Saint-Lary-Soulan - Die englischen Fußballfans müssen nach dem verlorenen EM-Finale und nun schon 55 Jahren Schmerz weiter leiden, die Franzosen haben mit ihrem Nationalheiligtum ähnlichen Kummer. Bereits 36 Jahre ist es her, dass in Bernard Hinault einer der ihren die Tour de France gewonnen hat. Und die Grande Nation muss sich wohl noch viele weitere Jahre gedulden, sagt ausgerechnet der bisher letzte Sieger.

Hartes Urteil von Bernard Hinault

„Von der aktuellen Generation wird kein Franzose die Tour gewinnen. Es mag hart und gemein sein, das zu sagen, aber wir müssen ehrlich sein. Sie sind nicht die Besten in den Bergen und sie sind nicht die Besten im Zeitfahren“, sagte Hinault. Und das vernichtende Urteil des kernigen Bretonen, 66, trifft perfekt die Realität. Vor der letzten Bergetappe befand sich Guillaume Martin als einziger Franzose in den Top Ten.

Der Teamkollege des Berliners Simon Geschke hatte zuvor leichte Hoffnungen auf eine Podiumsplatzierung in Paris gesorgt, als er auf einer Ausreißeretappe einen Sprung auf Platz zwei des Gesamtklassements gemacht hatte. Doch der studierte Philosoph patzte schon am folgenden Tag und verlor ausgerechnet in einer Abfahrt den Anschluss an die Favoritengruppe.

Den eigentlichen Hoffnungsträger hatte es bereits in der Provence erwischt. David Gaudu, der mit seinen 1,73 Metern und der schwarz umrandeten Brille optisch an Harry Potter erinnert, stoppten auf der Ventoux-Etappe heftige Magenprobleme.

Thibaut Pinot ist eine tragische Figur

Frankreichs eigentlicher Liebling und auch tragische Figur ist in diesem Jahr gar nicht dabei. Thibaut Pinot gehört in Top-Form zu den besten Bergfahrern der Welt, war 2014 mal Dritter bei der Tour. Und 2019, so schien es, sollte das Jahr der Erlösung sein. Pinot war in den Bergen klar der beste Fahrer, wurde dann jedoch von einer Oberschenkelverletzung gebremst.

Noch ist Pinots Zeit nicht vorbei, schließlich ist der Profi erst 31 Jahre alt. Doch in diesem Jahr fehlt er wieder verletzt und nutzt die Zeit zur Reflexion. Der Zeitung Le Parisien gab Pinot kürzlich ein beeindruckendes Interview, in dem er über all den Druck, all die Dramen und all die Leiden redete, die ihm der Radsport und auch die Erwartungshaltung seiner Landsleute bereitet haben.

Kehrt Pinot zurück, werden ihm die Tour-Organisatoren mit der Streckenführung sicherlich entgegenkommen wie 2019 mit der sehr berglastigen Rundfahrt. In diesem Jahr wäre die Streckenführung eigentlich etwas für Julian Alaphilippe gewesen. Hügelige Zeitfahren und nur drei Bergankünfte – besser konnte man es für den Weltmeister kaum vorbereiten, ohne unfair zu werden.

Doch Alaphilippe kam etwas anderes dazwischen. Kurz vor der Tour wurde sein Sohn Nino geboren, der 29-Jährige war von seinem privaten Glück wohl etwas zu sehr abgelenkt. Doch wer weiß, vielleicht wird ja Nino eines Tages der Nachfolger von Hinault.