Einrollen für die WM im Velodrom: Der Vierer mit Theo Reinhardt, Domenic Weinstein, Nils Schomber und Felix Groß trainiert (v.l.) trainiert in Frankfurt an der Oder.
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Berlin - Eines will Domenic Weinstein nicht mehr erleben: „Ich habe keine Lust mehr, den anderen hinterherzufahren“, sagt der 25 Jahre alte Radrennfahrer. Das war nämlich vor fünf Jahren noch die Regel, als der junge Schwarzwälder seine ersten Rennen im deutschen Bahnrad-Vierer bestritt. Mit gerade mal 20 Jahren gehörte der Ausdauerspezialist zu den auserwählten Talenten, die das einstige Vorzeige-Team des deutschen Bahnradsports, vor vielen Jahren respektvoll auch Goldvierer tituliert, wieder an die Weltspitze heranführen sollte. Denn von der hatte sich das Team nach der Jahrtausendwende mehr und mehr entfernt. 

Nach der Goldfahrt bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney mit den beiden Berlinern Robert Bartko und Guido Fulst sowie Daniel Becke und Jens Lehmann in Weltrekordzeit von 3:59,71 Minuten verlor der Vierer schnell seinen Glanz. 2002 gelang den Deutschen bei der Weltmeisterschaft in Kopenhagen noch einmal der zweite Platz – es war bis heute die letzte Medaille in der 4 000-Meter-Mannschaftsverfolgung bei internationalen Meisterschaften und Olympischen Spielen. Für Olympia in Peking 2008 und London 2012 schaffte der Vierer nicht einmal mehr die Qualifikation.

"Wir haben viel Scheiße fressen müssen"

Ein Neuaufbau war unumgänglich. Doch er war schwierig und mit vielen bitteren Niederlagen verbunden. „Das war eine ganz, ganz schwere Zeit damals“, erinnert sich Sven Meyer, seit April 2011 Bundestrainer im Bahnrad-Ausdauerbereich und damit auch verantwortlich für den Bahnvierer. Meyer hatte 2009 den Vierer Dänemarks und das dänische Madison-Team jeweils zum Weltmeistertitel geführt und sich trotz seines jugendlichen Alters als Bundestrainer empfohlen. Als er 2011 übernahm, war er gerade einmal 26 Jahre alt. „Der Vierer lag damals am Boden“, sagt Meyer. „Wir hatten am Anfang ganz viel Scheiße fressen müssen.“

Es fehlte vor allem an Talenten. Die, die es gab, zog es auf die Straße. Meyer: „Wer hatte damals schon Lust, im Vierer zu fahren und ständig zu verlieren?“ Domenic Weinstein zum Beispiel. Er hatte Lust. Sprinten ist zwar nicht so sein Ding, auch auf die Straße mag er nicht gern, wenn es draußen kalt und windig ist, „aber die langen Kanten auf der Bahn, die liegen mir“, sagt er.

Fünfter bei Olympia in Rio

Seit Januar 2015 gehört Weinstein zum Stamm des deutschen Vierers. „Das war keine leicht Zeit damals. Wem gefällt es schon, um Platz acht oder zehn zu fahren? Aber wir haben uns zusammengerauft und gekämpft“, sagt er. Bei Olympia in Rio setzte das Team ein erstes Achtungszeichen als Fünfter. Ziel eins des Langfristplans von Meyer war übererfüllt: Wenigstens die Qualifikation für Rio wollten sie schaffen. Schon damals stand der Kern des heutigen Teams: Neben Weinstein sind das Leon Rohde, Nils Schomber, der Berliner Theo Reinhardt und Felix Groß. Der 21-Jährige stieß aus dem Nachwuchs dazu.

Diese fünf Athleten sollen Ziel zwei des Masterplans von  Meyer erfüllen: „Wir wollen bei den Olympischen Spielen in Tokio um eine Medaille mitfahren.“ Immerhin: Qualifiziert sind sie schon so gut wie sicher. Die letzten entscheidenden Punkte sollen nun bei der Weltmeisterschaft im Berliner Velodrom eingefahren werden. Ein Platz unter des ersten acht sollte dafür reichen und ist machbar. Eigentlich wollen sie mehr: „Vielleicht gelingt es uns ja, nach einer Medaille zu greifen“, sagt Weinstein.

Neue Räder für Olympia

Beim Weltcup in Brisbane Ende vergangenen Jahres belegte der genesene Deutschlandexpress den vierten Platz. In der ersten Runde hatte das Team zum vierten Mal in diesem Winter den deutschen Rekord verbessert, auf 3:51,165 Minuten. Vier Wochen zuvor siegten Weinstein und Kollegen beim Weltcup in Hongkong, es war der erste Sieg seit 15 Jahren. „Das war der Befreiungsschlag für uns in der Olympia-Qualifikation“, sagt Meyer. Was hat zur alten Stärke geführt? „Das hat viele Gründe“, sagt Meyer. Jeder einzelne Fahrer habe sich entwickelt, aus dem Nachwuchs kommen Talente, taktisch sei das Team gereift, das Material wurde mit Hilfe des Berliner Instituts für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten (FES) verbessert. „Außer an Pedalen und Sattel wurde an allen Teilen getüftelt“, sagt Meyer.

„Weini ist die Maschine, kräftig wie ein Zwölfzylinder“

Felix Groß

Für die Saison mit WM und Olympia stehen nun neue Räder zur Verfügung. Doch all das würde wenig helfen, wäre da nicht ein Team, das beinahe perfekt harmoniert. „Wir kennen uns seit vielen Jahren, leben und trainieren rund 300 Tage im Jahr gemeinsam“, sagt Weinstein. „Wir sind wie eine Familie. Jeder kann sich auf die anderen verlassen, jeder hat seine Stärken und im Team die für den Erfolg beste Position gefunden.“ Felix bringe die Frische und jugendliche Unbekümmertheit ins Team, Nils strahle Ruhe aus, wenn Nervosität aufkommt, Leon sei der Trainingsantreiber, Theo Perfektionist und Anführer, gerne auch mal „Vati“ genannt. Und Domenic? „Weini ist die Maschine, kräftig wie ein Zwölfzylinder“, sagt Felix Groß.

„Die Maschine“ ist rechtzeitig zur WM nach plötzlichen Kniebeschwerden wieder fit geworden. „Wir haben bei mir die Sitzposition leicht verändert, seitdem ist es wieder gut“, sagt Weinstein. „Ich bin absolut fit.“ Das muss er auch sein, denn wie die anderen möchte er auch Teil drei Trainingsplans seines Trainers mit umsetzen: Bei Olympia 2024 wollen sie Jagd auf Gold machen.