an denen scheiden sich die Geister. Da gibt es nur Weiß oder Schwarz, nicht das kleinste Fitzelchen Grau und schon gar keine goldene Mitte. Entweder man liebt oder man hasst sie. In Hohenschönhausen können sie ein Lied davon singen, auch drei Jahrzehnte später noch. Mancher verspürt darob unvermindert Schadenfreude, reibt sich die Hände, weil die Weinrot-Weißen vom BFC Dynamo so richtig nicht auf die Strümpfe kommen. Ein essenzieller Schritt aber ist ihnen mit viel Mühe, Kraft und Geduld doch gelungen: Sie sind raus, endlich raus aus der Schmuddelecke.

Was rümpften sie die Nase zu DDR-Zeiten. Mancher Pfiff des Schiedsrichters hier und manche Entscheidung eines Funktionärs da lösten einerseits Stirnrunzeln aus, Zornesfalten und regelrechte Wutausbrüche. Andererseits haben einige doch erkannt, dass die Spieler, die Jürgen Bogs als Trainer zu zehn Meistertiteln am Stück führte, so schlecht nicht waren, Nationalspieler fast durch die Bank, auch Stars, die später in anderen Ligen für Zungenschnalzer sorgten. Andreas Thom brillierte mit seiner Schnelligkeit und Torgefährlichkeit in der Bundesliga ebenso wie in Schottland; Thomas Doll verehren sie noch heute beim Hamburger SV und in Italien bei Lazio Rom; Rainer Ernst wurde mit Kaiserslautern 1991 Meister und hat in der Schweiz und in Frankreich gespielt; Frank Rohde, Waldemar Ksienzyk, Burkhard Reich und Hendrik Herzog nicht zu vergessen.

So langsam und mühsam diese Generation aufgebaut wird, so schnell bricht sie zusammen. Von einem Tag auf den anderen, vom Abstottern einer handschriftlichen Notiz auf einem krakelig beschriebenen Zettel („Das trifft … nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich“) am Abend hin zum nächsten Vormittagstraining ist nichts mehr, wie es war. Der Serienmeister, fix in FC Berlin umbenannt, schmiert so was von ab, dass die anderen mit Häme nicht mehr nachkommen. Monate nur nach dem Mauerfall wird der Verein durch den Wechsel von Thom – für 2,8 Millionen D-Mark Ablöse plus Bonuszahlungen nach Leverkusen der erste West-Export – geschwächt und nur Vierter. Zwölf Monate später taumelt die einst schier unschlagbare Truppe zerzaust und zerfleddert durch die Saison und kommt als Elfter ins Ziel. Nur die beiden Aufsteiger Sachsen Leipzig und Victoria Frankfurt sowie Energie Cottbus sind schlechter. Es ist schon keine Majestätsbeleidigung mehr, es ist Königsmord.

Was nun? Leere, unendliche Leere. Es gibt keine Leitplanke mehr, keinen Anker und nicht einmal jemanden – auch wenn sich mit Jürgen Bogs der Meistertrainer persönlich noch einmal ins Zeug wirft–, der weiß, wie es unter den neuen Bedingungen geht. Später versucht sich Christian Backs, der in acht Meisterteams stand, als Coach; auch Keeper-Ikone Bodo Rudwaleit, der bei den zehn Titelgewinnen nur in einem einzigen Spiel fehlte, gibt als Torwart-Trainer alles – der Erfolg lässt dennoch auf sich warten. Zu viel ist kaputtgegangen, alles liegt in Scherben, und wegen der Nähe zu Erich Mielke und dem Ministerium für Staatssicherheit auch moralisch in Trümmern.

Aber: Es ist Geld da. Viel Geld. Eigentlich. Es ist müßig nachzuforschen, wie viele Millionen sie im Sportforum eingenommen haben müssen für all die tollen Spieler. Fakt ist, dass es entweder falsch investiert wird oder womöglich gar nicht dort landet, wo es gewinnbringend eingesetzt werden könnte. So geht es in die drittklassige Oberliga, aus der die Regionalliga wird, zurück in die inzwischen viertklassige Oberliga und mit Insolvenz und Verlust der Spielberechtigung für die Oberliga 2001 ganz tief nach unten in die Verbandsliga, aus der es erst drei Jahre später ein Entrinnen gibt. Zwischenzeitlich verlieren sie sogar die Rechte am eigenen BFC-Logo (seit 1999 wieder mit altem Namen), die sich mit Peter Mager ein Fanartikelhändler aus dem Westteil der Stadt gesichert hat. Ein Glück, dass es mit Peter Meyer, dem Vorsitzenden des Wirtschaftsrates, einen Mann im Hintergrund gibt, der einerseits die Strippen zieht und andererseits mit unglaublichem Engagement dem Verein seit vielen Jahren immer wieder neues Leben einhaucht.

