Frankfurt - Zuletzt hat Joachim Löw beim Spitzenspiel zwischen dem FC Bayern und Borussia Dortmund (4:2) mal wieder live in der Münchner Arena gesehen, wie unterhaltsam deutscher Fußball sein kann. Der Bundestrainer kam als stiller Beobachter für den Fernsehzuschauer wiederholt ins Bild. Mit Mantel geschützt gegen die Kühle, auch die Maske saß ordnungsgemäß. Nun aber stehen einige Münder offen: Dass der Deutsche Fußball-Bund (DFB) am Dienstag verkündete, Löw beende seine Langzeittätigkeit nach der Europameisterschaft in diesem Sommer, ist ein Paukenschlag. Angeblich bat der 61-Jährige selbst um die Verkürzung des bis 2022 datierten Vertrags. Da coacht einer also demnächst drei WM-Qualifikationsspiele gegen Island (25. März), in Rumänien (28. März) und gegen Nordmazedonien (31. März), obwohl die WM 2022 in Katar ein anderer angeht.

„Einer der größten Trainer im Weltfußball“

Seine Beweggründe will „einer der größten Trainer im Weltfußball“ (DFB-Präsident Fritz Keller) am Donnerstag zusammen mit dem Verbandschef erläutern. Keller äußerte Respekt vor der Entscheidung. „Dass er uns frühzeitig über seine Entscheidung informiert hat, ist hoch anständig. Er lässt uns als DFB somit die nötige Zeit, mit Ruhe und Augenmaß seinen Nachfolger zu benennen.“ Die beiden badischen Genussmenschen waren in der missglückten Krisenbewältigung nach dem Spanien-Debakel noch heftig aneinandergeraten.

Löw teilte nun ohne jede Verbitterung mit, es sei eine Ehre gewesen, sich derart „für mein Land zu engagieren“.  Er habe insgesamt 17 Jahre „mit den besten Fußballern des Landes arbeiten“ dürfen. Löw bereitete dem Land viel Freude, irgendwann passte sein ästhetischer Anspruch perfekt zu einer begnadeten Generation. Dass es zwischendurch ruckelte, verschwieg der dienstälteste Nationalcoach der Welt nicht: „Mit ihnen verbinden mich große Triumphe und schmerzliche Niederlagen.“ Alles gipfelte im magischen Moment mit dem Gewinn der Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien.

Tatsächlich hätte es der mitunter schwer durchschaubare Fußballlehrer ohne die von höchster Stelle unter verschiedenen Präsidenten eingeräumten Freiheiten kaum so lange auf dem Posten ausgehalten. Löw war mit seiner Weitsicht und Gelassenheit der Gegenentwurf in einer hyperaktiven Branche, die mitunter auf Vereinsebene nach einzelnen Ereignissen gnadenlose, übereilte Urteile fällt. Nicht viele Nationaltrainer hätten einen Fehler überlebt wie Löw beim vercoachten EM-Halbfinale 2012, als er glaubte, gegen Italien die gesamte Statik seiner eingespielten Elf verändern zu müssen. Und dann ist da ja auch die WM 2018, als der Ballbesitzfußball seiner Mannschaft ungefähr so unpassend wirkte wie das Bild ihres Trainers vor einer Laterne in Sotschi.

Es dauerte Wochen, bis Löw nach dem historischen Vorrundenaus endlich eine Analyse auftischte, bei der er seinen eigenen Ansatz als „fast schon arrogant“ geißelte. Wieder aber ging der Umbruch zu langsam vonstatten: Erst als die Spanier im Herbst 2018 die DFB-Elf übertölpelten, setzte der Bundestrainer wirklich auf die junge Garde – und sortierte mit Mats Hummels, Jerome Boateng und Thomas Müller drei Weltmeister aus.

Die Umfragewerte sind auf einem Tiefpunkt

Die Umfragewerte des Bundestrainers waren zuletzt auf einem Tiefpunkt. Bei der Lehrstunde von Sevilla wirkte Löw fast apathisch. Aus dem 2004 von Jürgen Klinsmann als Assistent eingebundenen Fußballlehrer, der beim Sommermärchen 2006 instinktsicher die Taktik vorgab, schien zuletzt ein Würdenträger geworden zu sein, dem das Gespür abhandenkam. Vielleicht hat die Corona-Krise diese Distanz einfach noch verstärkt.

Mit Löws Entschluss könnte allen geholfen sein. Der Weltmeistertrainer versicherte, für die bevorstehende Europameisterschaft „weiterhin den unbedingten Willen sowie große Energie und Ehrgeiz“ zu verspüren. Die Gruppenspiele gegen Weltmeister Frankreich, Europameister Portugal und Außenseiter Ungarn könnten herausfordernder kaum sein, aber immerhin qualifizieren sich auch vier Gruppendritte fürs Achtelfinale. Keller siedelt die DFB-Auswahl im Halbfinale an, Löw hat dieses Ziel noch nicht formuliert. Diskutiert wird ohnehin etwas ganz anderes: Wer könnte Löw beerben?

Der intern geschätzte U21-Nationaltrainer Stefan Kuntz hat allenfalls Außenseiterchancen.  Anbieten würde sich zuerst Hansi Flick, ehemaliger Löw-Assistent, aber der bayerische Branchenprimus wird ihn kaum hergeben. Und Flick wird genau abwägen, welches Personal ihm perspektivisch beim Verein und Nationalteam zur Verfügung steht. Jürgen Klopp erteilte sofort eine Absage. „Jogi hat einen großartigen Job gemacht, er ist der beste Coach, den wir jemals hatten. Ich werde im oder nach diesem Sommer nicht als möglicher Bundestrainer zur Verfügung stehen“, stellte der Meistermacher vom FC Liverpool klar.

Alles könnte auf Ralf Rangnick hinauslaufen

Daher könnte alles auf einen anderen Schwaben hinauslaufen: Ralf Rangnick, derzeit ohne Job. Der Baumeister der Projekte bei der TSG Hoffenheim und RB Leipzig ist interessiert, würde das Jobprofil aber gerne viel umfassender interpretieren. Bei Nachwuchsarbeit, Trainerausbildung und Langzeitkonzepten würde der 62-Jährige sofort mitreden wollen – das sind Schnittstellen in Bierhoffs Bereich. Deshalb muss der DFB-Direktor Nationalmannschaften und Akademie ausloten, ob er solche Einmischung duldet, die bestimmt nicht zum Schaden des deutschen Fußballs wäre. Rangnick ist allerdings keiner, der viele Kompromisse macht. Kraftproben mit der Liga würden unweigerlich kommen. Die Kardinalfrage lautet, ob sich der Verband einen weiteren umkrempelnden Reformer wie einst Klinsmann leistet.