Union-Trainer Urs Fischer.
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BerlinDer 1. FC Union wird am heutigen Sonnabend in Richtung Westen fliegen. Am Sonntag (15.30 Uhr) steht bei Borussia Mönchengladbach ein Auswärtsspiel auf dem Programm. Doch nicht die Auseinandersetzung mit dem Champions-League-Anwärter, sondern der Fall Sebastian Polter bewegt zum Ausgang dieser Woche  die Welt der Eisernen, bestimmt die Schlagzeilen in den Medien, sozialen Netzwerken und Fanforen.

Der 29 Jahre alte Angreifer wurde am Donnerstag vorzeitig unehrenhaft freigestellt, weil er sich laut Klubmitteilung als einziger Spieler in der aktuellen Corona-Pandemie unsolidarisch gezeigt habe. Das hieß übersetzt, dass Polter dem zwischen Präsidium und Mannschaftsrat abgestimmten Gehaltsverzicht nicht zugestimmt hat. Mit Zitaten von Präsident Dirk Zingler erfuhren die Fans, dass Publikumsliebling Polter bis zum Vertragsende im Sommer nicht mehr Teil des Spieltags-Kaders sein wird. Rechtlich hat Union nichts in der Hand. Polter darf weiter am Mannschaftstraining teilnehmen, auch wenn es weder für ihn noch den Klub Sinn macht.

Am Freitag auf der Pressekonferenz äußerte sich Trainer Urs Fischer nur kurz zum Thema Polter. „Der Verein hat eine Entscheidung getroffen. Es hat nichts mit der sportlichen Einschätzung von Sebastian Polter zu tun. Natürlich trage ich die Entscheidung mit, die der Verein getroffen hat. Für mich hat aber Priorität, die Mannschaft auf das Spiel gegen Gladbach vorzubereiten“, sagte der Schweizer. Es mag Zufall gewesen sein, dass Fischer bei dieser Aussage den Faden verlor. Aber vielleicht ist dies auch ein Beleg dafür, dass der Fußballlehrer diese Art von Schlammschlacht in der Hochphase des Abstiegskampfes überhaupt nicht gebrauchen kann.

Die Medienrunde mit Fischer fand virtuell statt. Die Fragen der Medienvertreter, die diese vorab zugeschickt hatten, verlas Klubsprecher Christian Arbeit, hinsichtlich der Problematik Polter aber nicht alle. Es ist verständlich, dass Union den Fokus sportlich setzen muss. Andererseits wurde genau zu Beginn der Pressekonferenz eine weitere Erklärung des Präsidiums zur Personalie Polter veröffentlicht. Das zeigt die Tragweite dieses Falls.

Anlass war eine Gegendarstellung der Anwälte von Polter. „Sebastian Polter bedauert die ihm am 28.05.2020 mitgeteilte Entscheidung des 1. FC Union. Sebastian Polter weist den Vorwurf des unsolidarischen Verhaltens jedoch ausdrücklich zurück. Wahr ist, dass sich der 1. FC Union und Herr Polter wechselseitig Vereinbarungen zur Handhabung des Gehaltes aufgrund der Corona-Pandemie unterbreitet haben“, heißt es in dem Schreiben. „Keine Vereinbarung hat die Zustimmung beider Seiten gefunden. Sebastian Polter betont, dass er sich nicht verweigert hat, seinem Herzensverein wirtschaftlich entgegen zu kommen und zu helfen.“

Union hatte in Mitteilungen vom 25. März und 7. Mai suggeriert, dass der Gehaltsverzicht der Lizenzspieler längst Realität sei. Das stimmte zumindest im Fall Polter nicht. Letzterer strebte ab dem 11. Mai mit anwaltlicher Unterstützung eine individuelle Lösung an. Diese empfand Union als unsolidarisch und zog die Reißleine. Es ist für den Klub zu hoffen, dass über diesem Scherbenhaufen nicht auch noch das Porzellan des erhofften Klassenerhalts zerbricht.