An Schlaf war nach dem nervlich und körperlich aufreibenden Kräftemessen zwischen dem Hamburger SV und dem 1. FC Union natürlich nicht zu denken. War das ein Elfmeter gewesen, als Grischa Prömel in der ersten Hälfte über das Bein von Khaled Narey fiel? Hätte Christopher Trimmel nach seinem Tritt in die Hacken von Bakery Jatta des Feldes verwiesen werden müssen und der Hamburger Rick van Drongelen nach seinen Attacken gegen Suleiman Abdullahi und Sebastian Polter sowieso? Und puh, diese späte Euphorie! Ein 2:2, das glücklich, aber auch schlaflos machte.

Die Gedanken jagten durch die Köpfe, das Adrenalin durch den Körper. Daher widmeten sich Prömel und seine aufgekratzten Kollegen auf der Heimfahrt von Hamburg nach Berlin dem Kartenspiel Wizard. Dabei geht es darum, die eigene Stichzahl vorherzusagen, also die persönlichen Gewinnaussichten richtig einzuschätzen. Es war die perfekte Vorbereitung auf den nächsten Tag.

Drei Punkte Rückstand

Was ist möglich und was realistisch? Das war neben den eingangs erwähnten Fragen das Hauptinteresse der Journalisten am Morgen in Köpenick. Schließlich sind 14 von 34 Partien gespielt, Union immer noch ungeschlagen und vor allem haben die Eisernen nun auswärts den beiden − nach Meinung aller, zitiert sei an dieser Stelle der Trainer − „absoluten Favoriten“ Köln und Hamburg Paroli geboten. Rang drei hat das Team von Urs Fischer inne, also das vermeintliche Optimum. Noch mehr Erfolg vorherzusagen mag riskant sein. Doch Fischer „hätte es dann schon noch lieber anders“, wie er gestand, nämlich: „Dass ich nicht ins Relegationsspiel gehen müsste.“

Drei Punkte Rückstand auf Köln, vier auf Hamburg − das entspricht nicht den beschworenen klaren Verhältnissen. Auf die Frage, was nun die absoluten Favoriten von Union unterscheide, druckste Prömel denn auch herum. „Vom Einsatz sieht man wenig Unterschied“, sagte er, „da gibt es in unserer Mannschaft keinen, der ihnen in Mentalität oder Einsatzbereitschaft nachsteht.“ Kurz nachgedacht, die eigene Kartenhand überflogen. „Vielleicht ist es ein bisschen die individuelle Klasse, die Hamburg und Köln mehr haben“, fügte Prömel dann an und verwies auf das von den Bundesligaabsteigern ausgegebene Geld. „Das ist eine andere Hausnummer.“

Entwarnung bei Joshua Mees

In der Tat kam die sonst so sichere Defensive der Eisernen in arge Nöte, als der Millionensturm des HSV nach dem Seitenwechsel die Karten auf den Rasen legte und loswirbelte. „Aufgrund des Pressings vom HSV war das schwer zu verteidigen“, bekannte Ken Reichel. „Da müssen wir ansetzen und vielleicht mutiger nach vorne spielen“, schlug Christopher Trimmel vor. Beiden Außenverteidigern waren in der Hamburger Druckphase Fehler unterlaufen, die zu den Gegentoren führten.

Der 1. FC Union ist allerdings auch kein Zweitligaarmenhaus. Das werden Präsident Dirk Zingler und Finanzchef Oskar Kosche auf der Mitgliederversammlung an diesem Mittwoch ab 19 Uhr in der Haupttribüne mit Umsatzzahlen belegen. Sicherlich, die Kölner und Hamburger haben gut bezahlte Qualitäten, die Köpenicker jedoch ebenfalls. Dass der Kader mit dem entsprechenden Geldeinsatz ausgezeichnet verstärkt wurde, zeigte sich nicht zuletzt in Hamburg, wo lediglich vier Spieler aus der letztjährigen Formation in der Startelf standen und in Joshua Mees sowie Suleiman Abdullahi zwei Sommerzugänge die Tore erzielten.

Mees, der schon zur Halbzeit verletzt ausgewechselt wurde, trat nachher übrigens der Sorge entgegen, dass er länger ausfallen könnte. „Vom Gefühl her ist es nichts Weltbewegendes. Ich bin in der letzten Situation vor der Halbzeit umgeknickt“, sagte er. Was von Fischer bestätigt wurde: „Im Moment sieht es nicht so schlimm aus.“

Aufbauen statt runtermachen

Klar: Die individuelle Klasse erhöht die Erfolgsaussichten, schlussendlich ist Fußball aber ein Mannschaftssport, und in dem sind die Köpenicker derzeit unschlagbar. Die letzte Niederlage datiert von Ende April bei Darmstadt 98, dem Gegner am Sonnabend im Stadion An der Alten Försterei (13 Uhr). Fischer vermied die Vorhersage weiterer Stiche. „Wir haben schon in mehreren Spielen gezeigt, dass man uns nicht unterschätzen sollte“, sagte er. „Ob das bis zum Schluss hält, kann ich nicht sagen. Fußball ist nicht planbar.“

Beim Kartenspiel Wizard sind es die Zauberer und die Narren, die das Spiel für die Kontrahenten unberechenbar machen. Bei Union sind es die Moral und die Möglichkeit Fischers, ohne Qualitätsverlust durchzuwechseln. „Durch das Rotieren kann sich der Gegner nicht so leicht auf uns einstellen “, sagte Marcel Hartel. Und: „Jeder arbeitet mit den anderen. Wenn man einen Fehler macht, wird man nicht runtergemacht, sondern aufgebaut.“