BerlinMit seiner Spielkunst, der Ästhetik am Ball und seinem Aufstieg vom armen Jungen zum Millionär steht Brasiliens Fußball-Legende Pelé wie kein anderer für das südamerikanische Land. Er hat eine Ära geprägt, in der aus dem Fußball eine Geldmaschine wurde. An diesem Freitag wird der Mann, der mit bürgerlichem Namen Edson Arantes do Nascimento heißt, 80 Jahre alt.

Pelé stützt sich auf die Sitze in dem Kleinbus und setzt vorsichtig einen Fuß vor den anderen. An der offenen Wagentür hält er sich mit einer Hand am Rahmen fest, mit der anderen winkt er den Wartenden zu. „Pelé, Pelé“, rufen sie. „É o rei.“ Es ist der König. Sein langjähriger Berater Pepito Fornos hilft dem „König des Fußballs“ in einen Rollstuhl. Pelé, der mehrmals an der Hüfte operiert worden ist, lockt Hunderte von Menschen zur Einweihung der nach ihm benannten Fußball-Akademie in Resende im Bundesstaat Rio de Janeiro.

Am Eingang des Trainingszentrums für Kinder wird eine Pelé-Statue enthüllt, rund um die Spielfelder ein „Tor-Wald“ mit 1283 Setzlingen gepflanzt - die Zahl der Treffer, die Pelé erzielt hat. „Ich habe bereits 1969, als ich das 1000. Tor geschossen habe, gesagt, dass wir auf die Kinder schauen müssen. Sie sollen weiter träumen können, um das zu werden, was sie wollen“, sagt Pelé, der gut gelaunt mit den Journalisten spricht. 

Für mich, das habe ich immer gesagt, warst und bist du der größte Fußballer aller Zeiten!

Franz Beckenbauer über Pelé

Er ist zum Symbol für Brasilien geworden. Als solches will er bei der WM 2022 wieder dabei sein. „Ohne die Pandemie besteht der Plan darin, nach Katar zu reisen und dort Teil der Veranstaltung zu sein“, sagte Joe Fraga, der Manager des Brasilianers, der Zeitung Folha de S. Paulo. Franz Beckenbauer hatte seinen einstigen Weggefährten zuvor als „größten Fußballer aller Zeiten“ gewürdigt.

Pelé hat eine Ära geprägt. Er trat in 92 Länderspielen an, gewann drei WM-Titel. Als er in den 1950er-Jahren begann, wollte noch kaum jemand Fußballprofi werden. Das Gehalt war zu gering. Anfang der 1960er Jahre, also bereits nach dem ersten WM-Gewinn 1958, verdiente er so viel wie aktuell ein Jungprofi bei einem großen Klub.

Kurz vor seinem 80. Geburtstag: Pelé im Oktober 2020.
AFP/Joe Fraga

Der Sport ist eine Geldmaschine geworden. Pelé ist einer derjenigen, die am meisten davon profitieren. Mit dem Wechsel zu Cosmos New York zum Ausklang seiner Karriere verhalf er gemeinsam mit Beckenbauer dem US-Fußball zu kurzer Aufmerksamkeit - und es gelang ihm der Sprung in die Geschäftswelt. Pelé nutzte seinen Namen in den folgenden Jahrzehnten gewinnbringend, vor allem als Werbefigur. Im WM-Jahr 2014 war er einer der weltweit zehn bestbezahlten Sportler im Ruhestand.

Viel früher, in den 1970er Jahren, wechselte der Chilene Elías Figueroa - zusammen mit Beckenbauer einer der weltbesten Abwehrspieler - statt zu Real Madrid lieber zu Internacional Porto Alegre, um mit Pelé in einer Liga zu spielen. Heute, wo brasilianische Talente, kaum 18, einen Vertrag mit einem europäischen Verein unterzeichnen, ist das schwer vorstellbar. Die Werbeverträge haben Pelé reich gemacht; die Liebe der Brasilianer haben sie ihm nicht gebracht, auch wenn ihm in Resende viele zujubeln.

Zuletzt ist es aus gesundheitlichen Gründen ruhiger um ihn geworden. In der Corona-Pandemie ist Pelé zu Hause in Guarujá im Bundesstaat São Paulo geblieben, um eine Ansteckung zu vermeiden. Er gehört zur Risikogruppe. Eine Feier wie etwa 50 Jahre nach seinem 1000. Tor im eigenen Museu Pelé in Santos 2019 ist nicht geplant. Die Glückwünsche erreichen ihn überwiegend in den sozialen Medien.

Die Einweihung der Pelé-Akademie ist einer der wenigen öffentlichen Auftritte des Idols in den vergangenen Jahren. Er erwähnt in Resende seine Familie. „Die Leute sprechen über Fußball, meine Karriere, aber niemand hat nach meinen Kindern gefragt“, sagt er. „In dieser Situation habe ich etwas mehr Zeit mit ihnen verbracht und viel gelernt.“ Sieben Kinder hat Pelé - darunter mehrere Uneheliche -, zweimal ging eine Ehe in die Brüche. 2016 heiratete er mit 75 zum dritten Mal, seine Frau Marcia Aoki ist Unternehmerin. Aber Körper und Seele schmerzen wohl.

Die Rechnung für die Jahre als Athlet

Clodoaldo, der mit der von Pelé angeführten Nationalmannschaft 1970 in Mexiko Weltmeister wurde und 14 Jahre beim FC Santos spielte, sagt: „Er hat Probleme, kann nicht richtig gehen, nicht wahr? Wir kennen seine gesundheitliche Situation. Klar, dass seine ehemaligen Mitspieler deswegen sehr traurig sind.“ In einem Interview der Zeitung Folha de S. Paulo zu seinem 78. Geburtstag sagte Pelé, Gott habe die Rechnung für seine Jahre als Athlet geschickt. Es heißt, er habe Depressionen, schäme sich für seinen Gesundheitszustand.

Bei Santos erhielt der Schuhmacherlehrling 1956 einen Vertrag und debütierte bereits mit 15 in der ersten Mannschaft. Nationaltrainer Vicente Feola nahm den 17-jährigen Pelé mit zur WM in Schweden 1958, wo dieser der bis heute jüngste Weltmeister der Fußball-Geschichte wurde. So wie Pelés Stern damals aufging, machte Pelé Brasilien der Welt bekannt.

Er erinnert sich: „Bei der ersten Weltmeisterschaft in Schweden kannte niemand Brasilien. Wir kamen dort an, und die Leute dachten, Brasilien sei Buenos Aires, Caracas.“ Pelé war sauer. Dann wurde die Seleção Weltmeister, der erste Titel von bisher fünf. Auch wenn jemand nun die Hauptstadt des südamerikanischen Landes nicht kennt, weiß er: Brasilien ist das Land des Fußballs, das Land Pelés.