Ein kurzer Blick zurück: Sebastian Andersson ist auf dem Sprung vom 1. FC Union zum 1. FC Köln.
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Berlin-KöpenickEigentlich sollte jede Transfer-Diskussion über Sebastian Andersson bereits vor einem Monat beendet sein. Mitte August lief die Ausstiegsklausel des schwedischen Stürmers beim 1. FC Union aus – und nicht nur Sportchef Oliver Ruhnert und Trainer Urs Fischer rechneten seitdem fest mit einem weiteren Jahr des 29-Jährigen in Diensten der Eisernen. Doch so, das hätte man eigentlich auch schon vorher wissen können, funktioniert das Geschäft Fußball eben nicht. Sofern der für Dienstag anberaumte Medizincheck problemlos über die Bühne geht, wechselt Andersson für sechs Millionen Euro zum 1. FC Köln.

Im Jahr 2018 hatten die Eisernen Andersson noch ablösefrei vom 1. FC Kaiserslautern losgeeist. Der Schwede dankte es Union mit zwölf Treffern, die er zum Aufstieg beitrug, ehe er auch in der ersten Bundesligasaison der Köpenicker Vereinsgeschichte zwölf Tore beisteuerte und so maßgeblich am Klassenerhalt beteiligt war. Doch der gebürtige Ängelholmer wirkte oft kühl und in der Aufstiegssaison. Als er sich mit Sebastian Polter phasenweise ein offenes Duell um den Stammplatz im Sturmzentrum lieferte, erweckte er den Eindruck, als könne er nur befreit aufspielen, wenn er das uneingeschränkte Vertrauen des Trainers und seiner Mitspieler verspürt.

Andersson offenbarte professionelle Distanz

Dazu kam, dass sich Andersson ausgerechnet beim familiären 1. FC Union immer eine professionelle Distanz bewahrte. Auf dem Feld gab er alles für den Verein, doch nach den Spielen machte er keinen Hehl daraus, dass die Eisernen für ihn ein Beruf, keinesfalls aber eine Berufung sind. So gab er im Frühjahr 2020 offen zu, dass seine vorzeitige Vertragsverlängerung nicht als Treuebekenntnis zu verstehen sei, sondern als wirtschaftliche Absicherung für sich, seine Familie und auch den Verein, der nur bei einem laufenden Vertrag Ablöse für ihn kassieren könne. Das klang hart, für Fußballromantiker fast herzlos – aber eben auch realistisch und ehrlich.

Diese kühle nordische Klarheit wird an der Alten Försterei nach seinem Abgang irgendwie fehlen, genauso wie seine Tore – natürlich! Pessimisten malten nach dem knochentrockenen Pokal-Auftritt der Union-Offensive beim Karlsruher SC, wo Andersson schon nicht mehr im Kader stand, ein düsteres Bild von der kommenden Bundesligasaison der Eisernen. Ohne den Schweden, hieß es, werde im Sturm nur wenig gelingen. Dringend müsse adäquater Ersatz her. Philipp Hofmann zum Beispiel, der in der vergangenen Zweitligasaison 17 Treffer für den KSC erzielt hat. Der 27-Jährige passt, zumindest auf dem Papier, perfekt. Er ist einige Zentimeter größer und einige Kilogramm kräftiger als Andersson, dazu zwei Jahre jünger. Sportchef Oliver Ruhnert kennt ihn aus seiner Zeit beim FC Schalke 04, mit Mittelfeldflitzer Andy Gogia kickte Hofmann einst in London beim FC Brentford. Doch rechnet man in Karlsruhe offenbar mit einer Ablöse von etwa vier Millionen Euro. Eine mächtige Stange Geld für einen Stürmer, der seine Torgefahr noch nie in einer ersten Liga unter Beweis stellen konnte.

Überhaupt müssen sich die Eisernen die Frage stellen: Will man Sebastian Andersson überhaupt eins zu eins ersetzen? Bietet sein Abgang nicht die perfekte Chance, das eigene Spiel endlich variabler, unberechenbarer und vielleicht sogar attraktiver zu gestalten? Mit dem Schweden im Sturm war die spielerische Herangehensweise oft weitestgehend klar: Defensiv standen die Eisernen bombenfest, offensiv ging der lange Ball zunächst zum baumlangen Andersson, der die Kugel dann an Marius Bülter, Marcus Ingvartsen oder einen anderen Mitspieler verteilte oder eben selbst abschloss. Das funktionierte, weil die Unioner diese Abläufe hochkonzentriert herunterspielten und sich oft auch von großen Namen nicht einschüchtern ließen.

Nur: Schon zum verspäteten Saisonende im Sommer wurde deutlich, dass große Teile der Liga dieses System schon durchschaut hatten. Und wenn Trainer Urs Fischer auf die Frage nach einer spielerischen Weiterentwicklung seiner Mannschaft leicht genervt erwidert, dass man „vor lauter Entwicklung das Tagesgeschäft, den Klassenerhalt, nicht vergessen“ solle, unterschätzt er, wie sehr die Entwicklung den Klassenerhalt bedingt.

Durch den Abgang von Sebastian Andersson sind die Unioner gezwungen zu reagieren. Sie können den leichten, jedoch auch ziemlich Union-untypischen Weg gehen und viel Geld für einen vergleichbaren Stürmer ausgeben. Oder sie nehmen die Herausforderung an und nutzen den Abgang des Aufstiegshelden sowie die langfristigen Ausfälle von Anthony Ujah und Max Kruse, um sich selbst weiterzuentwickeln, gesunde Angreifer wie Cedric Teuchert, Marcus Ingvartsen oder Marius Bülter ihren Stärken entsprechend besser in Szene zu setzen und die Liga auch in dieser Saison auf dem falschen Fuß zu erwischen.