Seine Kritiker sind stumm geworden: Bayern Münchens Sportvorstand Hasan Salihamidzic.
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MünchenAls der FC Bayern am Freitag um Punkt 9 Uhr Vollzug meldete, hielt sich der Nachrichtenwert in Grenzen. Die Verpflichtung von Manchester Citys Flügelspieler Leroy Sané, 24, für die Basisablöse von knapp 50 Millionen Euro war dem Publikum längst bekannt, ebenso die Vertragsdauer in München bis zum 30. Juni 2025. Das lag vor dem Pokalfinale gegen Bayer Leverkusen an diesem Sonnabend in Berlin vor allem an den vorherigen Medienberichten über den Münchner Königstransfer dieses Sommers. Und nebenbei auch daran, dass auf der arabischsprachigen Internetseite des Vereins am Vorabend eine kuriose Panne unterlaufen war. Für wenige Minuten war dort eine Bilderserie bereits online gestellt worden, in der Sané bei der Vertragsunterzeichnung sowie mit einem Bayern-Trikot und den Vorständen Karl-Heinz Rummenigge, Oliver Kahn und Hasan Salihamidzic zu sehen war.

Das PR-Malheur erzählte auch etwas über die Struktur des FC Bayern. Längst versteht sich der deutsche Branchenführer als einer der größten Global Player des Fußballs, der seine Fans rund um den Erdball multimedial und in diversen Sprachen versorgt. Die Zitate zu Sanés Vertragsabschluss ließen zudem erkennen, dass es längst nicht mehr nur um den deutschen Kernmarkt geht. „Mit seiner Verpflichtung haben wir einen weiteren großen Schritt gemacht, auch weiterhin in Europa ganz vorne mitzuspielen“, sagte Kahn. „Ich möchte mit dem FC Bayern so viele Titel wie möglich gewinnen, und ganz oben steht dabei die Champions League“, sagte Sané.

Selbstredend verstehen sie sich als deutsches Aushängeschild, durchaus in Konkurrenz zur Nationalmannschaft. „Unser Ziel ist es, die besten deutschen Spieler beim FC Bayern zu versammeln und die Verpflichtung von Leroy unterstreicht diesen Weg“, sagte Rummenigge. Einen „FC Bayern Deutschland“ hatte der Münchner Macher Uli Hoeneß immer als Ziel genannt. Neben Sané stehen die deutschen Nationalspieler Manuel Neuer, zugleich Kapitän bei Bundestrainer Joachim Löw, Niklas Süle, Joshua Kimmich, Leon Goretzka und Serge Gnabry ebenso unter Vertrag wie Thomas Müller und Jérôme Boateng. Die beiden Weltmeister von 2014 werden zumindest gefühlt noch mit dem DFB-Team in Verbindung gebracht und haben unter Löws ehemaligem Assistenztrainer Hansi Flick wieder zu alter Topform gefunden. Dass die Bayern auch Leverkusens hochbegabten Mittelfeldspieler Kai Havertz, 21, gerne hätten, fügt sich ins Bild.

Dabei ist es noch nicht lange her, dass Zweifel am erfolgreichen Umbruch beim FC Bayern auf allen Ebenen aufkamen. Das galt für die Mannschaft, die zuletzt international stagnierte bis zurückfiel, weil unter anderem die Nachfolge für die langjährige Flügelzange Franck Ribéry und Arjen Robben eher verschleppt worden war. Hinzu kam der Umbruch in der Klubführung, mit dem sich das langjährige Spitzenduo Hoeneß und Rummenigge zunächst sehr schwertat. Das eigene Erbe verteilten sie zuletzt zwar geräuschlos und überzeugend an Präsident Herbert Hainer, 66, seit November 2019 und an den angehenden Vorstandsvorsitzenden ab 2022 Kahn, 51, seit Januar. Zuvor aber hatte es arg geknirscht. Hoeneß wollte Max Eberl als Sportdirektor, Rummenigge dagegen Philipp Lahm.

