Berlin - Eriwan ist nicht die Endstation. Für Hansi Flick und Oliver Bierhoff geht das Fußball-Jahr 2021 noch weiter. Katar ist längst in den Köpfen des Bundestrainers und des DFB-Direktors – und auch in deren Terminkalendern. Noch vor Weihnachten will Flick nach Doha reisen, um sich selbst ein Bild zu machen, was möglich ist bei der WM am Golf in zwölf Monaten. Turnierlogistik und das große Thema Menschenrechte sind die Herausforderungen. Ganz oben auf der Prioritätenliste steht nach dem Abschluss in der WM-Qualifikation mit dem Gastspiel in Armenien am Sonntag die Hotelsuche. Kein leichtes Unterfangen, wie Bierhoff berichtet.

Das Teamquartier: Der Mythos vom Campo Bahia ist mittlerweile auch eine Bürde. Das perfekte WM-Hotel am brasilianischen Atlantikstrand wurde mit dem von Bierhoff in Bau gegebenen Hüttenkomplex zum Basislager des WM-Triumphes 2014. Vier Jahre später verstrickte sich der damalige DFB-Präsident Reinhard Grindel in den Interessen ranghoher russischer Politiker. Joachim Löw landete im Moskauer Vorstadt-Wald in Watutinki statt wie gewünscht am Schwarzen Meer in Sotschi – mit dem frühen WM-K. o. als allseits bekanntem Ausgang.

Starke Konkurrenten warten in der WM-Gruppe

Und in Katar? Die Fifa verschickte schon ein Hochglanzprospekt mit Hotels und Trainingsplätzen. Aber: „Das Angebot ist begrenzt“, sagte Bierhoff nach ersten Inspektionen. „Gute Trainingsbedingungen, ein Hotel, wo man für sich ist“, nannte Flick die Kriterien. Und vor allem kurze Wege zwischen Herberge und Trainingsplatz. Vermutlich zieht es den DFB-Tross in eine Anlage nördlich von Doha, abseits des großen WM-Rummels.

Das Länderspiel-Programm: Thomas Müller sprach die Wahrheit schonungslos aus. „Man muss immer ein bisschen relativieren, dass wir jetzt natürlich keine extrem schwierigen Gegner in unserer Gruppe haben.“ Rumänien, Nordmazedonien, Armenien, Island und Liechtenstein. Diese Gegner-Kategorie wird 2022 für Flick keine Rolle spielen. Für die WM ist Deutschland nicht im besten Lostopf. Ein Kontrahent der Kategorie Brasilien, Italien, Frankreich wartet schon in der Gruppenphase.

Das Programm Richtung Katar steht fest. Im März soll es zwei Testspiele gegen Hochkaräter geben. Benannt werden die Gegner erst nach der Auslosung der Nations League am 16. Dezember, um Dopplungen in der Vorbereitung zu vermeiden. Im Juni gibt es gleich vier Partien und im September noch weitere zwei in dem Europa-Wettbewerb. Deutschland ist in Lostopf zwei und bekommt auf jeden Fall einen starken Kontrahenten: Italien, Frankreich, Belgien, Spanien sind die Optionen aus dem besten Topf. Das ist die Kategorie, die dann auch Müller als schwierigen Gegner bezeichnen würde.

Das Personal: Leistung zählt. Dieses Flick-Dogma wird auch im WM-Jahr Gültigkeit haben. Der Bundestrainer will seinen Einfluss dabei nicht auf die nur noch drei Lehrgangsoptionen im März, Juni und September begrenzen. Hausaufgaben für die Nationalmannschaft müssen auch im Club-Alltag erledigt werden. „Es liegt in der Verantwortung der Spieler selbst. Wir wollen einen Anstoß geben“, sagte Flick zu seiner ungewöhnlichen Maßnahme, die auch in die Hoheit der Club-Trainer wie Julian Nagelsmann, Thomas Tuchel oder Pep Guardiola eingreift. Die Mehrzahl der 23 WM-Plätze ist nach jetzigem Stand praktisch vergeben – Leistungsschwankungen oder Verletzungen natürlich ausgenommen.

Katar und sein Umgang mit den Menschenrechten

Die Moral: Erst kommt das Kicken, dann die Moral. Dieser abgewandelte Spruch von Bertolt Brecht ist für die Fußball-Branche ein Grundvorwurf im WM-Jahr. Einen Turnier-Boykott fordert niemand mehr, aber der richtige Umgang mit den unzureichenden demokratischen Standards im Gastgeberland bleibt für alle WM-Akteure eine Prüfung. Transparente, Regenbogenbinde und Kniefall waren die Aktionen 2021. Je näher die WM rückt, desto lauter werden die Rufe nach klaren Positionierungen der Fußball-Stars gegen Homophobie und Arbeiterausbeutung am Golf werden. „Die Fifa, der DFB, alle können und müssen Druck ausüben“, forderte der Vorsitzende von Human Rights Watch, Wenzel Michalsky.