Joachim Löw, nachdenklich auf dem Trainingsplatz.
Foto: AFP/Ina Fassbender

DüsseldorfJoachim Löw, das wissen langjährige Wegbegleiter, ist ein modebewusster Fußballlehrer. Wenn draußen die dunkle Jahreszeit begonnen hat, trägt der Bundestrainer keine kunterbunten Farben. Sondern gerne schwarze Rollkragenpullover, die gut zum bedeckten Himmel in eher trüben Novembertagen passen. Vor dem EM-Qualifikationsspiel gegen Weißrussland am heutigen Sonnabend (20.45 Uhr/RTL) in Mönchengladbach malte der 59-Jährige die Zukunft für die deutsche Nationalmannschaft trotz der vermeintlich leichten Pflichtaufgaben zum Jahresende nicht gerade rosarot, obwohl es nur „zwei Schritte bis zur Tür“ seien, „die uns zur EM bringt“.

Zweifel hat Löw grundsätzlich keine, dass es im bei weitem nicht ausverkauften Borussia-Park gegen den Außenseiter aus dem totalitär regierten Staat schiefgehen könnte: „Wenn wir unsere Stärken einbringen, werden wir gewinnen.“ Schon mit Eintreffen am Dienstag im Vorbereitungsquartier Düsseldorf – das dem DFB-Tross offenbar besser behagt als der Spielort am Niederrhein – hatte der Südbadener auch mit Blick auf den Abschluss gegen Nordirland in Frankfurt (Dienstag 20.45 Uhr/RTL) versprochen: „Beide haben uns das Leben nicht so einfach gemacht in den ersten Spielen, aber wir werden beide Spiele daheim gewinnen.“

Vor diesem Hintergrund erklärt sich vielleicht, dass seine Spieler in ziemlicher Unkenntnis ertappt worden sind, was die Konstellation einer vorzeitigen Qualifikation anging. „Wenn wir am Samstag gewinnen, sind wir doch durch, oder nicht?“, fragte Joshua Kimmich verwundert. „Meine Info ist: Wenn wir gewinnen, sind wir durch“, sagte Timo Werner. Beides ist falsch. Wenn die Nordiren parallel zuhause in Belfast die Niederländer schlagen, wäre das direkte Duell mit dieser kampfstarken Mannschaft drei Tage später noch von erheblicher Bedeutung.

Probleme beim Umschaltfußball

Löw hat unabhängig davon („Nordirland interessiert mich noch gar nicht“) beschlossen, dass Kapitän Manuel Neuer in Mönchengladbach, der gebürtige Gladbacher Marc-André ter Stegen in Frankfurt spielt. Die Arbeitsteilung zwischen den Pfosten ist also geklärt, und auch bei anderen Personalfragen kommt es nicht zum Versteckspiel: Matthias Ginter sei als Abwehrchef, Joshua Kimmich, Toni Kroos und Ilkay Gündogan sind als Mittelfeldtrio und Serge Gnabry im Sturm gesetzt, sagte Löw. Doch mit seiner Auskunftsfreude klangen auch Widersprüche durch.

Er beteuerte einerseits, dass er eine „sehr motivierte Mannschaft“ beobachte, die „viel Energie“ verbreite und eine „gute Disziplin“ zeige. Trotz des gerne von ihm angestellten Vergleichs zur Generation Hummels-Boateng-Khedira-Özil vor der WM 2010 hakt es gleichwohl an vielen Stellen. Der Umschaltfußball funktioniert nur phasenweise, das Gebilde präsentiert sich selten durchgängig kompakt. Löw konstatierte fast betrübt: „Dieses Jahr hätte uns helfen können“, wenn es nicht so viele Ausfälle und Absagen gegeben hätte. „Sie tragen nicht dazu bei, Konstanz reinzubringen, Automatismen einzuschleifen.“ Die Personalsorgen seien „ständiger Begleiter“ gewesen, grummelte der Genussmensch. Fast so lästig wie ein entzündeter Weisheitszahn. Vieles hörte sich so an, als sei 2019 ein verlorenes Jahr gewesen.

Dem anspruchsvollen Trainer fehlt noch immer fast eine komplette Elf, und weil darunter fest eingeplante Stützen wie Leroy Sané oder Niklas Süle sind, kommt der vielzitierte Umbruch nicht so recht voran. Die Einbrüche jeweils in der zweiten Halbzeit gegen die Niederlande (3:2, 2:4) oder zuletzt im Test gegen Argentinien (2:2), befand der Ästhet, seien irgendwo vollkommen logisch. „Man kann von dieser Mannschaft nicht erwarten, 90 Minuten durchzuziehen.“ Dafür müsse sie eingespielt sein. Die guten Ansätze hätten ihn in diesen Begegnungen fast überrascht. Im Duktus von Löw lautet die Schlussfolgerung: Favoriten beim ersten paneuropäischen EM-Turnier 2020 sind andere.

Die Franzosen mit seiner ausgebufften Weltmeister-Truppe, die hungrigen Engländer, die eingespielten Niederländer oder die sich ebenfalls im Umbruch befindlichen Spanier. Nein, die Deutschen, tatsächlich auch nur auf Platz 16 der unbestechlichen Fifa-Weltrangliste geführt, können da nicht mehr mithalten.

Zumal Löw erstmals auch konkreter wurde, was ihm an der Bundesliga nicht gefällt. Begriffe wie „Männerfußball“ und „echte Kerle“ brauche er nicht („die lassen wir mal weg“), aber mit einem „richtigen Zweikampfverhalten“ wäre schon viel gewonnen. Ihm fallen deutsche Spieler im Alltag viel zu häufig auf den Boden, wenn sie am Oberkörper einen Widerstand spürten. Sein Wunsch: „Auf den Beinen bleiben, Körperkontakt suchen, dagegenhalten, widerstandsfähig sein. Da können wir noch zulegen.“ Zweikämpfe seien nun einmal die Basis. „Damit meine ich auch die offensiven Zweikämpfe. Sich durchzusetzen, sich nicht wegdrängen zu lassen.“ Zugleich sollten die Schiedsrichter hierzulande ihr Tun überdenken: „Es wird viel zu viel abgepfiffen. Das Spiel braucht einen anderen Fluss.“

Das hörte sich schon wie ein erster Vorentwurf für einen Wunschzettel in der Weihnachtszeit an.