2017 einigten sie sich auf den Kompromiss Salihamidzic, der öffentlich nicht als vollwertige Lösung wahrgenommen wurde. Nun wurde er am 1. Juli zum Sportvorstand befördert. Und die Kritik an ihm verstummt auch wegen der jüngsten Transfercoups Sané sowie der ablösefreien Zugänge von Schalkes Torwart Alexander Nübel (23, Vertrag bis 2025) und von Paris Saint-Germains Innenverteidiger Tanguy-Austin Nianzou Kouassi (18, 2024). Viel gelobt wird Salihamidzic, 43, zudem für die frühzeitige Verpflichtung des Kanadiers Alphonso Davies, 19, der sich als Linksverteidiger zum Senkrechtstarter entwickelt hat. Den 80 Millionen Euro teuren Rekordtransfer Lucas Hernández, 24, kann Salihamidzic zwar noch nicht als Erfolg verbuchen. Dafür aber umso mehr seine Impulse im Bereich Scouting mit Abteilungsleiter Marco Neppe, 34.

Verstärkt setzen die Münchner nicht mehr nur auf das altbewährte Muster aus der Manager-Ära von Hoeneß, der Konkurrenz die besten Spieler wegzukaufen. Stattdessen wird weltweit nach Talenten gefahndet, die vergleichsweise günstig zu haben sind und eine hohe Rendite versprechen. Auch dank Chefcoach Flick, 55, der Nachwuchsspieler fördert und einbaut, weshalb auch deren 2017 eröffneter und mehr als 70 Millionen Euro teurer Campus zunehmend Ertrag abwirft. Abzulesen ist das auch an der Dritten Liga, in der sich die zweite Mannschaft als Tabellenführer sportlich für die Zweite Liga qualifiziert hat und nur wegen der Statuten nicht aufsteigen darf. In der abgebrochenen Saison der A-Junioren wurden die Bayern in der Süd/Südwest-Staffel ebenfalls Erster. „Der Klub war 2017 schon gut aufgestellt, ich glaube allerdings, dass es uns doch gelungen ist, durch gezielte Arbeit noch besser dazustehen, sowohl im Profibereich als auch bei der Nachwuchsförderung“, sagte Salihamidzic gerade stolz in einem Spiegel-Interview.

Es verwundert nicht, dass Hoeneß, 68, vom Tegernsee zufrieden auf seinen Verein blickt. In diversen Interviews schwärmte der Ehrenpräsident zuletzt und vergaß nicht, sich selbst zu loben, „ein bestelltes Feld“ hinterlassen zu haben. Danach sah es zwischenzeitlich nicht unbedingt aus, als er im Februar 2019 herausposaunte, „wenn Sie wüssten, was wir alles schon sicher haben“, was sich als heiße Luft entpuppte. „Ich glaube, wir sind an der Schwelle zu einer tollen Generation“, sagte er nun jüngst im Bayerischen Rundfunk, „wir haben eine junge, entwicklungsfähige Mannschaft. Ich könnte mir gut vorstellen, wenn alles optimal läuft, beginnt gerade eine neue Ära Bayern München.“

Für die nationalen Konkurrenten und den Wettbewerb in der Bundesliga sind das keine guten Nachrichten, zumal neben dem sportlichen Vorsprung unter Flick auch der wirtschaftliche weiter wächst. Nicht zuletzt durch die Corona-Krise, die viele Vereine mehr trifft als den Krösus mit seinem berühmten Festgeldkonto. „Das war immer ein Vorteil und ist jetzt, wo das Geld bei den meisten viel knapper wird, ein Riesenvorteil“, sagte Hoeneß. Beinahe zynisch musste seine Empfehlung für die Konkurrenten klingen, „dass die anderen sich einfach noch mehr anstrengen müssen“. Man könne ja nicht erwarten, dass beim FC Bayern „alle nur noch halbtags arbeiten, damit die Bundesliga spannend bleibt“, sagte er und prognostizierte, „es wird für die anderen auch in Zukunft schwieriger werden, uns da runterzuholen, denn der FC Bayern ist auch durch diese Krise gut gerüstet für die Zukunft.“ Gerade erst haben sie den Meistertitel zum achten Mal in Serie und zum 30. Mal insgesamt gewonnen. Nun könnte der 20. Pokaltitel und damit das 13. Double folgen, und im August soll das zweite Triple nach 2013 beim Champions-League-Turnier in Lissabon her. Noch ohne Sané, aber von der kommenden Woche an beginnt für ihn schon die Vorbereitung auf die Saison 2020/21. Beim Hegemon aus München.