Trotz des klaren Erfolgs musste Torwart Manuel Neuer einige gefährliche Chancen entschärfen.
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Lissabon/MünchenAm Donnerstag standen beim FC Bayern Regeneration und eine Pressekonferenz mit Vorstand Oliver Kahn an. Ein bewusst gesetzter Medientermin war der Auftritt des künftigen Nachfolgers von AG-Chef Karl-Heinz Rummenigge selbstredend. Doch Kahn war nun gar nicht gekommen, um jene Rolle des Mahners vor dem Finale der Champions League gegen Paris Saint-Germain am Sonntag zu übernehmen, die er früher oft ausgefüllt hatte. Vielmehr gerieten seine Einlassungen zum Ausdruck des immensen Selbstbewusstseins beim deutschen Double-Gewinner, der sich anschickt, die Saison mit dem zweiten Triple der Vereinsgeschichte nach 2013 abzuschließen.

Gewiss habe Trainer Thomas Tuchel in seinem PSG-Ensemble die „Superstars und Weltklassespieler“ Neymar und Kylian Mbappé, „aber wir haben Robert Lewandowski, Serge Gnabry und Manuel Neuer“, sagte Kahn, um nur einige zu nennen. Was das bewusst riskante Pressing der Münchner mit ihrer stets sehr hoch stehenden Defensive und dem ständigen Offensivdrang angeht, selbst bei einer Führung, sieht der 51-Jährige keinen Grund, grundlegend etwas zu ändern. „Das ist der Stil dieser Mannschaft, und das hat diese Mannschaft unglaublich stark gemacht“, sagte Kahn, „deswegen wird diese Mannschaft auch von diesem Stil keinesfalls, keinesfalls abrücken.“ Die gezielt gesendete Botschaft war klar: Wir richten uns nach uns selbst, komme, wer wolle. Nebenbei fand Kahn auch noch Gelegenheiten für launige Anmerkungen. Wie die zu seiner Amtszeit als Mitglied des Vorstandes seit Jahresbeginn, also mitten hinein in jene anhaltende Phase, in der die Mannschaft von Trainer Hansi Flick noch ungeschlagen ist. „Man muss eben zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein“, sagte Kahn und lächelte vergnügt über seinen kleinen Scherz.

Oliver Kahn lobt die Mentalität

Dieser kann wohl auch ganz ohne Ironie zum Finalmotto erhoben werden, zumal unter dem Eindruck des Halbfinals vom Mittwoch gegen Olympique Lyon. Das Spiel hatten die Münchner zwar klar und verdient durch die Tore von Serge Gnabry (18. und 33.) und Robert Lewandowski (88.) 3:0 (2:0) gewonnen. „Für mich das Tor in der Champions League“, nannte Kahn dabei Gnabrys Solo samt wuchtigem Linksschuss fast exakt in den Winkel zum 1:0, diesen Treffer könne man „guten Gewissens als Weltklasse bezeichnen“.

Andererseits: Was sich beim spektakulären 8:2 (4:1) im Viertelfinale gegen den FC Barcelona zumindest angedeutet hatte, zeigte sich gegen Lyons Kontermannschaft in unverkennbarer Ausprägung. Die stets nach vorne orientierten Bayern offenbarten mehrfach größere Lücken in der Defensive, vor allem im Rücken der stürmischen Außenverteidiger Joshua Kimmich und Alphonso Davies. Wenn in diese Räume nicht Memphis Depay oder Toko Ekambi vorgestoßen wären, sondern Neymar, Mbappé oder auch Ángel Di María, dann hätte wohl noch mehr Ungemach gedroht. Oder wie es Kahn tags darauf mit Blick auf PSG einräumte: „Wenn wir da den Ball verlieren, geht bei Paris die Post ab. Wenn die eine Chance haben, knallt’s meistens.“ Aber, sagte Kahn sofort, darauf werde Flick die Mannschaft einstellen und an einer defensiven „Restabsicherung“ feilen und zudem daran, dass Tuchels Offensive erst gar nicht den Ball bekommt. Jedenfalls möglichst selten.

Davon hatte Flick schon direkt nach dem Sieg gegen Lyon gesprochen, und auch er ließ erkennen, dass er seine Mannschaft im Finale gewiss nicht ihrer größten Qualität, dem offensiven Pressing- und Powerfußball, berauben werde. „Unsere große Stärke ist, dass wir den Gegner unter Druck setzen“, sagte er bei Sky, „und ich denke, das wird uns auch gegen Paris gelingen.“ Vielleicht sogar besser als gegen Lyon, das sich dem Pressing der Bayern mit langen Bällen immer wieder entzog. Paris dagegen hatte bereits beim knappen 2:1 gegen Atalanta Bergamo Schwächen gegen einen aggressiv anlaufenden Gegner offenbart. Doch natürlich weiß Flick, dass er an der richtigen Balance tüfteln muss. Besser stehen und Ballverluste wie gegen Lyon vermeiden, gab er sofort in Auftrag und schrieb sich in seinen Lehrplan bis Sonntag, „dass wir die Defensive noch ein bisschen anders organisieren“.

Bei Kahn ging es noch um die von ihm ungeliebten Quervergleiche zu den Titeln in der Champions League von 2001, als er im Tor stand, und von 2013. Beide Generationen hätten damals die dramatisch verlorenen Finals von 1999 und 2012 als Antrieb gehabt. „So ein Negativerlebnis hat die Mannschaft jetzt nicht“, sagte er, sondern sie wolle von sich aus immer besser werden. „Das zeichnet große Mannschaften aus: Sie wollen immer noch einen draufsetzen.“