Folklore und Konsum: Fans der deutschen Fußball-Nationalelf bei einem Länderspiel.
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BerlinEs verhält sich kaum anders als bei dem Schokoriegel, der Gesundheit, der eine Extraportion Milch verspricht. Fußball ist ein Geschäft. Es lebt zu einem Gutteil davon, dass der Konsument genau das nicht merkt. Folklore überdeckt die Gewinnmaximierung wie die Milch den maximalen Gehalt an Zucker.

Eine Extraportion Folklore wird nun an diesem Freitag an die Kundschaft ausgeteilt. Oder korrekter: ausgelost. Der europäische Fußballverband Uefa bestimmt in Nyon die Gruppen der Europa League. Für die Bundesliga befinden sich Bayer Leverkusen und die TSG 1899 Hoffenheim in einem der Töpfe. Übrigens auch die Mannschaft von Leicester City, die somit als Gegner in Betracht kommt.

Vermutlich verfällt niemand auf die Idee, sich darüber zu beschweren, obwohl in Großbritannien die Corona-Pandemie wieder anzieht. Womöglich auch nicht über eine zugeloste Dienstreise nach Israel oder Belgien, wo das Virus ebenfalls grassiert. Aufregung herrscht vielmehr um die Abstellung von Nationalspielern für die Länderspiele in der kommenden Woche.

Die Bundesligisten opponieren gegen den Weltverband Fifa. Der will, anders noch als im September, die generelle Abstellungspflicht nicht aufheben. Schließlich stehen jetzt auch Partien zur WM-Qualifikation an. Die Bundesligisten befürchten, dass insbesondere aus Südamerika zurückkehrende Mitglieder ihrer Kader in Quarantäne müssen und eventuell ein Pflichtspiel verpassen könnten.

Aus dieser Perspektive sind Fußballprofis Humankapital. Schlimm genug, wenn es durch eine Verletzung gemindert wird. Aber es durch Abstellung für Auswahlteams im direkten Wettbewerb mit anderen Fußballanbietern zeitweise zu verlieren, ist offensichtlich nicht akzeptabel. Der werbliche Gegenwert, einen Nationalspieler etwa für die Begegnung Brasilien gegen Bolivien abzustellen, erscheint nicht hoch genug, erfordert zumindest aber eine genaue Abwägung.

Das war so weit erst einmal Zucker bei die (Milch-)Schnitte. Weniger wirtschaftlich, eher fußballfolkloristisch gesprochen, holt die Vereine wieder einmal jener Fluch ein, den sie durch eine mutmaßlich segensreiche Vermehrung des Spielbetriebs selbst heraufbeschworen haben. In einer engen Taktung von Begegnungen wiegt der Ausfall eines Spielers für die Fans schwer. Sie wollen in jeder Partie den maximalen Fußballgehalt. Es ist wie beim Schokoriegel: Für die Illusion von Milch wird ein Übermaß an Zucker stillschweigend akzeptiert.