Wenigstens einen Kampf gewinnen sie in all der Zeit, in der es nicht leicht ist zu sagen, dass man es mit dem BFC Dynamo hält und in der sie schwer an ihrem Image zu kämpfen haben: den um das Tragen von drei Meistersternen auf ihrem Trikot, den sie nach Intervention durch die Deutsche Fußball-Liga aber halb wieder verlieren. Jetzt ist ein Meisterstern erlaubt mit einer 10 für die Anzahl der Meistertitel. Wenigstens etwas, womit sich auch die vielen Kinder und Jugendlichen identifizieren dürfen. Im Nachwuchs nämlich sind die Macher aus Hohenschönhausen weiterhin dicke da, in 20 Teams betreuen sie die Buben, die teils aus sozialen Brennpunkten kommen, und geben ihnen eine sportliche Familie.

Die tiefen Risse haben sich zwischenzeitlich dennoch durch nahezu alles gezogen und selbst vor dem Innenleben machten sie nicht halt. Am deutlichsten wird das im Fall von Frank Terletzki, dem Idol der frühen Meisterjahre. Dass der langjährige Kapitän und Rekordspieler (373 Erstligaeinsätze) bald nach der Wende bei Tasmania anheuert und später in den Oldie-Teams von Hertha BSC aufdribbelt, nehmen ihm etliche aus seinem ehemaligen Umfeld krumm. Auch hier, die Ideologie ist längst nicht aus allen Köpfen, wird viel Porzellan zerschlagen. Sie haben sich kaum noch gegrüßt und sind sich lieber aus dem Weg gegangen. Nicht nur die anderen, auch Terletzki war stur, sagt: „Ich werde mich auch in meinem restlichen Leben, ich werde ja bald siebzig, nicht verbiegen. Wer mit mir nichts zu tun haben will, soll sich an einen anderen Tisch setzen.“

Bis es den Anhängern vom „Fanklub 79“, benannt nach dem Jahr des ersten Titelgewinns, irgendwann zu bunt wird und sie „Tucker“ Terletzki zum Ehrenspielführer ernennen. „Ich habe das Alte das Alte sein lassen“, sagt der damalige Mann für die ruhenden Bälle, „ganz glücklich war ich mit der Situation nie, deshalb habe ich einen Schlussstrich gezogen.“ Deshalb besucht Terletzki ab und an sogar wieder Spiele seines Vereins. Wenn nicht, „dann habe ich in meiner Familie noch immer einen BFC-Verrückten, der sich ständig informiert, der alles rund um den Verein weiß und der sich mit allen möglichen Fanartikeln eindeckt“.

Ganz seinen Frieden gefunden hat Terletzki freilich nicht, trotz der familiären Nähe zu den Jungs von Trainer Christian Benbennek. „Nach der Wende war die Chance riesengroß, man hat viel Geld gehabt, Millionen gar, und gute Fußballer. Aber es hat irgendwie nie geklappt.“ Den Ehrgeiz, es doch einmal wenigstens in die Dritte Liga zu schaffen, geben sie trotzdem nicht auf. „Es ist schade, dass es immer wieder schiefgeht“, sagt der ehemalige Spielführer, „da versuchen etliche Leute, das Ding umzubiegen, sie reißen sich regelrecht den Arsch auf, bauen neue Mannschaften auf, aber der letzte Schritt will und will nicht gelingen. Ich gebe die Hoffnung dennoch nicht auf, dass sie sich zusammenreißen und im nächsten oder im übernächsten oder dann wieder im nächsten Jahr den Sprung in die 3. Liga packen.“

Dann käme wirklich niemand mehr auf die Idee, sie in die Schmuddelecke zu packen.