Berlin - Schon bei der Heimkehr am Sonntag dachte Frank Stäbler angestrengt darüber nach, wie er dem unerwarteten Rückschlag eine positive Seite abgewinnen könnte. „Das war ein Weckruf vor Olympia“, sagte der dreimalige Ringer-Weltmeister nach seinem unfreiwilligen EM-Kurzeinsatz: „Mir wurde deutlich bewusst, wie besonders es ist, eine Medaille oder sogar Gold zu gewinnen.“

Um dieses Ziel bei den Spielen in Tokio trotz des frühen EM-Scheiterns nach nur einem Kampf zu erreichen, muss Stäbler seine Lehren aus dem missglückten Auftritt von Warschau ziehen. Deshalb kommt sogar der Ablauf der eigentlich schon bis ins kleinste Detail festgelegten Olympia-Vorbereitung noch einmal auf den Prüfstand.

Frank Stäblers Körper gibt weiteren Wettkampf nicht her

Der Plan des 31-Jährigen, der seine internationale Karriere nach Olympia beenden wird, sah die kontinentalen Titelkämpfe als ersten und letzten Härtetest vor. Das könnte sich nun ändern. „Eigentlich gibt es mein Körper nicht mehr her“, antwortete Stäbler auf die Frage, ob er in den knapp drei Monaten bis zu den Spielen nun doch noch einen Wettkampf einbaut: „Das wird aber alles in den nächsten Tagen analysiert und weiter geplant.“

Wie schnell die Planungen über den Haufen geworfen werden können, musste Stäbler in Warschau am eigenen Leib erfahren. Der Titelverteidiger unterlag in der Gewichtsklasse bis 72 Kilogramm gleich zum Auftakt des Wettkampfs im griechisch-römischen Stil dem Türken Selcuk Can und schied aus. „Es lief leider ganz anders als geplant. Es war ein sehr schwieriger erster Kampf, in den ich irgendwie nicht richtig reingekommen bin“, sagte Stäbler: „Dann bin ich in einen Schwunggriff gefallen – das ist mir das letzte Mal vor neun Jahren passiert.“

Die Unaufmerksamkeit führte dazu, dass die Fragezeichen hinter der Verfassung des deutschen Vorzeigeringers größer geworden sind. Denn obwohl Stäbler nach seiner Corona-Infektion vor einem halben Jahr wieder genesen ist, haben ihm die Pandemie und seine chronischen Schulterprobleme fraglos mächtig zugesetzt. Deshalb bezeichnete Stäbler die EM im Vorfeld als „ultimativen Test“ nach einem Jahr ohne Wettkampf.

Harte Diät, um in die Gewichtsklasse zu kommen

Dass dieser Test in die Hose ging, stimmte den Schwaben nachdenklich. Das eigentlich unerschütterliche Selbstvertrauen Stäblers, der bei Olympia in der Klasse bis 67 Kilogramm antritt und deshalb auch noch vor der Tortur einer harten Diät steht, hat gelitten. „Gewinnen ist einfach keine Selbstverständlichkeit – auch wenn es bei mir in den vergangenen Jahren danach ausgesehen hat“, gab der Musberger zu Protokoll.

Grund für allzu viel Pessimismus sieht die Spitze des Deutschen Ringer-Bundes (DRB), die sich kurz vor dem Ende der Qualifikation über bisher sieben Olympiastarter freuen darf, allerdings nicht. „Das EM-Aus muss nicht unbedingt ein Beinbruch sein“, sagte DRB-Präsident Manfred Werner, der auf „ein bis zwei“ Olympiamedaillen hofft: „Ich glaube, das war nur ein Ausrutscher, der auch zu etwas gut sein könnte. Frank und sein Team werden die richtigen Lehren ziehen.“