Haben die Arminia in die Bundesliga gebracht: Coach Neuhaus und Stürmer Klos.
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Berlin/BielefeldDu musst das Alphatier einer Mannschaft für dich gewinnen. Sonst hast du als Trainer, der neu zu einem Klub kommt, keine Chance. Sonst hast du schon bald die Kabine gegen dich, früher oder später womöglich auch die Kurve, was geradezu zwangsläufig deine rasche Entlassung zur Folge hat. Oder du musterst den Leithammel umgehend aus, wenn du tatsächlich davon überzeugt bist, dass er dir auf dem Platz nicht weiterhilft. Dann allerdings ist schon das erste Spiel ein Endspiel für dich. Stichwort: Kabine. Stichwort: Kurve.

Uwe Neuhaus kennt diesen Mechanismus, wusste ganz genau, was zu tun ist, als er am 10. Dezember 2018 seine Unterschrift unter einen Arbeitsvertrag mit dem damaligen Zweitligisten Arminia Bielefeld setzte. Alsbald suchte der Fußballlehrer also das Gespräch mit Fabian Klos, mit dem Mann, der in den vergangenen Jahren den von Krisen geschüttelten Traditionsklub mit seinen Toren vor dem Sturz in die Bedeutungslosigkeit bewahrt hatte. Und siehe da: Flugs waren sich die beiden einig, waren begeistert voneinander, übertrugen diese Begeisterung zunächst auf die Mannschaft, schließlich auf den gesamten Klub. Das Ergebnis ist bekannt: Die Arminen, zwischenzeitlich gar in die Dritte Liga abgestiegen und beim Amtsantritt von Neuhaus im unteren Mittelfeld der Zweiten Liga platziert, sind in dieser Saison erstmals seit 2009 wieder erstklassig.

Wiederholt schon hat Neuhaus erzählt, dass Klos ihm unmittelbar nach dem Aufstieg des 1. FC Union im Sommer 2019 via WhatsApp eine Nachricht geschrieben habe, fünf Wörter, ein Ausrufezeichen, eine klare Botschaft: „Da will ich auch hin!“ In der Folge erinnerte der Trainer seinen Spieler immer wieder an diesen Wunsch, diese Absicht, er hätte seinen Schlüsselspieler damit „immer wieder emotional greifen können“, so Neuhaus. Einen Deal hätten „Fabi“ und er schließlich ausgemacht, „und da ist keiner nur einen Millimeter von abgerückt. Wir haben uns gegenseitig versprochen, dass wir alles dafür tun, um den größtmöglichen Erfolg zu haben. Und da geht der Fabi perfekt vorne weg.“ Im Gegenzug drücke er dann „im Training ab und zu ein Auge zu, manchmal auch zwei. Aber am Wochenende kann ich mich immer auf ihn verlassen.“

Es ist also wohl nicht ganz falsch, wenn man diese ungewöhnliche Cheftrainer-Führungsspieler-Verbundenheit als maßgeblich für die Rückkehr der Arminia in die höchste Spielklasse erachtet. Als die Basis dafür, dass sich die Ostwestfalen am Sonnabend um 15.30 Uhr im Stadion an der Melanchtonstraße, besser bekannt als die „Alm“, wieder mal mit dem FC Bayern messen dürfen. Wenngleich die Vorfreude auf das Duell mit dem deutschen Rekordmeister bei den Arminen ob der neuen Corona-Verordnungen und der damit einhergehenden Aussicht auf ein Geisterspiel doch ein wenig getrübt ist. „Das ist schon bitter“, sagte Neuhaus am Donnerstag, konzentrierte sich in seinen weiteren Ausführungen aber auf das Sportliche: „Gegen den FC Bayern hast du in zehn Spielen neunmal keine Chance - und im zehnten Spiel liegt es an deiner eigenen Effektivität, ob du was mitnimmst. Wir wollen aber nicht neun Spiele einfach so herschenken und auf das zehnte warten. Wir wollen da sein, wenn der FC Bayern nicht bei 100 Prozent ist."

Neuhaus und Klos sind beide Spätstarter. Der Erstgenannte feierte sein Debüt als Bundesligatrainer im Alter von 60 Jahren, der Zweitgenannte sein Debüt als Bundesligaspieler im Alter von 32 Jahren. Am 19. September war das, als die Arminia sich am ersten Spieltag beim Gastspiel in Frankfurt ein 1:1 redlich verdiente. Neuhaus und Klos haben jedenfalls den Gegenbeweis für die These erbracht, dass sie nicht das Zeug für die höchste deutsche Spielklasse hätten. Dass dem einen als Trainer das Coaching-Repertoire, dem anderen als Angreifer die Handlungsschnelligkeit und die Durchschlagskraft fehle, um sich auf höchster Ebene behaupten zu können.

Neuhaus hat dieser letztlich haltlose Verdacht nach eigener Auskunft nicht weiter bekümmert, hat sein Ding gemacht, bei Rot-Weiss Essen, beim 1. FC Union, bei Dynamo Dresden, während die Klubs gern mal geradezu manisch nach dem nächsten Laptop-Trainer oder den nächsten Jürgen-Klopp-Verschnitt Ausschau hielten. „Als ich bei Rot-Weiss Essen als Cheftrainer anfing, maulte so mancher Zuschauer oder Insider, wie man so stoisch die Spiele begleiten könne“, berichtete er erst neulich in einem Interview mit Magazin der Deutschen Fußball Liga. Und: „Dabei bin ich bis heute auch ein emotionaler Trainer, der es aber mit den Gefühlsausbrüchen nicht übertreibt. Vielleicht hat mir das auch das eine oder andere Mal in puncto Außendarstellung im Weg gestanden. Ich aber will mich nicht verbiegen lassen und habe sehr früh gesagt, dass ich kein Lautsprecher bin und nicht dauernd auf den Putz haue. Niemals hätte ich mich in eine Rolle pressen lassen, nur um vielleicht eher in die Bundesliga zu kommen.“

Klos wiederum, der 2011 von den Amateuren des VfL Wolfsburg nach Bielefeld gewechselt war, merkte schon bald, wie sehr ihm die Arminia am Herzen liegt, schlug deshalb wiederholt Angebote von ambitionierten Zweitligisten aus. Auch als der Klub in den Jahren 2012 und 2014 in die Dritte Liga abstieg und sich dabei bisweilen im Chaos verlor. Er sagt: „Ich habe mich extrem verantwortlich gefühlt für die Mitarbeiter im Klub und ihre Arbeitsplätze. Das war ja mit ein Punkt, wieso ich geblieben bin. Wenn ich was verbocke, dann will ich auch dafür geradestehen und es wieder richten.“ Sein Motto lautet: „Wenn du Gutes gibst, wirst du auch Gutes zurückbekommen.“ Das gilt wohl auch für sein ungewöhnliches Verhältnis mit seinem Trainer.