Claudia Pechstein holte mit Platz 9 im Massenstart das beste deutsche Ergebnis beim Weltcup-Auftakt in Minsk.
Foto: Imago Images/Ernst Wukits

BerlinEnttäuschung war die übergeordnete Stimmungslage nach dem ersten Weltcup-Wochenende der Eisschnellläufer in dieser Saison im weißrussischen Minsk: Nico Ihle und Joel Dufter sprinteten über die 1 000-Meter-Distanz auf die Plätze 13 und 15. Roxanne Dufter muss nach ihrem Rennen über 1 500 Meter, in dem sie 20. und somit Letzte wurde, beim nächsten Weltcup sogar in der B-Gruppe antreten. Das beste deutsche Resultat war Claudia Pechsteins neunter Platz im Massenstart am Sonntag.

Die Resultate entsprechen allerdings genau den Prognosen, die der Berliner Olympia-Stützpunkt-Trainer Uwe Hüttenrauch vor den Wettkämpfen geäußert hatte. „Einige Sportler haben die Qualifikationskriterien für den Weltcup ja nur geschafft, weil die Normen nach unten gesetzt wurden“, sagt er. Ihle, der ja noch immer zu den Frontläufern im Verband gehört, wäre nach den Kriterien des Vorjahres sowohl über 500 als auch 1 000 Meter zu langsam gewesen. Gleiches gilt für Sprinterin Katja Franzen. „Es geht längst nicht mehr darum, sich mit den Niederlanden zu vergleichen“, weiß Hüttenrauch, der Pechstein einst an die Weltspitze geführt hatte. „Von den Besten sind wir so weit entfernt wie der Mond von der Erde.“

Deutsche Meisterin ohne Konkurrenz

Dass Pechstein bei den Deutschen Meisterschaften in Inzell vor einer Woche mit mittlerweile 47 Jahren ihre nächsten beiden Meistertitel gewann, irritiert ihren einstigen Trainer längst nicht mehr, „auch wenn das natürlich nicht sein kann, dass da niemand mithalten kann“. Die Art und Weise, wie Titel Nummer 39 zustande kam, hingegen schon. „Wie kannst du Deutscher Meister werden, wenn nur einer antritt?“, wundert sich Hüttenrauch immer noch. Keine weitere deutsche Athletin trat über die fünf Kilometer an. So ging der Pokal praktisch konkurrenzlos an die Berlinerin. Immerhin sorgte die Tschechin Martina Sablikova dafür, dass überhaupt ein Rennen zustande kam.

Von den Besten sind wir so weit entfernt wie der Mond von der Erde.

Uwe Hüttenrauch

Als Einzelkämpferin verstand sich Pechstein in den vergangenen Tagen auch außerhalb des Eises mal wieder. Grund dafür war die Ankündigung des Sportdirektors Matthias Kulik unter der Woche, Pechsteins Lebensgefährten Matthias Große „nicht in den Betreuerstab der Deutschen Eisschnelllauf-Nationalmannschaft einzubinden“. Als Reaktion auf dessen Ambitionen, nach dem überraschenden Rücktritt von Stefanie Teeuwen neuer Präsident der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft zu werden – verbunden mit harscher Kritik am Verband. Unter anderem hieß es: „Die leben wie die Fürsten und haben gar kein Geld.“

Wie fast alle in der Branche hält auch Hüttenrauch nicht viel von der Idee des Gespanns Pechstein/Große: „Als Präsidenten möchte ich ihn nicht haben. Er ist zu nah dran an Claudia, aber die Eisschnelllauf-Gemeinschaft sind immer noch wir alle.“ Der Berliner Trainer weiß um die Probleme, die es in der Vergangenheit immer wieder mit anderen Athleten und auch Verbandsvertretern gab. „Wenn es um den Schutz von Claudia geht, geht er offensiv nach vorne, da kommt das Militär bei ihm durch“, sagt Hüttenrauch. Große hatte einst an der Militärpolitischen Hochschule in Minsk studiert. Die Diskussion hält der Stützpunkt-Trainer ohnehin für überdreht: Ein Präsident muss schließlich durch Vereine oder Landesverbände vorgeschlagen und anschließend gewählt werden.

Dass sich Pechstein immer wieder kontrovers zu Wort meldet, ist für Hüttenrauch   eines der wenigen Lebenszeichen des   Eisschnelllaufens. „Wenn sie keinen Rabatz machen würde, würde gar nichts passieren“, sagt er. Beim Gespräch in der Sportkneipe des Wellblechpalastes fühlt er sich an eine Situation zu Beginn der Neunzigerjahre erinnert. „An genau dieser Stelle saß Helmut Berg (ehemaliger Präsident der Eisbären; d. Red.) und hat gesagt: ,Ob mit schlechten oder mit guten Nachrichten: Wir müssen es jeden Tag in die Zeitung schaffen’.“ Dass Michelle Uhrig aus Berlin, die mittlerweile in Erfurt trainiert, bei den Deutschen Meisterschaften über 1 000 und 1 500 Meter triumphierte, sei für ihn ein positives Signal.

Die Krise kam nicht überraschend

Obwohl große Erfolge im deutschen Eisschnelllauf nun länger zurückliegen, liegt nicht nur medial, sondern auch konzeptionell eine gewisse Lethargie über der Branche. „Über Jahrzehnte musste man sich ja keine Gedanken machen, wo das Geld herkommt“, weiß Hüttenrauch. Pechstein, Gunda Niemann-Stirnemann und Anni Friesinger lenkten nicht nur die Aufmerksamkeit der Medien und Zuschauer auf diesen Sport. Auch für die Sponsoren war die Werbeplattform Eisschnelllauf attraktiv. Doch die schlechteren Leistungen sorgen dafür, dass Geldgeber sich umorientierten. Stellvertretend dafür steht die DKB-Bank, die sich nach Olympia 2018 als Hauptsponsor zurückzog.

Zudem kam bei den Ermittlungen rund um den Erfurter Doping-Mediziner Mark S.   ans Licht, dass der ehemalige Eisschnellläufer und Hüttenrauchs Berliner Trainerkollege Robert Lehmann-Dolle in den Skandal verwickelt sein soll. Vergangene Woche wurde er vom Olympiastützpunkt entlassen. „Wir sind uns natürlich über den Weg gelaufen und haben das Thema immer wieder gestreift. Es ist ja unbestritten, dass er großen Bockmist gebaut hat“, sagt Hüttenrauch. Anders als dieses Thema lassen sich die anderen Problemfelder der DESG nicht abhaken, sondern werden auch diesen Weltcupwinter dominieren.