Der Aufdruck ist Programm: Zum achten Mal hintereinander steht Bayern vorne.
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BremenVermutlich gibt es ein schöneres Ambiente, als ein fast menschenleeres Weserstadion, einen bedrohlich düsteren Himmel und einen heftigen Platzregen, um eine Premiere im deutschen Fußball zu begehen: Nach einem 1:0 (1:0)-Erfolg beim SV Werder hat sich der FC Bayern zum ersten Geister-Meister in der langen Bundesliga-Geschichte gekörnt. Ein Tor von Robert Lewandowski (43.) bescherte den Münchner ihre insgesamt 30. Deutsche Meisterschaft – ausgerechnet im Wohnzimmer ihres größten Rivalen des ausgehenden 20. und frühen 21. Jahrhundert konnte der Rekordmeister den achten Titel in Folge feiern. Aber kann in der Corona-Krise überhaupt vom Feiern die Rede sein?

Partys mit gebremstem Schaum kennen Thomas Müller und Kollegen, die noch eine weitere Nacht in ihrer Herberge direkt am Bremer Marktplatz mit Dom und Roland verbrachten, eingedenk ihres teils absurd anmutenden Vorsprungs aus den vergangenen Jahren zur Genüge. Insofern hat diese unterbrochene Saison jenen Champion hervorgebracht, der über die Gewohnheit emotional bereits den größten Abstand zu der begehrten Salatschüssel aufgebaut hat.

Die Bayern werden die silberne Schale vermutlich am letzten Spieltag nach dem Auswärtsspiel beim VfL Wolfsburg sehr routiniert herumreichen. Und eine Trophäenschau mit einer Menschenansammlung am Marienplatz dürfte es selbst dann nicht geben, wenn die Münchner im Berliner Pokalfinale gegen Bayer Leverkusen (4. Juli) erneut das Double gewinnen. Auch an der Spree sind die Bayern der haushohe Favorit. An der Weser fuhr das FCB-Ensemble bereits den elften Liga-Sieg in Serie ein. Spannendste Frage wird jetzt sein, ob die Generation Neuer-Kimmich-Lewandowski es schafft, den historischen Bestwert von 101 Saisontoren aus der legendären Maier-Beckenbauer-Müller-Ära aus dem Jahre 1972 zu überbieten. Freiburg und Wolfsburg als letzte Widersacher dürften wissen, dass die Münchner noch Torhunger verspüren.

Die Bayern hatten die Partie zwar von Anpfiff an bestimmt, trafen aber auf lange gut gestaffelte und sehr bissige Bremer. Jede Kombination über drei, vier Stationen bejubelten Werders Ersatzspieler, Betreuer und Masseure bereits überschwänglich. Und Physiotherapeut Adis Lovic betätigte wieder seine Trommel, als Theodor Gebre Selassie den Ball immerhin ans Außennetz setzte (9.). Und gleich noch ein paar Dezibel drauf gab es, als Maximilian Eggestein nach der besten Stafette verzog (18.). Spätestens als sich Bayerns Ersatztorwart Sven Ulreich und Werder-Coach Florian Kohfeldt ein heftiges Wortgefecht lieferten, weil die Gastgeber bei einem Nachtreten von Alphonso Davies eine Rote Karte forderten (19.), war klar: Der Branchenprimus hatte es mit einem Gegner im Kampfmodus zu tun. Dass nach gut einer halben Stunde mal wieder ein gewaltiger Schauer niederging, führte nicht dazu, dass die Bremer gewaltig ins Schwimmen gerieten. Dennoch gingen die Bayern durch den 31. Saisontreffer von Lewandowski in Führung, weil Jerome Boateng mit einem klugen Lupfer die gesamte Abwehr überlistete – und die bayrische Tormaschine hatte auch nicht im Abseits gestanden, wie die Videoüberprüfung ergab.

Nach dem Wechsel kühlte sich bis dato hitzige Angelegenheit ab, ehe Lewandowski aus Abseitsposition traf (55.). Werder fehlte erkennbar die Klasse, um von Bayern-Kapitän Manuel Neuer echte Arbeitsnachweise zu verlangen, die Gäste begnügten sich mit einer Art Verwaltungsmodus, was bestraft wurde, als Davies die Gelb-Rote Karte sah (79.). Für die Bremer bedeutete diese, noch einmal die Offensive zu beleben, doch die nächste Chance vergab Kingsley Coman (81.). Werder versuchte in Überzahl mit der Einwechselung seines Hoffnungsträger Niclas Füllkrug noch etwas zu bewirken, aber bis auf eine Intervention eines Handspiels - Josh Sargent hatte Boateng an die Hand geschossen (88.) - passierte nicht mehr viel.

Eine besondere Genugtuung dürfte die meisterliche Auszeichnung für Hansi Flick sein. Der lange unterschätzte Assistent unter Weltmeister-Bundestrainer Joachim Löw hatte zwar vier Meisterschaften als Bayern-Profi eingeheimst, nun steht auch die erste als Cheftrainer in seiner Vita. Der 55-Jährige hat nach einer irritierenden Hinrunde unter Nico Kovac mit erstaunlicher Klarheit die bekannten Machtverhältnisse wieder hergestellt.