Der Eingang zum legendären Stadion an der Anfield Road.
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LondonSeit fast zehn Jahren führt die im Jahr 2001 in Boston gegründete Fenway Sports Group die Geschäfte beim FC Liverpool. Man sollte davon ausgehen, dass sie mittlerweile verstanden hat, wie der Verein und seine Fan-Gemeinde funktionieren, doch das ist offenkundig nicht der Fall.

Liverpools Besitzer lagen dramatisch daneben damit, dass das Umfeld schon irgendwie Verständnis für das Manöver hätte, rund 200 Mitarbeiter des Klubs – nicht die Fußballer – in den Zwangsurlaub zu schicken und zu 80 Prozent durch ein Hilfsprogramm der Regierung bezahlen zu lassen.

Dieses Programm ist eher dafür vorgesehen, Arbeitsplätze bei Unternehmen zu sichern, die wegen des Corona-Notstands um die Existenz bangen. Der Champions-League-Sieger mit einem Umsatz von 533 Millionen Pfund fällt definitiv nicht in diese Kategorie.

Massive Empörung

Vollkommen zu Recht ging die Öffentlichkeit auf die Barrikaden und zwang die Besitzer, vom angedachten Griff in die Staatskasse Abstand zu nehmen. Nicht zum ersten Mal mussten sie sich dem Volkszorn beugen. Es verwundert, dass die Fenway Sports Group auch zehn Jahre nach ihrer Ankunft solche PR-Eigentore schießt. 

Mit dem Versuch, in der Krise Personalkosten auf die Allgemeinheit abzuwälzen, haben die Besitzer die edlen Werte verraten, für die der Premier-League-Klub angeblich steht seit Trainer-Ikone Bill Shankly, und die auch der aktuelle Amtsinhaber Jürgen Klopp vertritt: dass man zusammenhält, vor allem in dunklen Stunden.

Dass die Gemeinschaft wichtiger ist als der Einzelne. Stichwort: „You’ll never walk alone.“ Dass es um mehr geht als einfach nur um Fußball, und vor allem einfach nur um Geld. Dass man weiß, was sich gehört.

Der Verein verdient keinen Applaus dafür, dass er durch die massive Empörung zu seiner Kehrtwende gezwungen wurde, auch wenn andere Klubs wie Tottenham Hotspur oder Newcastle United weiter Teile der Mitarbeiter durch Steuergeld bezahlen lassen wollen. Es sollte eine Selbstverständlichkeit sein, dass der milliardenschwere Premier-League-Betrieb seine Ausgaben nicht auf den Staat umlegt.

Nicht alles, was möglich ist, ist auch richtig. Zynische Reaktion Und auch was richtig ist, kann einen bitteren Beigeschmack haben. Es wirkt zynisch, dass die beiden Manchester-Klubs United und City kurz nach Liverpools ursprünglicher Entscheidung vom Griff in die Gemeinschaftskasse öffentlich machten, ihre Angestellten selbstverständlich weiter selbst bezahlen.

Selbstverschuldeter Imageschaden für LFC

Als ob ein globaler Ausnahmezustand die richtige Gelegenheit wäre, um Image-Politur auf Kosten der Konkurrenz zu machen.

Aber natürlich: Der FC Liverpool hat es sich selbst zuzuschreiben, dass er ein leichtes Ziel geworden ist. Beim englischen Fußball-Volk dürfte der Wunsch noch ein bisschen größer geworden sein, dass die Saison einfach abgebrochen wird – und Liverpools fast schon sichere erste Meisterschaft seit 30 Jahren hinfällig ist.