Berlin - Schon vor dem Start in die Mission Fußball-Wunder gab es den ersten Dämpfer. Ohne Erling Haaland traten die Dortmunder Profis die Reise Richtung Schottland an. Anders als erhofft, muss der BVB auch im Zwischenrunden-Rückspiel der Europa League am Donnerstag (21 Uhr/RTL) bei den Glasgow Rangers auf den Torgaranten verzichten. Das wiegt ähnlich schwer wie die 2:4-Hypothek aus dem ersten Duell. Dennoch machte Sportdirektor Michael Zorc aus seiner Erwartungshaltung keinen Hehl: „Ich habe gesagt, wenn die Mannschaft Eier hat, dreht sie das Spiel. Es ist Halbzeit, wir liegen 2:4 hinten und haben die Aufgabe, das zu drehen. Jeder weiß, was das bedeutet.“

Dem Bundesliga-Zweiten steht ein ultimativer Charaktertest bevor. Im mit 50.000 Zuschauern gefüllten und für seine hitzige Stimmung bekannten Ibrox-Stadion sind bedingungslose Einsatzbereitschaft und mentale Stabilität gefragt. Beides gehört nicht gerade zu den größten Stärken der als launischen Diva bekannten Borussia. Gleichwohl klang Kapitän Marco Reus vor dem Showdown im Hexenkessel ungewohnt kämpferisch: „Wir haben ein Endspiel, uns erwartet ein Kampf – und wir werden bereit sein.“ Mitstreiter Julian Brandt drückte es in westfälisch unverblümter Manier aus: „Wir müssen versuchen, die Sch... auszulöffeln.“

Noch ist der Ärger der Vereinsbosse über das peinliche 2:4 im Hinspiel nicht verflogen. Daran ändert auch der zwischenzeitliche 6:0-Kantersieg über Borussia Mönchengladbach nichts. Nur ein längerer Verbleib in der Europa League kann dazu beitragen, den durch den frühen Knock-out in der Champions League entstandenen finanziellen Schaden zu lindern und das angekratzte Image wieder aufzubessern. Der für sein großes Kämpferherz bekannte Jude Bellingham kündigte entschiedenen Widerstand an. „Es gibt keine Person in dieser Umkleidekabine, die aufgeben wird. Ich werde das nicht zulassen“, sagte der englische Nationalspieler bei BT Sport.

Viel wird davon abhängen, ob die Borussia ihre chronische Abwehrschwäche ablegen kann. Die Ausfälle von Manuel Akanji und Dan-Axel Zagadou machen es Trainer Marco Rose auf seiner Suche nach mehr Stabilität für sein Team jedoch nicht leichter. Gut möglich, dass er wie schon zuletzt gegen Gladbach erneut auf eine Dreierkette setzt – mit dem nach verstörenden Interviews eigentlich in Ungnade gefallenen Marin Pongracic als Zagadou-Ersatz. „Zwei Tore im Ibrox-Park vor 50.000 Zuschauern aufzuholen, ist eine schwierige Aufgabe. Aber wir werden versuchen, die Chance wahrzunehmen, die wir noch haben“, kommentierte Rose.

Lediglich fünf ihrer vergangenen 30 Europapokal-Spiele haben die Rangers daheim verloren. Für den BVB könnte es von Vorteil sein, dass die alte Europapokal-Arithmetik der Uefa nicht mehr greift. Weil die Anzahl der Auswärtstore bei Gleichstand nach zwei Duellen nicht mehr ausschlaggebend ist, genügt ein Sieg mit zwei Toren Unterschied, um in die Verlängerung einzuziehen. Rose hofft inständig, dass seine launische Mannschaft nach der 6:0-Gala gegen Mönchengladbach nicht wieder ihr anderes, weniger schönes Gesicht zeigt: „Es geht um den nächsten Schritt. Wie reagieren wir auf solch ein Spiel? Bleiben wir dran? Wir haben uns in zu vielen Spielen Nackenschläge eingehandelt.“

Eine ähnlich schwere Auswärtsaufgabe wartet schon gut zwei Stunden früher auf RB Leipzig bei Real Sociedad San Sebastian. Allerdings rückte für Domenico Tedesco für einen kurzen Augenblick sogar dieses Alles-oder-nichts-Spiel in den Hintergrund. Mit ernster Miene beschwor der Trainer ein gutes Ende im Ukraine-Konflikt. „Ich hoffe, dass eine friedliche Lösung dabei herauskommt“, sagte Tedesco, der am liebsten „über Fußball und nur über Fußball“ spricht. Doch der 36-Jährige ist ein Stück weit persönlich betroffen. Als Trainer habe er bei Spartak Moskau „eine sensationelle Zeit“ gehabt, „sowohl sportlich als auch aus menschlicher Sicht“. Und im Achtelfinale der Europa League könnte es zu einem Wiedersehen mit seinem Ex-Klub kommen.

Doch zunächst wartet am Donnerstag (18.45 Uhr/RTL+) die Hürde San Sebastian. Nach dem 2:2 im Hinspiel muss im spanischen Hexenkessel ein Sieg her. „Es ist ein K.-o.-Spiel und K.-o.-Spiele müssen auch so angegangen werden“, betonte Tedesco. Dass die Auswärtstorregel nicht mehr existiert, gefällt nicht nur Borussia Dortmund, sondern auch dem Leipziger Trainer „jetzt sehr gut“.