Urs Fischer ist keiner, der in aller Öffentlichkeit seinen Emotionen freien Lauf lässt, vor laufenden Kameras ins Schwärmen gerät oder laut zu Träumen anfängt. Vom Aufstieg zum Beispiel. Der Trainer des 1. FC Union analysiert lieber still, präzise, durchaus aber mit einem verschmitzten Lächeln auf den Lippen, wenn es – wie zuletzt für sein Team – eigentlich gar nicht so übel läuft. Nach vier Spielen in der Liga und einem Pokalduell bei Carl Zeiss Jena haben die Köpenicker noch nicht verloren, stehen auf dem dritten Tabellenplatz und könnten eigentlich richtig zufrieden sein.

Doch genau in dieser Situation zeigt sich, warum der Schweizer so wunderbar nach Köpenick passt. Denn Urs Fischer arbeitet Fußball, ist nicht zufrieden. Ganz und gar nicht. Zufriedenheit ist Stillstand. Zufrieden ist, es im Training auch mal etwas ruhiger angehen zu lassen. Zufrieden ist, einen Gegner wie den MSV Duisburg, der heute um 18.30 Uhr im Stadion an der Alten Försterei aufläuft, auf die leichte Schulter zu nehmen.

„Ich bin überrascht“

Die Zebras reisen mit der beeindruckend negativen Ausbeute von null Punkten und null geschossenen Toren nach Berlin. Trainer Ilia Gruev steht bei den Fans massiv in der Kritik, Torwart Daniel Davari patzte zuletzt sogar im Testspiel gegen die eigene U19 und wird heute Abend wohl dem ehemaligen Unioner Daniel Mesenhöler weichen müssen. Zuletzt erweckten sogar Gruevs Aussagen den Eindruck, als sei da irgendetwas nicht in Ordnung. Mitte vergangener Woche gab er im Hinblick auf anstehende Partie beispielsweise Folgendes zum Besten: „Ich wünsche mir, dass wir und mit Einstellung und Engagement ähnlich präsentieren wie jetzt die deutsche Nationalmannschaft nach der Weltmeisterschaft.“

Den Eisernen kommt also die Favoritenrolle zu. Und das ist das, was Fischer umtreibt. Er atmet tief durch, wählt seine Worte mit Bedacht, wird dann überaus deutlich: „Ich bin überrascht, wie klar das Resultat für manche zu sein scheint. Ich erinnere mich, dass das auch gegen Sandhausen der Fall war.“

Die Sandhäuser standen vor der Partie gegen Union gemeinsam mit Duisburg am Tabellenende, erkämpften sich gegen die mitunter fahrig agierenden aber ein 0:0. „Gerade das Spiel gegen Sandhausen hat gezeigt, dass wir bei weitem noch nicht da sind, wo wir spielerisch hinwollen“, sagt Coach Fischer. Freilich, der Schweizer ist kein Miesmacher, er mahnt aber: „Unser Saisonstart war natürlich positiv, aber ich bin mit dieser Euphorie nicht einverstanden. Es muss allen klar sein, dass wir weiterhin noch Zeit brauchen.“

Automatismen und Präzision

Der Trainer spielt dabei vor allem auf das Offensivspiel an, das nicht erst gegen Sandhausen schon im Ansatz allerlei Probleme offenbarte. So bestätigte Mittelfeldspieler Grischa Prömel nach der Partie: „Der Gegner hat uns unter Druck gesetzt und wir haben dann zu früh den langen Ball gespielt, statt geordnet anzugreifen.“ Die Verteidigung der Sandhäuser konnte die langen Bälle einfach abräumen, Unions Angriffsspiel kam im Badischen lange nicht in Schwung.

Ein Manko, das der Trainer schon im allgemeinen Jubel nach 4:1-Sieg gegen den FC St. Pauli eingeworfen hatte, von einigen Union-Liebhabern womöglich aber siegestrunken überhört wurde. Vor der Partie gegen Duisburg erinnert er darum noch einmal an das Heimspiel gegen die Hamburger: „Gegen St. Pauli sind unsere ersten beiden Tore aus Standards gefallen, danach musste der Gegner das Spiel öffnen und nicht wir. Das war wie ein Geschenk für uns.“ Zuvor hatten sich die Eisernen fast 40 Minuten im Spielaufbau abgemüht, was nach vier geschossenen Treffern jedoch für einige kaum mehr von Belang war.

Der Analytiker Fischer aber sieht diesen Makel, arbeitet mit seinen Spielern akribisch an einer Weiterentwicklung: „Wir haben in den letzten Tagen in der Offensive immer wieder die Abläufe trainiert, weil uns Automatismen fehlen, aber auch die Präzision.“ Auch darum, weil die umformierte Mannschaft noch nicht so weit ist, wie der Tabellenplatz vermuten lässt, warnt er davor, die angeschlagenen Duisburger zu unterschätzen. „Wir alle müssen Respekt vor dem Gegner haben. In den Spielen, die die Duisburger bisher absolviert haben, waren sie teilweise sogar die bessere Mannschaft. Manchmal ist dann auch einfach nur Pech im Spiel.“

Wobei Urs Fischer, der gefasste Schweizer, im Umkehrschluss natürlich alles daran setzt, damit auch gegen MSV Duisburg das Glück auf seiner und damit auch auf der Seite seines Teams ist.