Neymar ist das beste Beispiel, dass der Fußball jegliches Maß verloren hat.
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BerlinIn geplagten Zeiten wie diesen lernen wir ständig dazu, und zwar alle. Es geht einerseits um neue Formen der Arbeitsorganisation, im Falle von Sportlern um ein verändertes Training, andererseits um gesellschaftlichen Zusammenhalt. Das ist wahrscheinlich das einzig Gute an diesem tückischen Virus, das jeden von uns beschäftigt und mit jedem Tag immer mehr fordert.

Womit ich beim Fußball bin und bei dessen abgehobener Stellung. Zuerst schleichend, später rennend und immer stärker galoppierend hat sich die eigentlich schönste Nebensache der Welt nahezu abgekoppelt vom Rest. Ich weiß, dass es hierzulande auch in anderen Sportarten etliche Millionäre gibt. Zumeist vereinzelt, mehr vielleicht beim Tennis und erst recht in der Formel 1, obwohl die Jungs dort für meinen Geschmack zu sehr nur im Kreis herumbrettern. Beim Fußball aber macht es die Masse, die Otto Normalverbraucher die Nase rümpfen lässt.

Die Kicker sind gefühlt immer überbezahlt

Erst recht in Zeiten wie diesen. Auch deshalb haben sie auf die Profis geschaut und auf ihr Sozialverhalten etwa in Sachen Gehaltsverzicht. Zurecht, denn bei all ihrem Talent sind die Kicker gefühlt immer überbezahlt. Mir geht es vor allem darum, dass dieser losgelöste Kosmos endlich, endlich, nein, nicht wieder andockt an die Bodenstation, aber wenigstens in seinem elitären Dasein ein Stückchen normaler und für viele wieder glaubwürdiger wird.

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Union-Kenner

Andreas Baingo begleitet seit mehr als vier Jahrzehnten das Geschehen rund um den 1. FC Union. Für die Eisernen war er sogar selbst einmal am Ball. Immer mittwochs gibt er nun seine Expertise zu dem Fußball-Bundesligsten ab.

Nur um mal die Spitze zu nehmen, die seit drei Jahren heißt: gut 800 Millionen Euro. Die nämlich kommen neben der Ablöse von 222 Millionen Euro mit Mehrwertsteuer, Gehalt, Handgeld, Beraterhonorar und all dem Pipapo zusammen, wenn Brasilien-Star Neymar seinen Fünf-Jahres-Vertrag bei Paris St. Germain erfüllt. Das war schon 2017, als der Deal über die Bühne ging, irrsinnig, wahnwitzig, skandalös, unanständig und in höchstem Grad unmoralisch. Was erst jetzt, da alle vorgeben, in sich zu gehen?

Das hat mit dem 1. FC Union nicht viel zu tun, zugegeben, auch wenn die 74,481 Millionen Euro Jahresetat eine durchaus knackige Hausnummer sind. Anders gerechnet ist das aber gerade einmal ein Zehntel Neymar. Manchmal waren sie aber auch in Köpenick, was die Lizenzierung angeht und vor allem das Überleben, regelrechte Zahlen-Akrobaten. Inzwischen steht das auf einem halbwegs stabilen Fundament, auch wenn Covid-19 manches ins Wanken bringt. Nur nehmen sich die 2,5 Millionen Euro, die die Macher aus der Alten Försterei als historisch höchste Ablöse für einen Spieler bezahlten, für Abwehr-Haudegen Marvin Friedrich, als überaus seriös aus.

Für Marvin Friedrich zahlten die Eisernen bislang die höchste Ablöse.
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Top-Ablöse für die Eisernen

Mein Traum ist es, dass diese Summe auch in zehn Jahren noch die Top-Ablöse für ein Eisern-Ass ist und in der Alten Försterei trotzdem all die Zeit Erstligafußball gespielt wird. Dann wäre der Wunsch vieler nach einer halbwegs gerechteren Welt zumindest in diesem Punkt erfüllt.

So sehr mir der Traum gefällt, ein Traumtänzer bin ich nicht. Ja, die Welt hält ein wenig inne. Oder ist es damit schon wieder vorbei? Irre ich mich oder bekommen bereits wieder diejenigen Oberwasser, die den bislang fünfwöchigen Stopp nur als Atempause nutzen, als Durchschnaufen, um die Zukunft mit noch mehr Vehemenz anzusteuern?

Die Erfahrung sagt, dass der Mensch lernt. Auch und gerade aus Krisen. Auf den Fußball bezogen heißt das: Es ist vorbei mit dem Wahnsinn. Die Erfahrung sagt aber auch, dass der Mensch vergisst. Selbst nach Krisen. Und da, denke ich, wird der Wahnsinn sich wieder Bahn brechen.

Der Fußball wird bestimmt wieder Fahrt aufnehmen und den Turbo womöglich noch mehr reinhauen. Nicht in einem, vielleicht aber in zwei Jahren. Dann haben wir in geplagten Zeiten doch nichts dazugelernt. Leider.