Als Yahya Hawa vor zwei Jahren nach Berlin kam, war für ihn das Schlimmste, dass er keinen Fußball spielen konnte. In seinem Leben war kein Platz für Sport und Spaß.

Yahya Hawa ist 23 Jahre alt, athletisch gebaut, konzentriert sich sehr beim Sprechen der neugelernten Sprache und sagt Dinge wie: „Ich kann ohne Fußball nicht leben.“ Wie viele Geflüchtete setzte er sich damals in Damaskus in einen Bus Richtung Libanon, nahm von dort ein Flugzeug in die Türkei, stieg dann mit vielen anderen ein Boot, kam über das Meer nach Griechenland. Mit Bussen und Zügen fuhr er weiter. Elf Tage dauerte es, bis er Berlin erreichte. Das mit dem Boot sei gefährlich gewesen, sagt er, aber er glaubt, dass es aus gutem Grund passiert: „In der Zukunft wird immer alles besser werden.“

50 Spieler für den Syrischen SV

Eigentlich wollte Hawa gar nicht in Berlin bleiben, es war fast aussichtslos eine Bleibe zu finden. Doch Einwanderer dürfen die Stadt, in der sie registriert sind, nicht verlassen. Durch Zufall konnte er nach 18 Monaten im Flüchtlingsheim die Wohnung eines Syrers am Südkreuz übernehmen und mit zwei Freunden eine WG gründen. Dann fand er auch sportlich eine zweite Heimat, den Syrischen SV.

Auch dies schien alles aus einem guten Grund zu passieren, wie so oft war es eine Person, die zur richtigen Zeit am richtigen Ort war: Mustafa Gumrok. Zuerst waren es ein paar Jungs gewesen, die sich im Park zum Kicken trafen, erst zehn, irgendwann zwanzig. Bis Gumrok den FC Karame aus dem Tiefschlaf weckte und unter dessen Dach den Syrischen SV gründete. Derzeit sind fünfzig Spieler in zwei Mannschaften aktiv, eine in der Freizeitliga, eine als FC Karame in der Kreisliga C, Staffel 4.

Zwei wichtige Dinge

Gumrok, pensionierter Ingenieur, lebt seit 1971 in Berlin, war zwanzig Jahre Geschäftsführer eines türkischen Vereins der Stadt, ist seit 1982 Mitglied im Berliner Fußball-Verband (BFV) und dort jetzt im Beirat. Er ist selber in Syrien geboren. Es könnte keinen Besseren geben, um einen syrischen Fußballverein zu gründen, um Geflüchteten eine erste Perspektive zu bieten. „Für eine gute Integration braucht man zwei Dinge“, sagt Gumrok, „eine Wohnung und Sport.“

Mit seinen Unterlagen in der Hand steht er auf dem Fußballplatz an der Behmstraße, Gesundbrunnen, dem Zuhause des Syrischen SV. Zwei Trainingstermine haben sie hier vom BFV bekommen, einen dritten im Poststadion, Moabit. Das Gespräch mit Gumrok wird im Minutentakt unterbrochen, jeder Spieler begrüßt ihn per Handschlag. Einer steckt ihm ein Passfoto zu. „Er wird unser erster Schiedsrichter, am Wochenende pfeift er sein erstes Spiel“, sagt Gumrok, der Mann zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Als im Sommer 2015 besonders viele Flüchtlinge Berlin erreichten, wurde aus den kickenden Jungs im Park der Syrische SV. Viele von ihnen spielen bis heute Fußball zum Spaß, auf mäßigem Niveau. „So hat man es oft schwer, in anderen Fußballvereinen anerkannt zu werden. Hier können die Jungs erst mal Selbstvertrauen gewinnen“, sagt Gumrok.

Tore für den Aufstieg

Das hat auch Hawa gefallen: „Ob auf der Auswechselbank oder in der Startelf, unser Trainer sagt immer, alle Spieler sind gleich wichtig.“ Bevor der Mittelfeldspieler nach Berlin kam, stieg er mit seinem Team in Damaskus in die zweite Liga auf. Ein Aufstieg könnte ihm nun wieder gelingen, solange sie den dritten Tabellenplatz halten. Hawa tut alles dafür. Stolz berichtet er von seinen bisher fünf Saisontoren.

Manche in Hawas Team waren Profis in Syriens erster Liga. So wie Kais Al Zouabi. Er kam im Juli 2014 nach Deutschland, um ein Bauingenieursstudium fortzusetzen, das er in Damaskus begonnen hatte. „Ich musste für mich die Entscheidung zwischen Fußball oder Studium und Arbeit treffen. Jetzt spiele ich Fußball zum Spaß“, sagt der 25-Jährige. Er hat zwei Semester in Bremen studiert, doch er sagt, in Berlin falle es ihm leichter, sich zu integrieren: „Die Vielfalt, das Multikulti, die Mentalität, das ist alles ganz anders, zumindest im Vergleich zu Bremen.“ Dass er nach Berlin kam, hatte also auch einen guten Grund.

Die Jungs sollen auch in anderen Vereinen unterkommen

Al Zouabi konnte in zwei Sprachkursen gleichzeitig Deutsch von Grund auf lernen, vor- und nachmittags jeweils drei Stunden. Er studierte, war parallel als freiwilliger Helfer im Flüchtlingsheim tätig, beantragte dann zwei Urlaubssemester, arbeitete ein Jahr im Bereich Integration, hat viel geschafft in den Jahren. Und das ohne seine Familie.

Wie Yahya Hawa ist Al Zouabi in Berlin auf sich allein gestellt. Halt gibt ihm der Syrische SV, der Verein, das Auffangbecken, das Sprungbrett in ein eigenständiges Leben. „Wir wollen sie hier nicht halten“, sagt Mustafa Gumrok, „die Jungs sollen auch in andere Vereine wechseln und vielleicht irgendwo besseren Fußball spielen.“ Und wenn das passiert, dann sicher aus gutem Grund.