Trainer Steffen Baumgart dirigiert einen wackeren Aufsteiger.
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BerlinDas wurde aber auch höchste Zeit. Endlich, endlich hat der SC Paderborn mal gespielt wie ein Absteiger. Konnte man ja kaum noch hören, diese ewigen Lobhudeleien über die tapferen, angriffsfreudigen, niemals aufsteckenden, aber vom Pech verfolgten Westfalen, die zwar dem Untergang geweiht, aber trotzdem nicht zu faden Kompromissen wie hinten dicht machen, Spiel verschleppen, Risiko minimieren oder Ähnlichem bereit waren. Immer voll drauf, so die Devise der Spieler und ihres Trainers Steffen Baumgart, der nach dem deprimierenden 1:5 gegen Werder Bremen am Sonnabend erstmals in dieser Saison so etwas wie Unmut über sein Team erkennen ließ und den Abstieg quasi für besiegelt erklärte.

Bis dahin hatten sie sich nach den vielen knappen Niederlagen stets auf die Schulter geklopft für ihre couragierten Auftritte, und Baumgart wurde nicht müde, den Kampfgeist und Esprit seiner Truppe zu preisen. Sogar nach einer klaren Schlappe sah er konsequent das Positive, wie nach dem 1:6 gegen Borussia Dortmund, als er die Leistung der ersten Halbzeit lobte, nach der es noch 0:0 gestanden hatte. Keine andere Mannschaft freute sich so unverblümt über vergebene Großchancen: Klar, hätte man besser machen können, aber war das nicht ein Superangriff? Daumen hoch und auf ein Neues! In der Bundesliga-Tabelle der abgegebenen Torschüsse liegt der SC Paderborn auf Platz fünf, auch gegen Bremen waren es 18 Versuche gegenüber elf von Werder. Nur bei der Effizienz sind die Paderborner abgeschlagenes Schlusslicht. Aber nicht jeder hat eben einen Erling Haaland.

23 Mal geriet das Team in Rückstand, keine einzige dieser Partien wurde gewonnen. Lediglich vier Siege gab es bisher, womit sie immerhin schon besser sind als der SC Freiburg in der Saison 2004/05 mit nur drei Erfolgen oder die beiden Kirchenmäuse der Ligageschichte, Tasmania 1900 und der Wuppertaler SV, die bei ihren Abstiegen 1966 beziehungsweise 1975 bloß zweimal als Gewinner vom Platz gingen. Irgendwann muss man auch mal punkten, wollte man Baumgart oft zurufen, wenn der während des Spiels so reizbare und kratzbürstige Trainer anschließend wieder ganz entspannt eine schmerzliche Niederlage in ein moralisches Erfolgserlebnis umdeutete.

Andererseits: Warum eigentlich meckern? Was hatte der SC Paderborn schon zu verlieren? Den meisten galt er vor der Saison ohnehin als sicherer Absteiger. Wieso dann nicht einfach die Saison so gut wie möglich genießen, attraktiven und ambitionierten Fußball spielen, die anderen ein wenig ärgern und ohne jede lästige Trainerdiskussion und unnötiges Drama wieder zurück in die Zweite Liga spazieren. Wo doch Siege ohnehin überschätzt werden, wie zum Beispiel Eintracht Frankfurt erfahren musste, als man 2001 mit stolzen zehn Spielgewinnen nur auf Platz 17 landete. Und was Unentschieden wert sind, weiß man bei Arminia Bielefeld, Absteiger 2009 mit 16 Punkteteilungen. Dann doch lieber alles oder nichts.

Den Titel des draufgängerischsten und spektakulärsten Absteigers dieses Jahrtausends kann den Paderbornern jedenfalls keiner nehmen, und schon der erste Spieltag der Saison war eine Blaupause dessen, was folgen sollte. Abgesehen davon natürlich, dass Mittelfeldspieler Klaus Gjasula damals gegen Bayer Leverkusen nicht nur seinen Helm trug, sondern offenbar auch einen Schafspelz. So war es eine der wenigen Partien, in denen der seit Sonnabend mit 17 Exemplaren neue Gelbe-Karten-Rekordhalter der Liga ohne Verwarnung davonkam. Ansonsten stürmte sein Team beim Favoriten munter drauflos, glich zweimal einen Rückstand aus und verlor am Ende doch unglücklich mit 2:3. „Wir sind für jeden Gegner eklig“, weissagte Torschütze Streli Mamba völlig zu Recht, und der heisere und erschöpfte Trainer Steffen Baumgart sprach nach dem Schlusspfiff einen Satz, der für die gesamte Spielzeit Gültigkeit behalten sollte: „Wenn man das Ergebnis weglässt, kann man zufrieden sein.“